Fußball-WM So spannend werden die Viertelfinalspiele

Für die russischen Fans gab es bisher viel zu feiern.
Für die russischen Fans gab es bisher viel zu feiern. © Foto: Laurent Gillieron (dpa)
Ulm / Christoph Knauthe 05.07.2018
Nach dem deutschen Aus hat sich die WM hierzulande für Viele erledigt. Doch die übrigen Spiele bieten weiterhin Spannung.

Für Titelverteidiger Deutschland hat sich die Fußballweltmeisterschaft 2018 zu einer Blamage entwickelt. Nicht einmal die Gruppenphase überstand die Mannschaft. Das Ausscheiden des amtierenden Weltmeisters war jedoch nicht die erste Überraschung dieser WM und wird womöglich auch nicht die letzte bleiben. Acht Mannschaften sind noch im Rennen um den Pokal. Hierauf können sich die Zuschauer in der Viertelfinalrunde freuen:

Uruguay gegen Frankreich

Es war die französische Nationalmannschaft wegen der Deutschland 2016 aus der letzten Europameisterschaft ausschied. Die zwei durch Antoine Griezmann erzielten Tore bescherten den Franzosen den Sieg im Halbfinale - und zu dieser Zeit war ein Sieg gegen die deutsche Nationalmannschaft noch eine echte Leistung.

Spätestens seitdem der Weltmeister von 1998 im Achtelfinale auch Argentinien mitsamt Superstar Lionel Messi aus dem Weg geräumt hat, sollten Gegner gewarnt sein.

Doch man geht nicht ganz ohne Handicap ins Spiel. Griezmann, der sich auch in dieser WM fit und unverzichtbar wie eh und je präsentierte, gab kürzlich bekannt, dass er durchaus Sympathien für Uruguay empfinde. Das Land sei für ihn fast zu einer zweiten Heimat geworden.

Für die Uruguayer spricht aber noch weit mehr als das. Dank ihnen wird es in dieser WM kein Wiedersehen mehr mit Christiano Ronaldo und seinem jüngst für Verwirrung sorgenden Ziegenbärtchen geben. Denn mit einem 2:1 beendeten sie das Achtelfinale gegen Portugal.

Auch trickreich zeigte sich die uruguayische Nationalmannschaft - wenn auch abseits des Fußballplatzes: Auf ihren Trikots prangen vier Sterne trotz nur zwei Weltmeistertiteln. Mithilfe einer FIFA-Gesetzeslücke verewigte man zusätzlich zwei gewonnene olympische Wettbewerbe in den 1920er Jahren.

Im Viertelfinale müssen die Uruguayer jedoch womöglich auf Edinson Cavani verzichten. Der Schütze der beiden Tore im Achtelfinale hat sich während des Spiels verletzt. Den medizinischen Bericht teilte die uruguayische Nationalmannschaft auf Twitter.

Brasilien gegen Belgien

Aus der Ferne betrachtet, könnten die beiden Mannschaften kaum unterschiedlicher sein: Auf der einen Seite der Rekordweltmeister Brasilien mit sage und schreibe fünf Titeln. Auf der anderen Belgien, das noch nie eine WM gewonnen hat. Nichtsdestotrotz liegt Belgien auf der aktuellen FIFA-Weltrangliste mit Platz 3 direkt hinter Brasilien. Der Vollständigkeit halber muss hier erwähnt werden, dass die deutsche Nationalmannschaft noch vor beiden die Liste anführt - wie viel ihr das in der Praxis gebracht hat, ist bekannt.

Aber auch abgesehen von Statistiken und Ranglisten - dieses Spiel bietet von allen womöglich die beste Show. Beide Mannschaften haben die Zuschauer bisher prächtig unterhalten. Im Achtelfinale gegen Japan ging Belgien erst mit zwei Toren in den Rückstand. Die Belgier machten es spannend, holten auf und erzielten schließlich in der Nachspielzeit das entscheidende Tor. Eine Spielwendung wie sie im Buche steht.

