20 Jahre nach WM-Triumph Frankreich träumt vom Titel - Zidane: „Warum nicht?“

Ist Frankreich reif für den WM-Coup? Foto: David Vincent
Ist Frankreich reif für den WM-Coup? Foto: David Vincent © Foto: David Vincent
Kasan / Von Stefan Tabeling und Miriam Schmidt, dpa 15.06.2018

Der Auftrag aus der Heimat kommt von höchster Stelle und soll Frankreich 20 Jahre nach dem Triumph von Paris zum zweiten Stern führen.

„Es steckt großes Potenzial in dieser Mannschaft. Warum soll sie denn nicht den Titel gewinnen?“, sagt Zinédine Zidane, der große Fußball-Held von 1998. Und auch sein damaliger Kollege Laurent Blanc hofft vor dem WM-Auftakt der Equipe tricolore gegen Australien am Samstag (12.00 Uhr) in Kasan auf den großen Coup: „Es liegt jetzt an ihnen, ihre eigene Geschichte zu schreiben.“

Die Erwartungshaltung ist groß in Frankreich - ob bei den Fans oder bei Präsident Emmanuel Macron („Bringt uns zum Träumen!“). Euphorie, die Didier Deschamps nicht stoppen will, gleichzeitig warnt der Coach aber auch. „Unsere Mannschaft ist noch sehr jung. Mannschaften wie Brasilien, Deutschland oder Spanien haben viel mehr Erfahrung“, sagt Deschamps, der 1998 als Kapitän den WM-Pokal in Empfang nahm. Das junge Alter vieler Profis im Team sieht der Coach aber nicht als Nachteil: „Die Spieler sind hier, weil sie die Qualität dafür haben.“ Verbandschef Noël Le Graët gibt das Halbfinale als Ziel aus.

Mit großen Erwartungen ist Frankreich in der Vergangenheit oft zu Turnieren gefahren - und enttäuscht wieder heimgekommen. Ein Eklat wie bei der WM 2010 im südafrikanischen Knysna, als es im Quartier zu einer Spielerrevolte gegen Trainer Raymond Domenech gekommen war, sei mit dieser Mannschaft aber unmöglich, sagt Le Graët. Das Team sei zwar jung, aber auch schon sehr erwachsen und verantwortungsvoll. „Das Verhalten ist beispielhaft, die Freundlichkeit, der Respekt.“

Exemplarisch sagt Jungstar Kylian Mbappé vor dem Auftakt: „Wir müssen unser Ego beiseite stellen.“ Es wurde gescherzt und gelacht in Teamquartier in Istra vor den Toren Moskaus. „Wir können es nicht abwarten, ins Turnier zu starten“, sagte Kapitän Hugo Lloris. Eine Stimmung, die auch Paul Pogba ansteckte, der nach einem schlimmen Jahr bei Manchester United und den Pfiffen der eigenen Fans im Kreis der Mannschaft allmählich wieder aufblüht. „Wir brauchen Paul“, sagt Deschamps wohlwissend, dass er nicht viele Führungsspieler hat.

Zur Ruhe trägt bei, dass die Stars vor dem Turnier weitgehend ihre Zukunft geregelt haben. Antoine Griezmann erklärte am Donnerstag in einem etwas skurrilen Fernseh-Video zur besten Sendezeit, dass er trotz des Super-Angebots vom FC Barcelona bei Atlético Madrid bleiben wird. Dort darf er zukünftig seinen Kollegen Thomas Lemar begrüßen, der wohl von AS Monaco kommt. „Das Wichtigste ist, dass er jetzt den Kopf frei hat für die WM“, sagte Deschamps über Griezmann.

Sorgenfrei ist Deschamps aber nicht. So überragend der Angriff mit Griezmann, Mbappé und Ousmane Dembélé auch ist, so unsicher scheint die Defensive. Beim WM-Titel 1998 kassierte Frankreich nur zwei Gegentore. Dazu im Vergleich: In den letzten sieben Länderspielen ließen die Franzosen acht Treffer zu. Die beiden Außenverteidiger Benjamin Mendy und Djibril Sidibé sind nach ihren Knieverletzungen noch nicht in WM-Form. Das könnte die Chance für den Stuttgarter Benjamin Pavard sein.

Und genau diese vermeintliche Schwachstelle will Auftaktgegner Australien mit schnellem Konterspiel nutzen. „90 Minuten Defensive machen keinen Sinn, dann haben wir keine Chance“, sagte Trainer Bert van Marwijk, der das Amt erst im Januar übernommen hat. „Wir haben vom ersten Tag an sehr hart gearbeitet. Wir hatten nicht viel Zeit“, sagte er. „Ich bin zufrieden mit der Vorbereitung.“

Die Socceroos sehen sich selbst als krasser Außenseiter in ihrer Gruppe, peilen aber dennoch den Sprung ins Achtelfinale an. „Ich hoffe, dass sie uns unterschätzen werden“, sagte der ehemalige Bundesliga-Coach van Marwijk über die Franzosen, die er als „eines der besten Teams der Welt“ adelte „Unser erstes Ziel ist es, die erste Runde zu überleben“, sagte der 66-Jährige. Von seinem Team fordert er gegen die hochkarätige Offensive einen mutigen Auftritt: „Man darf Respekt haben, aber man darf nicht beeindruckt sein.“

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