Berlin / Von Jens Mende und Klaus Bergmann, dpa  Uhr

Vor dem Start seines neuen Jobs als Zehn-Tage-Bundestrainer radelte Marcus Sorg im noblen Villenvorort von Venlo mit seinem engsten Betreuerstab erst einmal entspannt in den Wald.

Zwar sprach der Assistent des verhinderten Joachim Löw von einer besonderen Herausforderung, als er lange vor seinen Spielern im Teamhotel De Bovenste Molen eintraf. Doch für größere Nervosität sieht Sorg keinen Grund. DFB-Direktor Oliver Bierhoff sicherte ihm alle mögliche Unterstützung zu: „Wir werden alles tun, um auch ohne Jogi die beiden Länderspiele erfolgreich zu bestreiten.“

Das alternativlose Ziel für den Saisonabschluss hatte Löw schon vorgegeben, bevor er krankheitsbedingt seinen Job an Sorg abgeben musste. „Alles andere als sechs Punkte wären eine Enttäuschung“, formulierte der wegen einer Arterien-Quetschung in einer Klinik behandelte Bundestrainer mit Blick auf die Partien zwei und drei der Fußball-Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation. Sorg, bisher als Löws Co-Trainer vor allem als beobachtender Tribünen-Adler in der Öffentlichkeit bekannt geworden, muss nun als Jogi-Ersatz am Samstag in Borissow gegen Weißrussland und drei Tage später in Mainz gegen Estland den Sechs-Punkte-Auftrag erfüllen.

Der Ersatz-Bundestrainer steht vor einer ungewohnten Aufgabe und den zugleich verantwortungsvollsten Tagen seiner Trainerlaufbahn: Der 53-Jährige muss im Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit nicht nur seinen erkrankten Vorgesetzten ersetzen, sondern ein wenig auch aus der eigenen Haut schlüpfen. Seit ihn Löw im März 2016 in seinen Stab holte, genoss der gelernte Diplom-Ingenieur für Grundlagen- und Bauphysik eher den Schatten des Bundestrainers. Er brauche keinen Prominentenstatus, sagte Sorg einmal bescheiden über sich selbst. Als Mensch aus Baden-Württemberg sei er einfach „ein wenig reservierter“.

Jetzt muss der in Ulm geborene Sorg die Stars nach einer langen Saison nochmals motivieren und auf ein Toplevel bringen, obwohl die letzten Wettkämpfe für die meisten Spieler schon mehr als zwei Wochen zurückliegen. Der DFB hat deshalb ein Kurz-Trainingslager bis zum Freitag in den Niederlanden organisiert. Dort war die DFB-Auswahl gegen den stärksten Gegner in der EM-Quali Ende März mit einem 3:2-Erfolg gestartet. Gegen die Außenseiter Weißrussland und Estland soll der Aufschwung beim deutschen Team nun untermauert werden.

Beim Treffpunkt schrieb Kapitän Manuel Neuer vor dem vom DFB exklusiv gebuchten Hotel Autogramme für die wenigen wartenden Fans. Sein Ersatzmann beim FC Bayern, Sven Ulreich, war kurzfristig auch eingeladen worden. Erstmals überhaupt ist der ehemalige Stuttgarter im A-Kader dabei. Der 30-Jährige ersetzt im DFB-Torhüterpool den am Daumen verletzten Bernd Leno vom FC Arsenal.

„Wenn er in dieser Saison gebraucht wurde, war er da und hat beim FC Bayern Top-Leistungen gezeigt. Das ist eine große Qualität“, lobte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke den Neuling. Neben Leno fehlen die angeschlagenen Toni Kroos, Marc-André ter Stegen und Antonio Rüdiger im 100.000 Einwohner zählenden Venlo nahe der deutschen Grenze.

Im kleinen Stadion De Koel, in dem das deutsche Team seine Übungseinheiten absolviert, ist Sorg schon ab Montag als Moderator, Taktiktrainer und Beobachter gefragt. Mit den seit vergangenem Jahr vom Weltverband erlaubten Hilfsmitteln Headset und Tablet-Computer hatte sich der Löw-Assistent bei der WM in Russland die Spiele der deutschen Elf von der Tribüne aus angeschaut und seinem Chef von dort berichtet. Es gehe darum, „gewisse Dinge zu sehen, die man von unten nicht erkennen kann“, erläuterte Sorg seine damalige Aufgabe.

Auch wenn die WM-Mission 2018 in Russland krachend scheiterte und auch der Bundestrainer schwer in die Kritik geriet, ging es weiter mit Löw. Sorg wurde danach sogar zum ersten Co-Trainer befördert. Der dienstältere Thomas Schneider fungiert nur noch als Chefscout.

Die Chefrolle hat Sorg eigentlich nie angestrebt, obwohl er schon mit 33 Jahren seine Trainerlaufbahn startete. Über die Stuttgarter Kickers, die TSF Ditzingen, den Heidenheimer SB und den SSV Ulm kam er 2008 zum SC Freiburg. Dort rückte Sorg 2011 als Bundesliga-Coach erstmals ins Rampenlicht. Allerdings war die Premiere wegen schlechter Resultate nach einem halben Jahr schon wieder beendet.

Sorg arbeitete danach wieder ohne den Druck der Öffentlichkeit, erst als U17-Trainer beim FC Bayern, dann als Nachwuchscoach beim DFB. Für seinen Kurzjob als Bundestrainer bekommt er neben Torwartcoach Köpke noch Antonio di Salvo an die Seite gestellt, mit dem er schon die U19-Auswahl des DFB betreute und zum EM-Sieg 2014 führte.

Es sei eine „große Herausforderung, der Mannschaft mit wenig Einheiten, großem Personalwechsel und wichtigen Spielen die Balance beizubringen, wieder den Schritt nach vorne zu machen“, bemerkte Sorg vor sieben Monaten. Nun kann und soll er als Chef für zehn Tage dafür sorgen, dass der viermalige Weltmeister weiter aus dem Tal kommt und auf Kurs zur EM 2020 bleibt.

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