Fußball WM 2018 Claudia Neumann: Die Hetze gegen sie ist Brunftschrei der Verunsicherten

Die Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann vom ZDF.
Die Fußball-Kommentatorin Claudia Neumann vom ZDF. © Foto: dpa
Moskau / Ulrike Sosalla 26.06.2018

Ich möchte jetzt mal Claudia Neumann kritisieren. Die ZDF-Moderatorin hat das Spiel Iran gegen Portugal kommentiert und in den Schlussminuten keine Glanzleistung hingelegt: Als Iran in der Nachspielzeit um ein Haar den entscheidenden Treffer gelandet hätte, der Portugal hätte aus dem Turnier werfen können, kam von ihr zu wenig.

So, fertig, damit wäre das Thema Claudia Neumann erledigt, alles gesagt. Oder?

Nein, eben nicht. Auch nach ihrem zweiten WM-Einsatz für das ZDF läuft in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung, der Pöbeleien und der übelsten Schmähungen gegen Neumann, der mit Kritik an ihrer Leistung nichts zu tun hat. Da sind Menschen (mutmaßlich Männer, häufig lassen die Twitter-Fantasienamen das nicht genau erkennen), die Vermutungen über die Arten des Geschlechtsverkehrs mit ZDF-Oberen anstellen, die Neumann in ihre derzeitige Position befördert haben könnten. Und andere (mutmaßlich ebenfalls männliche) Zeitgenossen, die sich mit ebensolcher Inbrunst ausmalen, welche anderen Jobs Neumann ausfüllen könnte statt zu kommentieren. Auch dabei geben sie uns leider allzu häufig einen unerbetenen Einblick in ihre eigenen kruden Sexualfantasien.

Genau das ist der Unterschied zu Bela Rethy, Tom Bartels und anderen Zielscheiben der 50 Millionen deutschen Fußball-Experten. Claudia Neumann ist nicht einfach nur ein Fußball-Kommentator, der kritisiert wird. Für eine kleine, aber lautstarke und sehr verletzende Minderheit steht sie für alles, was ihnen Angst macht. Oder, wie Sibylle Berg auf Spiegel Online zusammenfasst: „Die gefühlte Krise, in der sich die Welt zu befinden scheint, die Auflösung, das Zusammenbrechen der Systeme, die immer vor einer Weiterentwicklung stehen, ist auch eine Krise der Männlichkeit.“ Viele Männer „fühlen sich bedroht von fußballspielenden Frauen, Homosexuellen, Ausländern und Robotern, der Angst vor dem Aussterben“.

Das alles prasselt nach jedem Spiel auf Claudia Neumann ein. Es ist der Versuch, die Zeit zurückzudrehen, Frauen auf ihre Position irgendwo weit unten in der gesellschaftlichen Hierarchie zu verweisen. Gegen diese Art von Kommentaren sollten sich alle wehren, die eine gleichberechtigte Gesellschaft wollen. Oder, um es mit der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus zu sagen: „Kritik in der Sache zu üben ist erlaubt – aber bitte sportlich fair.

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