„Schon länger Zweifel“ Experten wollen WM-Debakel vorhergesehen haben

Bundestrainer Joachim Löw nach dem WM-Aus in Kasan. Foto: Andreas Gebert
Bundestrainer Joachim Löw nach dem WM-Aus in Kasan. Foto: Andreas Gebert © Foto: Andreas Gebert
München / Von Manuel Schwarz, dpa 28.06.2018

Ach, hätte doch irgendwer auf Uli Stein gehört! Der Ex-Torhüter hat zwar noch keine WM gewonnen und bei seiner einzigen Nominierung für die größte Fußball-Bühne lange vor dem letzten Spiel der DFB-Auswahl abreisen müssen. Aber das Debakel hatte der Fußball-Rentner vorausgeahnt.

Das behauptet Stein zumindest selbst. „Wir Ehemaligen haben schon lange gewarnt, wurden aber immer als dumme Schwätzer abgetan“, klagte er im „Kicker“ nach dem Aus der DFB-Auswahl in Russland. Ach, hätte Joachim Löw doch Stein nominiert! „Das spiele ich mit meinen 63 Jahren noch“, meinte er in Richtung Toni Kroos oder Mesut Özil. „Das hat doch mit Fußball nichts zu tun.“

Im Nachhinein ist man immer schlauer und neben rund 80 Millionen Möchtegern-Bundestrainern in Deutschland klingen die als Experten mehr denn je gefragten Ex-Profis oft am allerschlauesten. Das blamable 0:2 in Kasan gegen Südkorea, der letzte Tabellenplatz und damit das erste Vorrunden-Aus in der deutschen WM-Historie beflügeln ehemalige Besserkicker und aktuelle Besserwisser geradezu in ihren Abrechnungen.

„Vom ersten Tag an lief fast alles schief, die Mannschaft hat nie funktioniert“, erkannte Lothar Matthäus, der Weltmeister von 1990, in einer „Bild“-Kolumne. An selber Stelle schrieb der 57-Jährige übrigens zwei Wochen zuvor: „Bei der deutschen Mannschaft mache ich mir trotz der Vorbereitung keine Sorgen: Die Qualität zählt.“ Matthäus tippte damals auf einen Finaleinzug des Titelverteidigers.

Andere waren - angeblich - nicht so euphorisch. Bei Thomas Berthold, ebenfalls Champion von 1990, haben die Leistungen der deutschen Vereine zuletzt „schon länger Zweifel an der vorhandenen Spielerqualität aufkommen lassen“. Der 53-Jährige fragt zudem, „ob es sinnvoll war, vor der WM langfristig mit Jogi Löw zu verlängern“. Matthäus erkannte im englischen Boulevard-Blatt „The Sun“ „keine Führung, keine Leidenschaft, kein Spirit und den falschen Kader“.

Der Bundestrainer ist eines der Ziele der Experten in ihren Analysen nach dem Debakel von Russland. „Führung? Persönlichkeit? Mentalität?“, fragte etwa Michael Ballack bei Twitter provozierend und forderte eine „ehrliche Bewertung“. Der Vize-Weltmeister von 2002 ist in puncto Löw vorbelastet: Nach einer Verletzung, die ihn um die WM 2010 brachte, wurde er nicht mehr in die DFB-Elf nominiert.

Manche Ex-Kicker wirkten regelrecht persönlich beleidigt von den Vorstellungen ihrer Fußball-Erben in Russland - und hätten es ähnlich wie Uli Stein ohnehin besser hinbekommen. Mario Basler hatte schon nach der 0:1-Auftaktpleite gegen Mexiko in einer ARD-Talkshow mit einem Seitenhieb auf Kroos gesagt: „Ich wäre sicherlich gestern auch wenig gelaufen, aber ich hätte wahrscheinlich ein Tor gemacht und zwei vorbereitet. Das ist der große Unterschied.“

ZDF-Experte Oliver Kahn hatte nach dem deutschen WM-Fiasko eine Achse in der Mannschaft vermisst, von einem mehrere Tonnen schweren Nationaltrikot auf den Schultern der Spieler gesprochen und gemeint: „Es bleibt ein Rätsel, wie man in so einem Zustand der phasenweisen Apathie dieses letzte Gruppenspiel hingenommen hat.“

Zumindest das könnte man Stein, Basler und Matthäus zugestehen: Apathisch wäre ein Turnier mit ihnen wohl nicht verlaufen.

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