Nationalmannschaft „Rakete“ Reus muss es reißen

Außergewöhnlich im Tempo-Dribbling: Marco Reus.
Außergewöhnlich im Tempo-Dribbling: Marco Reus. © Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images
Sotschi / Armin Grasmuck 21.06.2018
Der pfeilschnelle Angreifer aus Dortmund wird das Angriffsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft beleben. Er ist als virtuoser Ideengeber und als effizienter Verwerter gefragt.

Der Bundestrainer gab sich locker. Vor der ersten Einheit in Sotschi schnappte sich Joachim Löw einen Ball und trickselte ein bisschen. Ein sanfter Pass mit der Innenseite des rechten Fußes, einer mit dem Außenrist, dann setzte er sogar einen Übersteiger. Fast 30 Grad, wolkenlos, nur eine leichte Brise aus dem Gebirge des Hinterlands. Da machte die Ballarbeit Spaß. Der Mann, der Löws Laune und das Wohlbefinden der deutschen Fußballanhänger nachhaltig steigern soll, machte sich derweil konzentriert im Kreis der Mitspieler warm: Marco Reus.

 Der 29 Jahre alte Angreifer von Borussia Dortmund ist praktisch über Nacht als großer Retter im Kader des arg gebeutelten Weltmeisters auserkoren worden. Jetzt muss Reus ran, so lauteten die einhelligen Kommentare, die nach dem desaströsen Auftritt der deutschen Elf beim 0:1 zum Auftakt der Weltmeisterschaft gegen Mexiko laut wurden.

Löw hat es bislang nur angedeutet, doch in der wegweisenden Partie am Samstag gegen Schweden wird der pfeilschnelle Angreifer mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von Beginn an spielen. „Der Trainer hat die Aufstellung noch nicht bekannt gegeben“, sagte Reus in Sotschi. „Ich werde im Training Gas geben und mich anbieten. Natürlich hoffe ich, dass ich zum Einsatz komme und helfen kann.“

Spritzig und technisch versiert

Die zig Millionen Bundestrainer, die speziell während der WM ihre mehr oder weniger profunden Analysen kundtun, und andere sogenannte Experten waren eigentlich davon ausgegangen, dass Reus bereits im Duell mit den Mexikanern in der Startelf steht. Er hatte sich mit feurigem Einsatz im Trainingslager in Südtirol aufgedrängt. Auch im letzten Testspiel vor der WM, beim wackeligen 2:1 gegen Saudi-Arabien, hatte er sich im Gegensatz zu den meisten Kollegen in der deutschen Mannschaft engagiert, spritzig und technisch versiert präsentiert.

„Marco ist eine Rakete“, so lobpreiste ihn Löw schließlich: „Ich nehme ihn als Spieler wahr, der wahnsinnig geschickt, intelligent und überraschend spielt für den Gegner. Er hat ein unglaubliches Können in seinen Aktionen, es wirkt so leicht und spielerisch. Sein Timing ist richtig, auch im Passspiel. Er ist raffiniert im Abschluss. Er wirkt auf mich sehr gut.“ Es bleibt sein ureigenes Geheimnis, warum er in der Auftaktpartie der WM auf den Ausnahmespieler verzichtete.

Es scheint, als habe sich der Bundestrainer in dieser Personalie verzockt. Er setzte im Spiel gegen Mexiko auf das Gerüst der Weltmeister von 2014 und wollte Reus offenbar noch für den weiteren Verlauf des Turniers schonen – wie der Spieler nach der Partie berichtete. Reus verriet dass ihm Löw bereits in Südtirol gesagt habe, dass er zu Beginn nicht spielen werde, „weil wir davon ausgehen, dass das Turnier sehr lang geht und ich vor allem in den wichtigen Spielen ...“, dann unterbrach sich Reus selbst. In der Auftaktpartie wurde der Angreifer erst in der 60. Minute eingewechselt. Er zeigte ein paar gute Ansätze, doch im Kreis der lahmenden Mitspieler wirbelte er gänzlich allein auf weiter Flur, und ging mit unter.

In der Partie gegen die Schweden wird er das Angriffsspiel der deutschen Elf von Beginn an beleben. „Ich habe den Ehrgeiz zu spielen“, sagte Reus mit gewohnt leiser Stimme. „Auf welcher Position ist mir egal.“ Im offensiv Bereich kann er praktisch überall eingesetzt werden. Auf den klassischen Außenpositionen, links oder rechts, im zentralen Bereich oder als vorderste Spitze.

Er könnte den formschwachen Spielgestalter Mesut Özil ersetzen oder Timo Werner, dem in den Spielen auf internationaler Ebene naturgemäß noch die Routine fehlt. Eine Variante könnte sein, dass Reus wie im Spiel gegen die Saudis im stetigen Wechsel mit den Außenstürmern Thomas Müller und Julian Draxler rotiert und auf diese Weise versucht, die schwedische Abwehr durcheinander zu wirbeln.

Es ist die ideale Gelegenheit, sich endlich auf der großen Bühne des Weltfußballs zu präsentieren. Gemessen an seinem Talent und den herausragenden Fähigkeiten, gehört Reus eigentlich seit Jahren in die Kategorie der internationalen Klasse. Doch Verletzungen, 25 belegte allein in den vergangenen fünf Jahren, warfen ihn immer wieder zurück. Auch als die Nationalelf vor vier Jahren bei der Weltmeisterschaft triumphierte, fehlte er. Jetzt muss Reus die Weltmeister mitreißen.

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