Seine Fußballer sind nach dem SSV Reutlingen Fußball die zweite Kraft im Landkreis Reutlingen. Der VfL Pfullingen gilt als ein seit Jahren erstklassig geführter Verein, der äußerst selten für negative Schlagzeilen sorgt. Dies ist mit ein Verdienst von VfL-Fußballabteilungsleiter Timo Schyska, der seit Jahren für Seriosität und Kontinuität wie kaum ein Zweiter steht. Der 51-jährige gilt als Vorzeige-Funktionär, führte seine blau-weißen Kicker von 2009 bis 2017 allein und ist seit 2017 einer von drei Fußballabteilungsleitern beim VfL Pfullingen. Zuvor war Schyska seinem Verein jahrzehntelang in anderen Ämtern verbunden, etwa als Pressewart.

Wie die Echaztäler, deren Erste Mannschaft in der sechstklassigen Verbandsliga kickt, mit der aktuellen Situation umgehen, erklärt Timo Schyska im Interview.

Seit einigen Tagen ist die Corona-Krise auch in Deutschland extrem präsent und hat das ganze Land vollkommen verändert. Ist die Absage aller Fußballspiele aus Ihrer Sicht richtig oder wären Geisterspiele eine Alternative gewesen?

Timo Schyska: Sie ist absolut richtig. Geisterspiele wären nie eine echte Lösung gewesen, auch nicht bei einem weniger schweren Ausbruch von Corona.

Das Land Baden-Württemberg hat eine Sportsperre bis 15. Juni verhängt, gestern aber wieder zurückgerudert. Denn das Sozialministerium machte klar, dass diese Sperre jeden Tag aufgehoben werden könnte, wenn es die Situation zulässt. Der Württembergische Fußballverband hingegen hat klargemacht, dass vor dem 20. April kein Ball rollen wird. Wie geht ihr beim VfL mit diesen Daten um?

Klar ist, dass sich aus beiden Umständen heraus nicht mehr die Frage stellt,  ob wir gegenwärtig noch an ein Mannschaftstraining denken sollen. Wie wohl inzwischen bei allen Klubs, haben unsere Trainer die Spieler auch mit individuellen Trainingsplänen versorgt, ähnlich wie in der Sommer- oder Winterpause. Und diese Übungsvorgaben werden dann im Rahmen der Möglichkeiten hoffentlich individuell von allen Akteuren penibel umgesetzt. Dass wir lange, auf unbestimmte Zeit, keine sportlichen Aktivitäten beim VfL Pfullingen sehen werden, ist uns natürlich bewusst.

Was kann man machen, um in einer solchen Situation das Vereinsleben aufrecht zu erhalten?

Fußball wird im Team trainiert und gespielt. Hinzu kommt das Gesellige. All das ist bis auf weiteres unmöglich, was das Vereinsleben natürlich erheblich einschränkt. Da müssen wir uns Alternativen einfallen lassen.

Wie sieht es mit den konkreten Konsequenzen für den VfL Pfullingen aus? Ist schon klar, dass es womöglich nun Probleme, etwa in der Finanzierung, geben könnte?

Unsere finanziellen Verpflichtungen sind überschaubar. In der Hinsicht erwarte ich keine Probleme. Ansonsten tun mir vor allem unsere vielen Kinder- und Jugendfußballer leid, die wochenlang zum Nichtstun verdammt sind.

Erwarten Sie für den Fall, dass die Saison nicht regulär beendet werden kann, größere Diskussionen um den Auf- und Abstieg?

Sicher wird es Diskussionen, je nach Entscheidung wahrscheinlich sogar Klagen geben. Es könnte eine Flut an Klagen sein. Der Verband ist gerade nicht zu beneiden, schließlich ist er auf so eine Situation nicht vorbereitet. Und dass die Saison nicht zu Ende gespielt wird, wird von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Ich bin davon überzeugt, dass man beim Württembergischen Fußballverband am liebsten die Saison zu Ende spielen würde.

Warum glauben Sie, dass der WFV die Saison durchboxen möchte?

