Rohrs Nigeria nach 1:2 raus Messi und Argentinien doch noch im Achtelfinale

St. Petersburg / Von Holger Schmidt, Philip Dethlefs und Arne Richter, dpa 26.06.2018

Diego Maradona klatschte mit geschlossenen Augen auf der Tribüne immer wieder in die Hände und ließ sich zu einer obszönen Mittelfinger-Geste hinreißen.

Lionel Messi bedankte sich artig bei allen Kollegen und nahm seinen Kumpel Javier Mascherano fest in den Arm. In einem dramatischen Spiel hat Vize-Weltmeister Argentinien den frühen WM-K.o. gerade noch abgewendet. Superstar Messi ebnete mit seiner ersten WM-Show in Russland den Weg und retteten seinem Trainer Jorge Sampaoli wohl vorerst den Job.

Der fünfmalige Weltfußballer schoss beim 2:1 (1:0)-Sieg der Albiceleste gegen Nigeria mit seinem ersten WM-Treffer nach 660 erfolglosen Minuten das 1:0 (14. Minute) und war mit dem 100. Tor des Turniers der Wegbereiter des so dringend benötigten Sieges. Nach dem Ausgleich durch Victor Moses (51.) per Foulelfmeter vor 64.468 Zuschauern sah es am Dienstagabend nach einem bitteren Vorrunden-Aus für Argentinien aus, doch Marcos Rojo erlöste Messi und den auf der Tribüne leidenden Maradona mit seinem Tor in der 86. Minute.

„Ich wusste, dass Gott mit uns ist und uns nicht verlassen würde“, sagte Messi und fügte an: „Wir waren zuversichtlich, dass wir dieses Spiel gewinnen würden. Es ist wunderbar, es auf diese Weise gewonnen zu haben. Es ist eine wohlverdiente Freude.“ Siegtorschütze Rojo triumphierte selbstbewusst: „Das haben wir gebraucht. Jetzt beginnt die WM für uns. Ich habe den Jungs gesagt, dass ich ein Tor schieße.“

Maradona hatte schon den frühen Treffer seines bisher bei dieser WM so enttäuschenden Fußball-Erben euphorisch bejubelt. Mit diabolisch anmutendem Blick schaute Maradona gen Himmel. Mit vier Punkten zog Argentinien als Gruppenzweiter hinter Kroatien in die K.o.-Runde ein und trifft am Samstag in Kasan auf Frankreich. Nigeria mit dem deutschen Trainer Gernot Rohr und dem gebürtigen Berliner Leon Balogun in der Abwehr ist dagegen mit drei Zählern ausgeschieden.

„Es tut unglaublich weh. Extrem bitter, der Innenverteidiger macht es. Wir haben extrem viel investiert. Unter dem Dauerbeschuss war nicht mehr möglich. Das ist Fußball. Das ist brutal“, sagte Balogun. „Sie haben toll gekämpft. Es lag an ein paar Zentimetern. Es hat nicht sollen sein“, meinte Rohr.

Für Messi und Gonzalo Higuain, der erstmals in der WM-Startelf stand, gab es vor dem Anpfiff von den Fans Applaus. Trainer Sampaoli wurde gellend ausgebuht. Der umstrittene Coach hatte nach dem bitten 0:3 gegen Kroatien das Team gleich auf fünf Positionen verändert - darunter in Franco Armani für Willy Caballero auch einen neuen Torwart aufgeboten.

Für das erste Highlight sorgte Maradona schon vor dem Anpfiff mit einem Tänzchen in der VIP-Loge. Zur Belustigung der Fans tanzte Argentiniens Fußball-Ikone mit einer Dame im Nigeria-Trikot. Trotz der desaströsen Stimmung der vergangenen Tage war also noch Platz für ein bisschen Party und Klamauk.

Bis zu Messis erstem Tänzchen dauerte es nur eine knappe Viertelstunde. Dann war er endlich wieder da, der zuletzt so phlegmatische Virtuose. Mit dem Oberschenkel nahm er einen Pass von Ever Banega mit und schob überlegt ein. Die Messi-Rufe der rund 25.000 Argentinien-Fans hallten durch die Arena.

Messi war das Herzstück des Spiels. Rohr hatte ihm keinen festen Bewacher zugeordnet. Er ging immer wieder tief ins Mittelfeld zurück, um sich dort die Bälle zu holen. Wenn es gefährlich wurde, war Messi beteiligt. Higuain schickte er gefährlich in die Gasse (27.). Nigerias Torwart Francis Uzoho (34.) lenkte mit den Fingerspitzen einen Freistoß des Superstars an den Pfosten.

Im Kabinengang versammelte Messi vor dem Anpiff der zweiten Halbzeit noch seine Kollegen um sich und beschwor sie mit eindringlichen Worten. Mascherano hatte wohl nicht gut zugehört und leistete sich ein dummes Halten gegen den in Berlin geborenen Balogun. Moses verwandelte lässig zum Ausgleich und feierte mit einem spektakulären Salto. Messi verfolgte die Szene mit stoischem Blick, Maradona schaute entsetzt drein.

Es blieben 40 Minuten Kampf für das nötige Tor. Mascherano, außer seinem Fehlgriff bester Argentinier, war von blutigen Schrammen im Gesicht gezeichnet. Messi mühte sich aber nun meist vergeblich. Statt Ballzauber gab es viele Fehlpässe. Glück hatten die Gauchos noch, als Schiedsrichter Cüneyt Cakir trotz Videobeweis nach Handspiel von Rojo nicht auf Strafstoß entschied. Und dann rettete genau dieser mit seinem späten Schuss ins Glück Messi, Maradona und Argentinien.

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