Nationalmannschaft Nationalelf: Die Generation Malmö kämpft

Sotschi / Armin Grasmuck 22.06.2018
Mesut Özil, Mats Hummels und die Kollegen, die eine einzigartige Erfolgsgeschichte schrieben, haben bei der WM in Russland zum ersten Mal etwas zu verlieren.

Die natürliche Evolution verläuft in der Nationalmannschaft stets nach dem gleichen Muster. Ein zumeist junger Spieler qualifiziert sich über anhaltend starke Auftritte im Verein für höhere Aufgaben. Er wird in den Kreis der besten Fußballer des Landes aufgenommen, verfolgt mit großen Augen wie die Platzhirsche sich gebärden. Er etabliert sich, und irgendwann liegt es an ihm, eine der führenden Rollen in der deutschen Auswahl zu übernehmen. Timo Werner ist noch relativ frisch dabei. Die Weltmeister, die Champions-League-Sieger und die deutschen Meister, an deren Seite er gerade kickt, hat der 22 Jahre alte Schwabe jedoch bereits im Blick. „Die haben alle so viel gewonnen“, sagte Werner in seiner jugendlichen Unbekümmertheit am Trainingsplatz zu Sotschi. „Von denen will keiner in der Vorrunde ausscheiden.“

Doch für einige der hoch dekorierten Akteure im deutschen Kader geht es in der Zitterpartie am Samstag gegen Schweden um mehr als nur das nackte Ergebnis. Nach der überraschenden Pleite zum Auftakt gegen Mexiko (0:1) stehen speziell die Routiniers unter Druck. Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Toni Kroos, Mesut Özil und Thomas Müller – klangvolle Namen, die seit Jahren zu den Besten im Weltfußball zählen. Eine weitere Niederlage bei der Weltmeisterschaft, die gleichbedeutend mit dem Aus nach der Gruppenphase ist, beschädigt ihr sportliches Lebenswerk. Der einzigartigen Erfolgsgeschichte, die sie in den vergangenen Dekade geschrieben haben, droht ein schreckliches Ende. Das ist allen klar.

Siegeszug begann in Schweden

Es liegt in der Ironie des Fußballs, dass der historisch belegte Siegeszug ausgerechnet in Schweden begann. Malmö. 29. Juni 2009, Swedbank Stadion. Die deutsche Nationalmannschaft der Unter-
21-Jährigen triumphiert unter Trainer Horst Hrubesch im Endspiel der Junioren-Europameisterschaft 4:0 gegen den englischen Nachwuchs. In der Startelf stehen Neuer, Boateng, Hummels, Khedira und Özil. Der türkischstämmige Mittelfeldspieler, noch bei Werder Bremen unter Vertrag, erzielt den zweiten Treffer. Ein gewisser Sandro Wagner packt zwei weitere Tore drauf. Auch Andreas Beck, ausgebildet beim VfB Stuttgart und seinerzeit in Hoffenheim aktiv, gehörte zu den Europameistern, denen die Zukunft gehören sollte.

Die herausragenden Talente konnten sich bereits ein Jahr später auf der großen Bühne präsentieren. Bundestrainer Joachim Löw holte Neuer, Boateng, Khedira und Özil in den Kader für die WM 2010 in Südafrika. Wie Müller, Kroos und Mario Gomez, die ebenfalls zu den jungen Aufsteigern gehörten. Froh waren sie, dass es die Älteren gab, an denen sie sich orientieren konnten – Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker und Miroslav Klose, auch Lukas Podolski, den natürlichen Spaßvogel. So war es leichter zu verschmerzen, dass Michael Ballack, der eigentliche Kapitän und Anführer der Mannschaft, verletzungsbedingt passen musste.

Neuer hielt, Boateng und Khedira räumten ab, Özil zog geschickt die Fäden, Müller wurde Torschützenkönig – und zum Liebling der Nation, als er nach dem Schlusspfiff vom Rand des Spielfelds weg über das Fernsehen artig die Oma grüßte. Unvergessen sind die Partien im Achtelfinale (4:1 gegen England) und im Viertelfinale (4:0 gegen Argentinien). Die verjüngte deutsche Elf wurde in Südafrika am Ende Dritter und galt fortan als potenzieller Titelkandidat.

Der vierte Stern ist ihrer

Vier Jahre später machten sie sich unsterblich. Rio de Janeiro. 13. Juli 2014, Maracana-Stadion. Das WM-Finale. Die 113. Minute. Schürrle auf Götze, 1:0 gegen Argentinien – Weltmeister. Neuer, Boateng, Hummels, Kroos, Özil und Müller liefen in der Startelf auf. Khedira hatte sich beim Aufwärmen verletzt, Gomez gar vor der WM. Fünf Jahre nach dem EM-Triumph in der U 21 hatte die Generation Malmö den Höhepunkt erreicht. Der vierte Stern, der seitdem als Zeichen für den vierten WM-Titel nach 1954, 1974 und 1990 auf den Trikots der Nationalelf über dem Bundesadler strahlt, ist auf alle Zeit ihrer.

Dieser Stern hat Gewicht. Nach der Niederlage in der ersten Partie der WM 2018 haben die Helden von Rio zu spüren bekommen, wie hart sie sich im negativen Fall damit plagen müssen. Müde wirkten sie, träge im Duell mit den schnellen und bissigen Mexikanern. „Der Ehrgeiz und der Hunger sind bei uns vorhanden, aber alle anderen Mannschaften entwickeln sich weiter“, sagte Löw nach der Ankunft in Russland. In der von ihm ausgerufenen „Mission Titelverteidigung“ haben seine Weltmeister erstmals etwas zu verlieren. Es liegt an ihnen zu beweisen, dass sie mit dem Geist von Malmö den Gesetzen der Zeit trotzen können.

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