Jetzt sind bei uns fast zwei Drittel der Runde absolviert, dazu würde rechnerisch genau nur noch eine Partie fehlen. Es gibt aufgrund der Einzigartigkeit dieser Pandemiekrise, die ein absolutes Novum darstellt, keine Rechtsgrundlage im Fußball. Normalerweise ist derjenige Klub Meister, der auf Platz eins steht, nachdem jeder gegen jeden gespielt hat. Wie soll man die Fußball-Ligen werten? Im Skispringen gibt es die Möglichkeit, nur den ersten von zwei Durchgängen zu werten, wenn eine Veranstaltung etwa durch Schnee und Wind abgebrochen werden muss. In den Frauenhandball-Bundesligen hat man die Saison abgebrochen, ohne Meister und ohne Absteiger. Das erscheint mir im Fußball in all den zahllosen Ligen kaum möglich zu sein. Ich befürchte eine beispiellose Flut an Klagen gegen die Wertungen, wenn man die Tabellen vor dem Abbruch am 8. März als Grundlage heranziehen würde. Man wertet doch einen 1000-Meter-Lauf auch nicht nach nur 600 Metern. Das Problem ist wirklich die fehlende rechtliche Grundlage.

Wären die Amateurteams nach einer langen Pause überhaupt in der Lage, die Saison vernünftig zu Ende zu spielen?

Vermutlich nicht. Gehen wir nur von sechs Wochen Pause aus – wobei ja durchaus noch einige mehr drohen. Dann hätten die Spieler sechs Wochen nicht auf dem Platz gestanden, was etwa der Sommerpause entspricht. Nur dass einer Sommerpause anschließend noch sechs Wochen Vorbereitung auf die Pflichtspiele folgen. Das würde im Falle der Corona-Zwangspause aber entfallen. Natürlich würde es alle Teams gleichermaßen treffen, aber realistisch erscheint solch ein Prozedere eher nicht. Schließlich geht es im Saisonfinale nicht um einen Apfel und ein Ei, sondern um Auf- und Abstiege oder wie bei unserer A-Jugend um die Qualifikation für die eingleisig geplante Verbandsstaffel.

Gibt es darüber hinaus weitere Probleme?

Ja, man denke nur an die Spielfelder. Eigentlich sollen sich die Rasenflächen im Juli erholen. Das ist aber unmöglich, wenn vielleicht bis Ende Juli auf den Böden gekickt werden muss. Hinzu kommen Komplikationen bei Vereinswechseln. Die Sechs-Monate-Frist bei Transfers ist gefährdet, wenn der Ball so unvorhersehbar lange rollen sollte. Dann wären Spieler am 9. September ablösefrei und die abgebenden Klubs würden in die Röhre schauen. Viele Spieler haben für den Juli Urlaub gebucht, auch das könnte Ärger geben.

Wie sollte aus Ihrer Sicht mit dem „großen“ Fußball im Profibereich verfahren werden? Sollte man in der Bundesliga die Saison abbrechen, nachdem die EM bereits verschoben wurde? Welche Ideen dazu sagen Ihnen am meisten zu?

Generell finde ich die Fortsetzung der Wettbewerbe ohne Publikum, wie es gerade angedacht ist, die schlechteste Lösung. Man hat in den wenigen ausgetragenen Geisterspielen europaweit gesehen, dass das keine Alternative ist. Der Druck geht natürlich von den Fernsehsendern aus, die ohne Fußballübertragungen riesige Verluste haben werden. Ich verstehe schon, dass der eine oder andere Profiverein enorme finanzielle Schwierigkeiten bekommen kann, vor allem in der 2. Bundesliga und 3. Liga. Der Spitzenfußball lebt von den Fans. Doch muss beim Suchen nach einem Ausweg die Gesundheit der Menschen immer im Vordergrund stehen. Darüber hinaus ist das, was ich mir heute vorstellen könnte, morgen aufgrund der Ereignisse sicher schon wieder Makulatur.

Gibt es sonst zu diesem Themenkomplex noch etwas, dass Ihnen wichtig zu sagen wäre?

Offenbar waren solche Situationen im Fußball  bislang unvorstellbar, deshalb gibt es dazu keine konkreten Regelungen in den Satzungen und Spielordnungen. Ich bin mir sicher, dass die Verbände dies für die Zukunft ändern und eine Rechtsgrundlage schaffen werden.

Abschließend: Gibt es Neuigkeiten vom Verbandsligisten VfL Pfullingen, die es mitzuteilen gilt? Trainerwechsel? Vertragsverlängerungen? Spielerwechsel?

Michael Konietzny und Rasmus Joost werden auch in der kommenden Saison das sportliche Sagen bei unserer ersten Mannschaft haben. Über mehr können wir in der aktuellen Lage nicht reden.