Nationalmannschaft Löw: Einfach ausgecoacht

Der große Verlierer der WM: Bundestrainer Joachim Löw.
Der große Verlierer der WM: Bundestrainer Joachim Löw. © Foto: Foto: Andreas Gebert/dpa, getty images Montage: swp
Frankfurt / Armin Grasmuck 29.06.2018

Der Titelverteidiger hat die Weltbühne des Fußballs verlassen. Sonderflug LH 343 sollte die deutsche Nationalmannschaft nach Frankfurt bringen. Um 11.40 Uhr passierte Joachim Löw den Flugsteig Nummer 29 des Moskauer Flughafens Wnukowo, um die Maschine zu besteigen. Es passte ins Bild, dass der Bundestrainer danach jedoch fast zwei Stunden warten musste, bis das Fluggerät den russischen Boden verließ. Die 16 Tage, die er mit seiner Mannschaft bei der Weltmeisterschaft verbracht hatte, dokumentierten den unfassbaren Niedergang des Weltmeisters, der als einer der großen Favoriten in das Turnier gestartet war.

Löw hat es zu verantworten, dass seine Auswahl in Rekordzeit zu der größten Lachnummer des internationalen Fußballs verkommen ist. „Ahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahha“, so oder so ähnlich twitterte etwa der brasilianische Sportsender Fox offensichtlich schadenfroh kurz nach dem Schlusspfiff der Partie gegen Südkorea (0:2), die das historisch Aus der deutschen Elf in der Vorrunde der WM besiegelte. Vor vier Jahren hatten Manuel Neuer, Thomas Müller und Kollegen auf dem Weg zum Titelgewinn die Südamerikaner noch im eigenen Land 7:1 deklassiert.

Es ist noch keine zwölf Monate her, da lag die Fußballwelt den Deutschen zu Füßen. Der Weltmeister hatte gerade mit einer Mannschaft, die der Bundestrainer aus Spielern der zweiten Reihe formierte, den Confed-Cup gewonnen. Die deutsche Auswahl der Unter-21-Jährigen hatte fast zeitgleich bei der Europameisterschaft triumphiert. Weltmeister, Confed-Cup-Champion, Junioren-Europameister, dazu zehn Siege in den zehn Spielen der Qualifikationsrunde für die Weltmeisterschaft in Russland – was konnte da bei der WM noch groß schiefgehen? Löw rief die „Mission Titelverteidigung“ aus. Die einzigen Fragen, die den Bundestrainer und ganz Fußball-Deutschland noch zu bewegen schienen, lauteten: Wie geht er es an? Und wen nimmt er mit nach Russland? Die 23 Spieler, die es in den WM-Kader schaffen, so wirkte es seinerzeit, sind die Auserwählten, die Besten aus der riesigen Gruppe von besonders Guten.

Ein Jahr später liegt der deutsche Fußball nun in Schutt und Asche. Ausgeschieden in der Vorrunde, das ist in 88 Jahren Weltmeisterschaft noch keiner deutschen Elf passiert. Löw ist in Russland wie die Akteure, denen er vertraut hatte, auf ganzer Linie gescheitert. Der Totalabsturz wirkt wie Summe der kleineren und kapitalen Mängel und Missgeschicke, die sich der Bundestrainer in den vergangenen Wochen und Monate leistete.

Zu große Selbstzufriedenheit. Die Erfolge, die Löw dem deutschen Fußball in seiner Amtszeit bescherte, haben ihn in den Stand des Unantastbaren gehoben. Löw führte seine Auswahl lange Zeit souverän und gelassen. Zuletzt schien er nur noch gelassen.

Spielerische Mängel. Spätestens seit Beginn des Jahres plagte sich die deutsche Auswahl mit erheblichen Defiziten auf dem Platz. Löw registrierte es, zeigte aber keine erkennbaren Reaktionen. Er baute darauf, dass bei der WM alle Spieler in Form sind.

Falsches Vertrauen. Der Bundestrainer war davon überzeugt, dass die Weltmeister von 2014 die Mannschaft in Russland führen können. Doch Özil, Khedira und Müller und Co. fielen durch.

Der Fall Erdogan-Özil-Gündogan. In der politischen heiklen Problematik verlor Löw seinen Kurs. Er ließ die klaren Worte vermissen.

Taktische Mängel. Es war auffällig, dass der Trainer, der lange auf der Höhe des Zeitgeists agiert hatte, bei der WM speziell gegen Mexiko böse ausgecoacht wurde.

Nächste Länderspiele

Nur 71 Tage Nach dem WM-K.o. beginnt für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit dem nächsten Länderspiel gleich der Anlauf auf den nächsten möglichen Titel. Am 6. September kommt es in München gegen Frankreich zur Auftaktpartie in der neuen Nationen­liga gegen Frankreich. Drei Tage später steht in Sinsheim das Testspiel gegen Peru an. Bis zum Jahresende wird die Gruppenphase der Nationenliga mit den weiteren Spielen in den Niederlanden am 13. Oktober, in Frankreich am 16. Oktober und gegen Oranje am 19. November in Gelsenkirchen fortgesetzt. Zudem gibt es noch einen Test gegen den aktuellen WM-Gastgeber Russland am 15. November in Leipzig.

Schließt Deutschland seine Nationenliga-Gruppe als Erster ab, qualifiziert sich das DFB-Team für das Finalturnier mit vier Mannschaften vom 5. bis 9. Juni 2019. Als Gruppenzweiter oder -Dritter in dem UEFA-Wettbewerb würde die Nationalmannschaft bei der Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen am 2. Dezember in Dublin hingegen einer Sechser- statt einer Fünfergruppe zugeordnet und würde zur gleichen Zeit zwei Spiele um die Turnierteilnahme 2020 bestreiten. Die ersten Partien der EM-Ausscheidungsrunde stehen dann im März kommenden Jahres an. dpa

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