Vor WM-Auftakt Löw warnt vor Mexiko: „Gegner, der uns alles abverlangt“

Watutinki / Von Klaus Bergmann, Jens Mende und Christian Kunz, dpa 13.06.2018

Im großen Kino-Saal des früheren Gästehauses von Wladimir Putin verkündete Joachim Löw mit zwei Stunden Verspätung seine ersten WM-Botschaften auf russischem Boden.

Mehr als hundert Reporter aus aller Welt lauschten auf den roten Sesseln den Worten des Bundestrainers, der im DFB-Medienzentrum den Fans in der Heimat Hoffnung machte, aber ein vorlautes Titelversprechen bewusst vermied. „Es ist ein Stück weit gefährlich, wenn man bei einem Turnier schon an den vierten, fünften, sechsten Schritt denkt“, mahnte Löw.

In der Abgeschiedenheit des Quartiers in Watutinki ist alles ausgerichtet auf den Auftakt am Sonntag (17.00 Uhr). Die Partie im Moskauer Luschniki-Stadion gegen Herausforderer Mexiko muss zu einer Initialzündung werden. „Das wird ein schwieriges Spiel“, räumte Löw ein, der aber grundsätzlich „guter Dinge“ ist. „Wir haben eine gute Energie in der Gruppe. Ein paar Prozent fehlen noch. Auf dem Zenit wird die Mannschaft erst im Turnierverlauf sein.“

Einige Baustellen muss Löw im Eiltempo bearbeiten. Mesut Özil und Ilkay Gündogan will er nach der für ihn lästigen Erdogan-Affäre „in den Flow bringen“. Zudem setzt der Chefcoach darauf, dass neben dem lange verletzten Kapitän Manuel Neuer auch Jérôme Boateng nach einer Oberschenkelverletzung sofort wieder „ein Pfeiler und Leader“ sein wird. Dazu soll ein unbeschwerter WM-Neuling zünden: Timo Werner. Löw wies dem 22 Jahre jungen Leipziger eine tragende Turnierrolle zu. „Ich sehe ihn gut, ich sehe ihn gefährlich, er tut unserem Spiel mit seiner Schnelligkeit zu. Er hat besondere Fähigkeiten.“

Der Tagesablauf geriet am Mittwoch nach dem öffentlichen Training vor rund 500 jungen Fans durcheinander, weil alle auf DFB-Präsident Reinhard Grindel warten mussten. Erst mit massiver Verzögerung traf der Verbandschef nach dem FIFA-Kongress zur Auftaktpressekonferenz in Watutinki ein. „Überall steigt das WM-Fieber“, berichtete Grindel. Der Delegationsleiter traf im Teamhotel 23 Spieler, die „hochmotiviert und sehr konzentriert auf Sonntag zusteuern“.

In dem abgeschiedenen Hotelkomplex südlich der Millionen-Metropole Moskau soll sich jener WM-Geist entwickeln, der die Mannschaft zum fünften WM-Titel tragen könnte. „Das hat den Charme einer guten, schönen Sportschule“, äußerte Löw über die Unterkunft, die nicht mit dem sagenumwobenen und am Meer gelegenen Campo Bahia von Brasilien 2014 vergleichbar ist. „Die Euphorie und Begeisterung im Campo hat sich auch erst entwickelt. Das hängt schon mit den Spielergebnissen zusammen“, bemerkte Löw: „Die Spieler haben hier alle Möglichkeiten, um sich auf Spannung zu bringen.“

Nur wenige Minuten Fahrzeit entfernt liegt das Trainingsgelände des Armeeclubs ZSKA Moskau, auf dem Löw so geheim wie nie zuvor die Taktik für den Ernstfall gegen Mexiko erproben kann. Am ersten Tag öffneten sich die Tore des von Soldaten bewachten Übungsgeländes für das vom Weltverband allen Teams auferlegte öffentliche Training.

Auf dem laut Löw noch „ein paar Millimeter zu hohen Rasen“ gingen die 23 Spieler bei Sonnenschein mit großem Engagement zur Sache. Julian Draxler blieb einmal im Rasen hängen. Für das Mexiko-Spiel bestehe aber „keine Gefahr“, beruhigte Löw sofort. Sami Khedira konnte das Training wegen Rückenproblemen nicht komplett durchziehen.

Die Lust auf den Ball war den Spielern auch bei einem intensiv geführten Mini-Turnier mit drei Acht-Mann-Teams anzusehen, bei dem alle sechs Spiele unentschieden endeten. Zwei Akteure standen im Fokus: Gündogan schoss als Einziger zwei Tore. Und Özil musste gleich in zwei Teams ran und alle Partien absolvieren. Von der Knieprellung, wegen der Löw den Spielmacher bei der von Pfiffen gegen Teamkollege Gündogan geprägten WM-Generalprobe gegen Saudi-Arabien (2:1) geschont hatte, war beim Spielmacher nichts mehr zu erkennen. Vielmehr lautete eine Erkenntnis des Tages: Auch Özil wirkt startklar für Mexiko.

Anders als zuletzt in der Heimat gab es vom jungen Trainingspublikum in Watutinki auch keine Pfiffe gegen Gündogan und Özil. Zum Treffen des Duos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan ist für Löw „alles gesagt“. Er hoffe, dass beide Spieler nach der Ankunft in Russland „im Kopf den Schalter umlegen“ können. Löw konzentriert sich ab sofort auf seinen Job als Trainer: „Meine Aufgabe heißt, beide Spieler, die unter der Situation gelitten haben, so in Form zu bringen, dass sie einen Mehrwert für die Mannschaft haben.“

Die „Hammer“-Nachricht des Tages war für Löw das Trainerbeben beim WM-Mitfavoriten Spanien, wo der zu Real Madrid wechselnde Chefcoach Julen Lopetegui kurz vor dem Turnierstart aus dem Amt gefegt wurde. Erleichtern werde das den deutschen Traum vom fünften WM-Triumph aber nicht. „Die Spanier verlieren nichts von ihrer Klasse“, mahnte er.

Löws Blick fokussiert sich auf den Turnierauftakt. „Alles ist ausgerichtet auf Sonntag. Und ich weiß, die Mannschaft wird sich nochmal steigern diese Woche.“ Auch den weitgehend entschiedenen Kampf um die Startelfplätze (Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Hector - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Draxler oder Reus - Werner) will der Weltmeistercoach beim nun geheimen Feinschliff offensiv schüren: „Wir haben intern schon einen Konkurrenzkampf. Was die Aufstellung betrifft, da habe ich noch ein paar Tage Zeit.“

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