WM-Analyse Joachim Löw zieht Konsequenz nach WM-Debakel

Bundestrainer Joachim Löw räumt eigene Fehler bei der WM ein. Foto: Sven Hoppe
Bundestrainer Joachim Löw räumt eigene Fehler bei der WM ein. Foto: Sven Hoppe © Foto: Sven Hoppe
München / DPA/swp 30.08.2018

Nach der WM-Blamage in Russland hörte man lange Zeit nichts von Bundestrainer Joachim Löw. Nun äußerte er sich in einer 110 Minuten langen Pressekonferenz. Themen waren unter anderem die größten Fehler und die Zukunft der Mannschaft.

Rücktritte und neue Talente

Unter anderem reagiert er auf die lautstarke Kritik mit der Versetzung von Co-Trainer Thomas Schneider, dem Verzicht auf Ex-Weltmeister Sami Khedira und der Berufung von drei neuen Talenten.

Zudem nominierte der Bundestrainer am Mittwoch für den Saisonauftakt der deutschen Nationalmannschaft am 6. September in München gegen Weltmeister Frankreich und drei Tage später in Sinsheim gegen Peru in Leroy Sané, Jonathan Tah und Nils Petersen die drei Feldspieler, die er kurz vor der WM noch gestrichen hatte.

Insgesamt sind beim Neubeginn noch 17 Spieler aus dem WM-Kader dabei. Dazu kommen die Länderspiel-Neulinge Thilo Kehrer (Paris Saint-Germain), Nico Schulz (1899 Hoffenheim) und Kai Havertz (Bayer Leverkusen). Aus dem WM-Aufgebot hatten zuvor lediglich Mesut Özil und Mario Gomez ihren Rücktritt erklärt. Dazu sind derzeit der dritte Torhüter Kevin Trapp sowie der derzeit verletzte Marvin Plattenhardt und der Neu-Schalker Sebastian Rudy außen vor.

Verkleinerung des Trainerstabes

Auch im Trainer- und Betreuerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wird es einige Änderungen geben.

Der Trainerstab wird zukünftig neben Bundestrainer Joachim Löw nur noch aus Assistent Marcus Sorg und Torwarttrainer Anders Köpke bestehen. Der ehemalige Co-Trainer Thomas Schneider wird zukünftig die Scouting-Abteilung der DFB leite.

Auch der erweiterte Betreuerstab wird zukünftig deutlich kleiner sein. Im Vergleich zum WM-Aufgebot werden demnach elf, im Vergleich zu normalen Länderspielen sieben Personen weniger im Einsatz sein, wie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff am Mittwoch in München erklärte.

Löw kritisiert sich selbst

Löw räumte bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Vorrunden-K.o. in Kasan eigene Fehleinschätzungen ein. „Mein allergrößter Fehler war, dass ich geglaubt habe, dass wir mit unserem dominanten Stil durch die Vorrunde kommen. Wenn wir dieses Spiel spielen, müssen alle Rahmenbedingungen stimmen, damit wir dieses hohe Risiko auch tolerieren können. Diese Rahmenbedingungen haben in diesen Spielen bei uns nicht gepasst“, sagte der Bundestrainer. „Es war fast schon arrogant. Ich wollte das auf die Spitze treiben und es noch mehr perfektionieren. Ich hätte die Mannschaft vorbereiten müssen so wie es 2014 der Fall war, als es eine Ausgewogenheit gab zwischen Offensive und Defensive.“

Bierhoff sieht das Fehlen der richtigen Einstellung als einen Hauptgrund für das historische Scheitern in Russland. Erstmals bei einer WM war ein DFB-Team schon in der Vorrunde gescheitert. „Wir sind selbstgefällig aufgetreten, wir haben die Unterstützung der Fans für zu selbstverständlich gehalten“, sagte Bierhoff. Man habe gedacht, dass das ein Selbstläufer sei.

Die Sportliche Leitung der Nationalmannschaft habe vor und während der Fußball-WM in Russland das Thema Mesut Özil „absolut unterschätzt“, räumte Löw ein. „Wir dachten, dass wir das Thema aus der Welt schaffen mit dem Treffen beim Bundespräsidenten. Mein einziger wichtiger Gedanke war, uns richtig auf die WM vorzubereiten“, sagte der 58-Jährige zu den Fotos von Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Er habe mehrfach versucht, Özil zu erreichen, sagte Löw. „Es ist mir nicht gelungen, ihn ans Telefon zu bekommen.“ Das müsse er nun akzeptieren. „Dieses Thema hat Kraft gekostet, dieses Thema war nervenaufreibend, weil es immer wieder da war“, ergänzte Löw. Es sei aber nicht der Grund für das vorzeitige WM-Aus in Russland gewesen.

Mit Blick auf Gündogan appellierte Löw an die Fans, den Profi nicht mehr auszupfeifen. „Ich hoffe auf das Verständnis von allen Fans. Er hat unter der Situation sehr gelitten“, sagte Löw und fügte hinzu: „Ilkay hat sich nochmals bekannt zu den deutschen Werten, zur Mannschaft.“ Eine Nichtberücksichtigung des Profis von Manchester City sei kein Thema gewesen. „Ich sehe in ihm einen Spieler, der den Durchbruch bei uns schafft“, sagte Löw.

Löw verteidigt seine Mannschaft

Die Tür steht auch weiterhin Rio-Held Mario Götze offen, auch wenn dieser derzeit außen vor ist. „Er ist bei uns nicht abgeschrieben. Er hat ein gutes Alter und man weiß, dass er gute Qualitäten hat“, sagte Löw. Er solle sich in Dortmund mal wieder richtig zeigen, dann werde er mit Sicherheit wieder ein Thema.

Unterdessen verteidigte Löw seine Mannschaft gegen Vorwürfe über mangelnde Professionalität im WM-Quartier. „Unsere Spieler sind wirklich wahnsinnig professionell“, sagte der 58-Jährige, räumte aber auch ein, dass einmal zwei Tage nach einem Spiel das Internet abgestellt worden sei. „In der Regel sind unsere Spieler auf ihren Zimmern. Was sie da machen, werden wir auch nicht immer kontrollieren. Dass sie nachts mal im Internet sind, ist alles auch nicht völlig unnormal. Das waren nicht die entscheidenden Dinge, dass wir das vergeigt haben.“

Das Aufgebot der Deutschen Fußball-Nationalmanschaft gegen Frankreich:

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