Diese mutige Aussage des Kapitäns verblüffte. Ein knappes Jahr nach dem historischen WM-Debakel in Russland sprach Manuel Neuer schon wieder von neuen Ruhmestaten und Titeln.

„Wir wollen nach dem guten Spiel in Holland so weitermachen. Wir wollen die EM-Qualifikation so durchziehen, dass wir im nächsten Sommer bei der EM 2020 so gut und konkurrenzfähig dastehen, um den Titel zu gewinnen“, sagte der 86-malige Nationalspieler in Venlo: „Wir wollen im nächsten Sommer angreifen!“ Der 33 Jahre alte Anführer Neuer setzt darauf, dass der von Bundestrainer Joachim Löw eingeleitete Umbruch nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Russland und dem Abstieg in der Nations League im Eiltempo gelingt.

Dass Löw wegen Durchblutungsstörungen zum Saisonabschluss nicht aktiv mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an einer neuen EM-Reife arbeiten kann, sondern sein Assistent Marcus Sorg das Team führt, soll in den anstehenden Punktspielen am Samstag in Weißrussland und drei Tage später gegen Estland keine negativen Auswirkungen haben. „Das sind wichtige Spiele. Wir wollen sechs Punkte mitnehmen“, nannte Bayern-Torwart Neuer das Zwischenziel.

Die Mannschaft wolle zudem dem verhinderten Löw, der sich von den Folgen einer Arterien-Quetschung erholt, „zeigen, dass er sich total auf uns verlassen kann“, erklärte der DFB-Kapitän. Siegen für Jogi! Damit Löw in der kommenden Saison an der Titelqualität seiner neuen Mannschaft mit international begehrten Jungstars wie Leroy Sané oder Kai Havertz ohne großen Qualifikationsdruck weiterarbeiten kann. „Wir müssen das konzentriert und konsequent angehen“, sagte Neuer zur Doppelaufgabe in Borissow und Mainz: „Wir wissen, dass dies in dieser Phase der Saison keine leichte Aufgabe ist.“

Die Partie gegen Außenseiter Weißrussland, der in der Gruppe C bereits in Holland (0:4) und in Nordirland (1:2) zweimal verloren hat, wird für Neuer und seine 21 Teamkollegen zu einem Willenstest. „Die Spieler sind nicht in dem Rhythmus, in dem sie sein würden, wenn die Spiele in der Saison stattfinden würden“, bemerkte Löw-Stellvertreter Sorg. Auf zwei Ebenen arbeiten die deutschen Spieler deshalb in der niederländischen Grenzstadt Venlo, um mental und körperlich nochmals für 180 Minuten fit zu sein.

Auf dem Trainingsplatz war am Dienstag eine Doppelschicht angesetzt. Zuvor waren die Spieler auf dem Badesee Blaue Lagune in der Nähe von Straelen mit Kajaks und Stand-up-Paddles unterwegs. „Die Bausteine, die mit dem Umbruch bei der Nationalmannschaft einhergehen“, sollen auch ohne Löw „weiter zusammengefügt werden“, betonte Sorg.

Das betrifft den sportlichen und zwischenmenschlichen Bereich. Die neuen Nationalspieler seien hochmotiviert, berichtete Neuer: „Man merkt die Positionskämpfe. Ich versuche als erfahrener Spieler zu helfen. Das ist ein Prozess.“ Noch aber gebe es viel zu tun, müssten sich alle weiter kennenlernen.

Vieles wird davon abhängen, wie schnell sich bis zum EM-Sommer 2020 ein neues Teamgefüge herausbildet. Noch gibt es keine stabile Hierarchie, auch keinen „offiziellen Mannschaftsrat“, wie Neuer berichtete. „Wir sind alle sehr jung“, sagte stellvertretend für die neue Generation der Leverkusener Jonathan Tah (23): „Aber wir haben auch alle schon Erfahrungen auf hohem Niveau gesammelt. Wir sind jetzt gefordert, das Zepter mehr in die Hand zu nehmen.“ Tah wird wie der Leipziger Lukas Klostermann (23) nach den beiden A-Länderspielen auch noch die U21-EM in Italien bestreiten.

Dass die Jungprofis auch ohne ganz große Erfolge in ihrer Vita bei der weiter fortschreitenden Kommerzialisierung des Profifußballs inzwischen mit schwindelerregenden Marktwerten, Ablösesummen und Gehältern in Zusammenhang gebracht werden, soll das Teambuilding im Nationalteam nicht stören. „Die Summen interessieren uns nicht so sehr. Wichtig ist, dass wir den Wert nicht verwechseln mit dem Wert des Menschen. Da sind wir alle klar im Kopf“, bemerkte Abwehrmann Tah. Team-Senior Neuer formulierte es ähnlich: „Für mich geht es als Kapitän nicht um Summen. Es geht darum: Ist einer ein guter Typ? Ist er für den Fußball gemacht? Auf dem Platz geht es nicht darum, wer welches Auto fährt, wer welche Uhr oder welche Jacke trägt.“

Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff versprach für die weiteren Tage bis zum Abflug am Freitag nach Minsk: „Wir werden hier eng zusammenrücken und konzentriert trainieren.“ Auch das öffentliche Training am Mittwoch (17.30 Uhr) in Aachen, das vom Nischensender RTL Nitro live übertragen wird, soll nicht nur zum Fan-Spaß werden. Sorg will taktische Varianten für den Ernstfall in Weißrussland testen.

Alle 30 500 kostenlosen Tickets sind vergeben. „Es zeigt die Begeisterung, dass wir das Stadion voll haben“, bemerkte Bierhoff. Die Fans reizt das junge, runderneuerte DFB-Team. Löw-Vertreter Sorg kennt gerade die jungen Spieler bestens aus seiner Zeit als U19-Coach. Der 33 Jahre alte Neuer hofft auch deshalb, dass es „sehr schnell geht“ mit der Entwicklung der Mannschaft, um bei der EURO 2020 tatsächlich schon wieder um den Titel mitspielen zu können.