Brasilien präsentierte hingegen eine weniger sportliche, dafür aber schauspielerisch bedeutendere Art der Unterhaltung. In den vergangenen Spielen geriet immer wieder Neymar in den Fokus. Das sollte er auch, schließlich gilt er als der teuerste Fußballspieler der Welt. In diesem Fall waren es aber keine fußballerischen Verdienste, die ihm das Rampenlicht bescherten. Sondern seine wiederholten Showeinlagen bei dem leichtesten Foul eines Gegners. Minutenlang rollte er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht über den Rasen und erntete dafür international Spott und Häme. Es ist zwar fraglich, ob auch Fußballspieler für einen Fernsehpreis nominiert werden können; Neymar hätte jedoch einen verdient.

Schweden gegen England

Schweden ist das einzige Land, gegen das die deutsche Nationalmannschaft in dieser WM gewonnen hat. Trotzdem sind die Schweden auch die einzigen, die noch aus Gruppe F übrig sind. Das Achtelfinale gegen die Schweiz haben sie mit einem 1:0 gewonnen.

Trainer Janne Andersson darf nun auch im Viertelfinale am Rande des Spielfelds sein Kaugummi malträtieren - und zwar als erster schwedischer Trainer seit 24 Jahren - so lange ist der letzte Einzug ins Viertelfinale her. Diese Leistung könnte das Selbstbewusstsein des Teams gestärkt haben.

Viel interessanter ist jedoch eigentlich die Frage, wie Zlatan Ibrahimović damit umgeht, dass seine ehemalige Mannschaft trotz seines Austritts 2016 zu diesem Kunststück fähig war.

Auch bei den Engländern dürfte die Erinnerung an ihre großen WM-Erfolge schon etwas verblasst sein. 1966 gewannen sie ihren bislang einzigen Weltmeisterschaftstitel.

Das Achtelfinale gegen Kolumbien gewannen sie denkbar knapp mit einem 5:4 nach Elfmeterschießen. Doch den Engländern reicht es allem Anschein nach endgültig, ihre Großväter danach fragen zu müssen, wie sich der Weltmeisterschaftspokal anfühlt. Für das Team könnte das, nun da er langsam in greifbare Nähe rückt, Ansporn genug sein.

Russland gegen Kroatien

Dieses Spiel trifft den Geist der WM 2018 wohl am besten. Nachdem sich Topmannschaften wie Italien oder Holland gar nicht erst qualifiziert haben und der amtierende Weltmeister Deutschland bereits in der Gruppenphase ausgeschieden ist, stehen sich im Viertelfinale zwei Mannschaften gegenüber, die in Bezug auf den Titelgewinn eher als Außenseiter gehandelt wurden - und dort sind sie nicht aus Zufall. Beide haben bereits selbst Mannschaften bezwungen, die als Titelfavoriten galten.

2014 setzte ihre Rolle als WM-Gastgeber die brasilianische Nationalmannschaft enorm unter Druck. Die Folge davon ist bekannt: Das 1:7 gegen Deutschland im Halbfinale. Den Russen jedoch scheint es anders zu gehen. Es war ihnen vorher kein einziges Mal gelungen, auch nur die Gruppenphase einer Fußballweltmeisterschaft zu überstehen, die Sowjetunion einmal ausgeklammert. In der Heimat zu spielen hat scheinbar eine beflügelnde Wirkung auf die „Sbornaja“.

Für ein Land mit nur knapp über vier Millionen Einwohnern weist der kroatische Kader eine erstaunliche Anzahl an Topspielern auf. Luka Modrić, Mario Mandžukić und viele weitere stehen seit Jahren bei europäischen Spitzenvereinen unter Vertrag. An Spielstärke mangelt es also auch den Kroaten garantiert nicht.

Bestimmt wollen die Kroaten mindestens so hoch hinaus wie zur WM 1998, als sie den dritten Platz erreichten. Die Russen hingegen haben in gewisser Art und Weise schon gewonnen.

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