Fußball Reha nach Russland-WM: Nationalelf braucht noch viel Zeit

Perus Torhüter ist geschlagen. Mit Nico Schulz (Nr. 14) erzielte ein Nationalmannschafts-Debütant und Abwehrspieler den 2:1-Siegtreffer. Thomas Müller freut sich mit dem Hoffenheimer.
Perus Torhüter ist geschlagen. Mit Nico Schulz (Nr. 14) erzielte ein Nationalmannschafts-Debütant und Abwehrspieler den 2:1-Siegtreffer. Thomas Müller freut sich mit dem Hoffenheimer. © Foto: Daniel Roland/afp
Sinsheim / Gerold Knehr 11.09.2018

Irgendwo zwickt’s immer. Diese bittere Erkenntnis musste schon mancher Reha-Patient machen.  Erst klemmt’s im Rücken. Scheint das Problem behoben, zwackt’s prompt im Knie. Der Weg zur Gesundung ist oft steinig und schwer.

Ähnliches erfuhren in den vergangenen Tagen auch Joachim Löw und seine Fußball-Nationalmannschaft. Nach der verkorksten WM in Russland ging es in den Länderspielen gegen Frankreich (0:0) und am Sonntagabend in Sinsheim gegen Peru (2:1) um Rehabililtation, also um die Rückkehr aus dem WM-Krankenlager in die Fußball-Normalität.

Gegen den Weltmeister war in München das erste Ziel, die in Russland wacklige Defensive zu stabilisieren. Das ist mit dem „zu Null“ gelungen.  Gegen die Südamerikaner sollte das zuletzt stockende Offensivspiel – in den vorausgegangenen zehn Länderspielen hatte die DFB-Auswahl nur acht Treffer erzielt – wiederbelebt werden. Das klappte nur leidlich. Der Leverkusener Julian Brandt und Länderspiel-Debütant Nico Schulz von 1899 Hoffenheim trafen zwar. Doch etliche weitere gute Chancen in einer zwar unterhaltsamen, teilweise aber auch wirren Begegnung wurden zum Teil kläglich vergeben. Und, schlimmer noch: In der Defensive brachen bei den Kontern der quirligen und schnellen Peruaner wieder jene Abwehrlöcher auf, die nach dem Frankreich-Spiel gestopft zu sein schienen.

Die Bilanz nach den ersten beiden Nach-WM-Begegnungen ist zwiegespalten. Den Spielern ist das Engagement nicht abzusprechen. „Der Ehrgeiz brennt, die WM auszumerzen. Eine Jetzt-erst-recht-Reaktion ist zu spüren“, glaubt der Bundestrainer. Doch verlässliche Rück­schlüsse für die Zukunft boten die beiden Begegnungen nur wenige. Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Löw im bisherigen Rechtsverteidiger Joshua Kimmich einen jungen Strategen für das defensive Mittelfeld und somit einen Nachfolger für den nun nicht mehr benötigten Sami Khedira (31) gefunden hat. „Gegen Frankreich habe ich mir noch nicht soviel zugetraut, habe viel quer und zurückgespielt. Gegen Peru habe ich mehr riskiert. Aber nicht alles hat geklappt“, sagte der aus Rottweil stammende 23-Jährige. Dennoch war Löw mit ihm zufrieden  und plant den Münchner auch in den nächsten Spielen auf der Sechser-Position ein.

Zwischenzeile

Dringend gesucht hingegen wird ein Stoßstürmer, der Pässe in die Tiefe von Toni Kroos oder des gegen Peru überzeugenden Ilkay Gündogan verwerten kann. Marco Reus und Timo Werner, die sich in der zentralen Sturmspitze abwechselten, fühlen sich wohler, wenn sie mit Anlauf über die linke Seite kommen und dort ihre Schnelligkeit ausspielen können. Auf der rechten Seite sammelte Julian Brandt, der Torschütze zum 1:1-Ausgleich, Pluspunkte. Ein ausgesprochener Knipser, der kaltschnäuzig vor dem gegnerischen Tor seine Chance nutzt, fehlt dem Team jedoch. Nach der Ära Miroslav Klose und den Rücktritten von Mario Gomez und Sandro Wagner herrscht hier ein Vakuum. Ein Test mit dem Freiburger Nils Petersen bietet sich an, der auf eine Chance, sich erstmals über 90 Minuten beweisen zu dürfen, wartet.

Dass kurz vor Schluss doch noch der Treffer zum 2:1-Sieg fiel, war eher einem glücklichen Umstand zu verdanken. Nico Schulz, der beim Peruaner Führungstreffer keine gute Figur abgegeben hatte, traf den Ball gar nicht richtig, und auch der ansonsten gute Gästetorhüter Gallese sah nicht gut aus. „Der geht nur hier in unserem Stadion rein“, räumte der Debütant nach seinem persönlichen Happy-End offen ein.

Am 13. und 16. Oktober wird das Projekt WM-Rehabilitierung fortgesetzt. Bei den Nations-League-Begegnungen in den Niederlanden und Frankreich geht es um den nächsten Schritt. Und um die Wiederherstellung der verletzten WM-Ehre.

Saurer Grindel auf „Mailwurf“-Suche

DFB-Präsident Reinhard Grindel hat den Wirbel um die Veröffentlichung interner E-Mails zum Austragungsort des Länderspiels gegen Peru als „absurde Diskussion“ bezeichnet. Er kündigte ein Klärung der Vorfälle und Abläufe innerhalb des Deutschen Fußball-Bundes an. Rund um das Spiel gegen Peru hatte es Aufregung um den Austragungsort gegeben. Angeblich soll sich Grindel gegen den vorgesehenen Spielort Frankfurt ausgesprochen haben, weil er im Vorfeld der Vergabe der EM 2024 am 27. September Befürchtungen hegte, Eintracht-Ultras könnten die Bewerbung mit Ausschreitungen oder Bengalos torpedieren. Deshalb sei das Spiel ins beschauliche Sinsheim verlegt worden. Das Nachrichtenmagazin Spiegel hatte am Wochenende den E-Mail-­Verkehr zwischen Grindel und dem Vizepräsidenten Rainer Koch zu diesem Thema veröffentlicht. Nun sucht der DFB den „Maulwurf“ beziehungsweise „Mailwurf“. 

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