Einfach abziehen – hat sich Giulia Gwinn gedacht, als sie an der Strafraumgrenze den Ball erhielt. 66. Minute, Spielstand 0:0, fünf Chinesinnen direkt vor ihr. Die 19-Jährige zieht ab. 1:0. Mit ihrem Treffer sichert sie der deutschen Nationalmannschaft den ersten Sieg bei der Weltmeisterschaft in Frankreich. „Ich hatte ein bisschen Platz und habe eine Lücke gesehen“, sagt Gwinn. Der Befreiungsschlag in einem zerfahrenen Spiel, in dem den Deutschen zeitweise die Gelassenheit am Ball fehlte und sie sich von der Härte und den grenzwertigen Fouls der Chinesinnen aus der Ruhe bringen ließen.

Giulia Gwinn: Die Drittjüngste wird „Spielerin des Spiels“

Für Gwinn, die in Ailingen am Bodensee aufgewachsen ist, ist es das erste Spiel bei einem der großen Turniere mit der Frauen-Nationalmannschaft.  Die Fifa wählt sie zur „Spielerin des Spiels“, was vermutlich auch ohne den entscheidenden Treffer passiert wäre. Präsent, zweikampfstark, schnell, ob auf der Außenbahn oder als Linksverteidigerin: Giulia Gwinn ist  Drittjüngste im Team, und für Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg schon unverzichbar.

Und noch eine Spielerin, die mit ihren vier Länderspielen kaum Erfahrung auf internationalem Rasen hat, macht auf sich aufmerksam: Lena Oberdorf, 1,74 Meter groß, robust und kopfballstark.  Die Essenerin stellt bereits durch ihre Einwechslung einen neuen Rekord auf: Mit 17 Jahren und 171 Tagen ist sie die jüngste Spielerin, die jemals bei einer WM  für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Platz stand. Dieser Titel gehörte bis Samstagnachmittag noch Ausnahmespielerin Birgit Prinz, die mit 17 Jahren und 223 Tagen debütierte.

„Das ist krass...“ - Lena Oberdorf zu ihrem neuen Rekord

Doch um Statistiken schert sich Oberdorf nur wenig: „Echt? Das wusste ich gar nicht. Das ist krass...“ Mit der Vorgabe Präsenz im Zentrum zu zeigen und Ruhe ins Spiel zu bringen, wird die 17-Jährige in der 46. Minute von Voss-Tecklenburg eingewechselt. Nicht ganz überraschend, die Bundestrainerin hatte ihr das vor der Partie schon angedeutet. Die Stammkräfte im zentralen Mittelfeld, Marozsán und Leupolz, sind angeschlagen. Die junge Nummer Sechs spielt auf der Sechs, später Innenverteidigerin. „Viele sagen mir, dass ich nicht nervös rüber komme“, sagt die 17-Jährige, „innerlich ist das aber eine andere Geschichte.“ Oberdorf setzt das um, was Voss-Tecklenburg an der Außenlinie von ihr fordert. Souverän verteilt sie die Bälle, setzt ihren Körper gegen die aggressiven Chinesinnen ein, kassiert die erste gelbe Karte ihrer kurzen Nationalmannschafts-Karriere.

Voss-Tecklenburg lobt Oberdorf für ihre Präsenz im Zentrum

Auf dem Platz lege sich die Nervosität relativ zügig, sagt die 17-Jährige: „Weil es ja das gleiche Spiel ist, dass wir alle seit Jahren spielen.“ Von der positiven Rückmeldung zu ihrem Auftritt ist Oberdorf überrascht, die gesamte Mannschaft habe doch in der zweiten Halbzeit eine Reaktion gezeigt. Aber auch die Bundestrainerin lobt: „Wir brauchten physische Präsenz im Mittelfeld und wenn man das mit der Jüngsten erreichen kann, dann spricht das auch für Lena.“

In Gevelsberg, ihrem Heimatort, geht sie in die 11. Klasse. Während die anderen Spielerinnen auf dem Trainingsplatz in Rennes standen, musste sie noch eine Klausur zu Ende schreiben – im Leistungsfach Sport. Was in dieser Woche schwerer war? „Definitiv das Spiel“, antwortet sie keck und lacht. Mit zwölf Jahren spielte Oberdorf bei der U  14-Nationalmannschaft das erste Mal im deutschen Trikot, vergangenen Sommer wechselte sie von der TSG Sprockhövel zum Bundesligisten SGS Essen. „Ich gewöhne mich langsam daran überall die Jüngste  zu sein“, sagt sie, „und beim Vier-gegen-Zwei immer in die Mitte zu müssen.“

Gwinn kommt vom Bodensee, hat beim FV Ravensburg gekickt

Bei Giulia Gwinn lief es ähnlich:  Mit 16 Jahren stand sie das erste Mal in der Bundesliga auf dem Platz. Von der Jungsmannschaft des FV Ravensburg ging es für sie 2015 zum SC Freiburg. Mit 18 gab sie ihr Debüt in der Nationalmannschaft. Und jetzt, mit 19 Jahren, ist sie die Spielerin des deutschen WM-Auftaktspiels. „Ich glaube, das gelingt mir keine zweites Mal“, sagt Gwinn über ihren Treffer vor den rund 15 000 Zuschauern in Rennes. Auch Unterstützung aus der Heimat ist dabei, ihre Eltern jubeln im Roazhon Park mit. „Man sieht einfach wie stolz sie sind und wie sie das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekommen.“

Am Mittwoch geht es weiter – Marozsán fehlt gegen Spanien

In der Partie gegen China mussten die deutschen Spielerinnen  einiges einstecken. Beim ersten Training im neuen DFB-Quartier in Lille fehlten einige. Entwarnung gab es bereits bei Alexandra Popp und Almuth Schult. Am schlimmsten hat es Dzsenifer Marozsán erwischt, die eine Verletzung am rechten Knöchel davontrug. „Dzsenifer wird gegen Spanien definitiv nicht spielen“, sagte Co-Trainerin Britta Carlsen am Dienstag im „Morgenmagazin“ der ARD.

Im Stade du Hainaut in Valenciennes trifft die Nationalmannschaft im zweiten Vorrundenspiel auf Spanien (Mittwoch 18 Uhr/ZDF), größter Mitfavorit in Gruppe B. Den gesamten Spielplan zur Weltmeisterschaft 2019 zum Download findest du hier.

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