Nationalmannschaft Toni Kroos: Der Taktgeber findet seinen Rhythmus

Virtuose am Ball: Die meisten Angriffe der deutschen Elf laufen über Spielmacher Toni Kroos.
Virtuose am Ball: Die meisten Angriffe der deutschen Elf laufen über Spielmacher Toni Kroos. © Foto: Peter Schatz/MAGICs
Moskau / Armin Grasmuck 26.06.2018
Toni Kroos war das Sinnbild des schwerfälligen Auftakts der Nationalmannschaft in diese WM. Jetzt soll der Regisseur die Mitspieler ins Achtelfinale führen.

Wer den Weg seiner Karriere verfolgt, konnte bereits vor gut einem Jahrzehnt feststellen: Toni Kroos hat seinen eigenen Kopf, er steht auf eigenen Füßen und er geht seinen eigenen Weg. Selbst beim großen FC Bayern erinnern sie sich heute in einem respektvollen Mischmasch aus Nicken und Kopfschütteln an das Supertalent, das einst aus der Münchner Jugend hinaus in die Fußballwelt stürmte. Wie selbstbewusst und fein er den Ball zu streicheln wusste. Und wie gerne er sich nach dem Training in das Klubcafé setzte, sich den dicksten Burger bestellte, der auf der Speisekarte stand, und ihn langsam und genüsslich verzehrte – obwohl die Trainer die gesündere Ernährung predigten.

Das große Vertrauen, das er in sich und sein fußballerischen Stärken hegt, hat Kroos stets in sich getragen, selbst wenn es auf dem Platz manchmal hakte. Wie zuletzt in der Zitterpartie gegen Schweden, die er am Ende zu seinem Spiel machte, obwohl er speziell in der Anfangsphase weit unter den Möglichkeiten gespielt hatte. In diesem Augenblick, als die deutsche Mannschaft kurz davor war, unerwartet frühzeitig bei der Weltmeisterschaft auszuscheiden, schnappte er sich den Ball und zirkelte ihn in der allerletzten Sekunde per Kunstschuss in den Torwinkel, als sei es das Normalste auf der Welt. 2:1 für Deutschland, der Titelverteidiger kann sich am Mittwoch im Duell mit Südkorea nun doch aus eigener Kraft in das Achtelfinale der WM schießen. Kroos sei Dank.

Neue Rolle

„Wir leben noch!“, so jubilierte der Mittelfeldspieler nach der Partie: „Man muss erst mal die Eier haben, um so zurückzukommen. So ein später Sieg kann einen Push geben für die ganze WM.“ Es wirkte wie die klare Ansage des Mannes, der dabei ist, in der deutschen Auswahl das Kommando zu übernehmen. Bereits in den vergangenen Wochen und Monaten war deutlich zu vernehmen, wie er in diese Rolle drängt, die der Bundestrainer und auch die Mitspieler von ihm erwarten. Kroos ist 28 Jahre alt, als Weltmeister, viermaliger Gewinner der Champions League und Taktgeber des Spitzenklubs Real Madrid sportlich über jeden Zweifel erhaben. Er wirkt charakterfest und auch deshalb wie ein natürlicher Anführer der Nationalelf.

Bereits nach den unbefriedigenden Ergebnissen in den Testspielen im März gegen Spanien (1:1) und Brasilien (0:1) sowie im WM-Trainingslager in Südtirol ging Kroos, der zuvor nur selten als überaus kritischer Geist oder bewusst aggressiver Kommunikator aufgefallen war, verbal in die Offensive: „Wir sind uns bewusst, dass wir noch eine Schippe drauflegen müssen“, sagte der Spielmacher. „Aber es herrscht eine große Vorfreude. Wir haben oft bewiesen, dass wir da sind, wenn es losgeht.“ Es sollte jedoch bis in die zweite Hälfte der zweiten WM-Partie dauern, bis bei der deutschen Mannschaft der Knoten platzte.

Kroos war das personifizierte Sinnbild des äußerst schwerfälligen Starts in das Turnier. Der Regisseur, vor vier Wochen noch gefeierter Champions-League-Sieger in den Reihen Reals, wirkte speziell in der Auftaktpartie gegen Mexiko (0:1) überspielt, pomadig und antriebslos. Er leistete sich ungewohnte Fehlpässe, fiel durch unwirsche Gesten auf und hatte größte Mühe, den pfeilschnellen Gegenspielern hinterher zu kommen. Die erste Hälfte des Schlüsselduells mit den Schweden ge-
riet ihm nur wenig besser.

Löws laute Worte

Zwar lief weiterhin praktisch jeder Angriff über ihn. Doch an der Klarheit und der Effizienz, die sonst für Kroos’ herausragendes Können stehen, mangelte es erneut. Schlimmer noch: Mit einem Fehlpass leitete er sogar das Tor der Schweden ein. Es war doppelt auffällig, weil er den Weg in die Abwehr nur trabte. Da passte es ins Bild, dass ein schlampiges Zuspiel des Mittelfeldakteurs letztlich auch zu dem Nasenbeinbruch des Kollegen Sebastian Rudy führte, der unglücklich mit einem Schweden zusammenprallte.

Vielleicht lag es an der Ansprache des Bundestrainers Joachim Löw, der in der Pause lauter als sonst analysierte, dass Kroos wie die meisten der Mitspieler im zweiten Abschnitt den Rhythmus fand. In seinem Fall hieß das: präzise Pässe, überraschende Momente und Torgefahr. Der Kunstschuss kurz vor Schluss war mehr als nur einen Burger wert.

Erfolge zeichnen seinen Weg

Toni Kroos erblickte am 4. Januar 1990 wenige Wochen nach dem Mauerfall in der vorpommerschen Hansestadt Greifswald, die seinerzeit noch zur DDR gehörte, das Licht der Welt. Sein fußballerisches Talent war schnell offensichtlich. In der B-Jugend von Hansa Rostock wurde er 2005 deutscher Vizemeister, wenig später wechselte er zu Bayern München. Er wurde 17 Monate nach Leverkusen ausgeliehen, kehrte zurück und holte 2013 mit den Bayern das legendäre Triple. Nach dem WM-Triumph 2014 zog es ihn zu Real Madrid, mit den Königlichen gewann er zuletzt die Champions League dreimal nacheinander.

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