Nationalmannschaft Nationalelf: Fehlstart im Luschniki

Moskau / Armin Grasmuck 18.06.2018

Der Lärm war ohrenbetäubend, als der iranische Schiedsrichter das Auftaktspiel der deutschen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft abgepfiffen hatte. 1:0 für Mexiko! Die vielen tausend Zuschauer im Luschniki-Stadion, die über ihre grünen Trikots als Anhänger der siegreichen Mannschaft zu identifizieren waren, jubilierten. Sie lagen sich in den Armen, schossen Fotos von diesem historischen Augenblick, manche ließen total enthemmt die Tränen fließen. Der erste Sieg im vierten WM-Spiel gegen die deutsche Auswahl, im Duell mit dem amtierenden Weltmeister dazu, die Mexikaner hatten allen Grund, ihre Fiesta zu feiern. Dagegen trugen die Deutschen schweren Frust aus der Moskauer Arena.

„Ungewohnte Situation“

„In der Tat ist es enttäuschend“, sagte Joachim Löw in seiner ersten Analyse nach der Partie: „Dass wir das erste Spiel verloren haben, ist für uns eine absolut ungewohnte Situation. Aber es ist immer irgendwann das erste Mal. Wir haben unser Spiel nicht gezeigt, wie wir das können. Darüber muss man reden, aber wir werden deswegen nicht auseinanderfallen. Wir müssen die Lehren daraus ziehen und es im nächsten Spiel besser machen.“

Der Bundestrainer sprach wie gewohnt in ruhigem und sachlichen Ton, doch seine Augen verrieten, wie schwer er von der Auftaktpleite getroffen war. Die Mängel, die seine Spieler auf dem Platz offenbart hatten, waren gravierend. Speziell die erste Hälfte wirkte wie ein kollektives Totalversagen. Das 1:0, das in der 35. Minute  nach einem der zahlreichen Ballverluste von Sami Khedira fiel, war die logische Konsequenz. Die Mexikaner starteten einen ihrer überfallartigen Angriffe mitten hinein in die völlig entblößte Abwehr des Gegners. Der bärenstarke Linksaußen Hirving Lozano umkurvte schließlich im Strafraum Mesut Özil, der kampflos zu kapitulieren schien. Ein knallharter Schuss aus zentraler Position, da war Manuel Neuer machtlos.

Warum ausgerechnet der offensive Mittelfeldspieler Özil, der keine ausgewiesenen Qualitäten im defensiven Zweikampf besitzt, als letzter Mann ausgetanzt wurde, dürfte eine der Fragen sein, die Löw beschäftigen. Das Gegentor schien wie die Quintessenz der deutschen Unzulänglichkeiten. Speziell in der ersten Hälfte wirkte der Titelverteidiger extrem pomadig, desorientiert und chronisch instabil. Pech kam dazu, als Toni Kroos einen Freistoß kurz vor Halbzeit an die Latte setzte. Im zweiten Abschnitt zeigte sich die deutsche Elf leicht verbessert. Große Möglichkeiten blieben gegen den mit großer Leidenschaft kämpfenden Gegner jedoch Mangelware. Im Gegenteil, die Mexikaner hatten in mehreren Kontern die besten Chancen, das Spiel frühzeitig zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Spielerische Mittel fehlten

Der ungenügende Auftritt der DFB-Auswahl wirkte wie die logische Folge aus den jüngsten Testspielen gegen Spanien (1:1), Brasilien (0:1), Österreich (0:1) und Saudi-Arabien (2:1). Es mangelte in allen Bereichen an Geschwindigkeit und speziell in der Defensive auch an Kompaktheit. Dem hoch dekorierten Mittelfeld fehlten Witz und spielerische Mittel, um gefährliche Angriffe einzuleiten. Khedira wirkte träge, selbst Kroos ungewohnt fahrig. Von Özil kam genauso wenig wie von Thomas Müller. Stark schienen sie nur im Gestikulieren. Auch die jungen Schwaben Joshua Kimmich und Timo Werner blieben in ihrem WM-Debüt weit unter den Möglichkeiten.

Das Projekt Titelverteidigung ist nach einem krachenden Fehlstart bereits in Gefahr. „Natürlich stehen wir unter Druck, ohne Frage, wir müssen jetzt sechs Punkte holen“, sagte Kroos. In der Partie am Samstag in Sotschi gegen Schweden geht es für den Weltmeister um alles.

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