Nationalmannschaft Fußball-WM: Özil muss kämpfen

Konkurrenten um  zwei freie Plätze im deutschen Mittelfeld (v. l.): Marco Reus, Mesut Özil und  Julian Draxler.
Konkurrenten um zwei freie Plätze im deutschen Mittelfeld (v. l.): Marco Reus, Mesut Özil und Julian Draxler. © Foto: Andreas Gebert dpa
Moskau / Armin Grasmuck 15.06.2018
Der zentrale Mittelfeldspieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft droht nach mehreren Verletzungen und dem Wirbel in der Fotoaffäre seinen Stammplatz zu verlieren.

Die Zahlen sprechen klar für Mesut Özil. 90 Länderspiele hat er für die deutsche Nationalmannschaft, deren Trikot er bereits seit dem Jahr 2009 trägt, bestritten. Er ist Weltmeister und eine feste Größe in den Planspielen des Bundestrainers, der auch in schwächeren Phasen stets zu ihm hielt. Er spielte bei Real Madrid, wechselte für die horrende Ablösesumme von rund 50 Millionen Euro zum FC Arsenal. Die breite Gunst des Publikums, wie sie etwa die Kollegen Manuel Neuer, Thomas Müller oder Toni Kroos erfahren, konnte der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler jedoch nur selten genießen. Vor dem ersten WM-Auftritt der deutschen Auswahl am Sonntag gegen Mexiko wirkt Özil körperlich und mental angeschlagen. Er ist der einzige Weltmeister, der wackelt.

„Er hat überhaupt keine Probleme“, sagte Joachim Löw, als er in Moskau nach dem körperlichen Zustand des Spielers gefragt wurde. Garantie auf den Platz in der Startformation wollte er ihm allerdings keine geben. Özil muss sich mit den Kollegen Marco Reus und Julian Draxler um einen der noch zwei offenen Plätze im offensiven Bereich des Mittelfelds messen. Löw schürt den Konkurrenzkampf bewusst, weil Özil sich in den vergangenen Wochen mit hartnäckigen Schmerzen im Rücken und am Knie plagen musste – vor allem jedoch mit der äußerst kontrovers diskutierten Affäre um die Fotos, für die er und der Mitspieler Ilkay Gündogan mit dem türkische Präsidenten Erdogan posiert hatten.

Özil hielt sich in dieser Angelegenheit bedeckt, was viele seiner Anhänger verärgerte. Er sah keinen Grund, sich zu erklären, und er hat angekündigt, dass er weiter schweigen wird, was selbst im Kreis der Nationalmannschaft und an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes für Unverständnis sorgte. Oliver Bierhoff, der Manager der deutschen Auswahl, ließ anklingen, dass die Debatte um die Erdogan-Fotos durchaus „ein kleiner Aspekt“ sei, den Löw in die Wahl seiner ersten Elf einfließen lässt. Für den Bundestrainer zählen auch die jüngsten Eindrücke. „Sie sind wichtig, um zu sehen: Wer ist bereit, von Anfang an zu spielen?“ Vielleicht versucht Özil, sonst eher introvertiert und kein Meister der kontrollierten Körpersprache, im Training deshalb, bewusst positiv zu wirken. Doch kann der als höchst sensibel bekannte Profi den Wirbel der vergangenen Wochen einfach abschütteln?

Joachim Löw scheint Zweifel zu hegen, wie sein Kollege Thomas Schaaf, der Özil von 2008 bis 2010 in der Bundesliga trainierte „Ich kenne Mesut aus seiner Bremer Zeit“, sagte Schaaf dem Online-Portal Deichgrube: „Er wird die Kritik nicht einfach so abschütteln können, das wird ihn beschäftigen.“

Gelingt es Özil dennoch, den Bundestrainer zu überzeugen, wird er wie gewohnt die Rolle im zentralen Mittelfeld, direkt hinter Mittelstürmer Timo Werner übernehmen. Für Reus und  Draxler bleibt dann nur noch der Platz auf dem linken Flügel, den einer von ihnen besetzen wird. Reus überzeugte im Trainingslager, beim 2:1 zuletzt im Testspiel gegen Saudi-Arabien war er einer der Besten. Löw hält große Stücke auf den pfeilschnellen Dortmunder. Reus ist auch ein Anwärter auf die zentrale Position Özils.

Die Achse der Weltmeister

Wenn die deutsche Mannschaft am Sonntag gegen Mexiko ihre Mission Titelverteidigung startet, setzt der Bundestrainer auf Altbewährtes: Mindestens sieben, vielleicht sogar acht der neun Weltmeister im deutschen Kader werden beginnen. Manuel Neuer, Jerome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira, Toni Kroos und Thomas Müller sind gesetzt, Julian Draxler und Mesut Özil haben Chancen auf einen Platz in der Startelf, dagegen gehört Matthias Ginter nicht zum Kreis der Stammspieler. Joshua Kimmich, Jonas Hector und Timo Werner sind die Spieler ohne WM-Titel, die voraussichtlich beginnen.

Jerome Boateng hat die Aussagen von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge zu seiner sportlichen Zukunft kurz vor dem Start der WM als deplatziert bezeichnet. „Wir sind hier bei der Nationalmannschaft, es steht eine WM an. Das ist das
Thema für mich, das andere ist überhaupt kein Thema für mich. Ich weiß auch nicht, wozu die Aussagen getätigt wurden.“ dpa

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