Zürich / Nadine Vogt Handspiel oder nicht? Die große Regel-Reform bleibt aus, Neuerungen kommen trotzdem. Das sagt Ex-Fifa-Referee Knut Kircher dazu.

Neues zum Handspiel, dem Verhalten in der Freistoßmauer und Roten Karten für die Trainer: Das International Football Association Board (IFAB), ein achtköpfiges Gremium das für das Fußball-Regelwerk zuständig ist,  hat einige Änderungen beschlossen. Die großen Reformen, vor allem was die umstrittene Auslegung des Handspiels angeht,  blieben jedoch aus. Von Juni an gelten die neuen Regeln, die auch im Amateursport greifen. „Es ist ein Schritt in Richtung Klarheit für den Zuschauer“, sagt der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Knut Kircher aus Rottenburg. Beim Thema Handspiel spricht er von einem „kleinen Mosaik-Steinchen.“ Der 50-Jährige sagt: „Wer mehr erwartet hat, wird in diesem Punk vielleicht enttäuscht.“ Ein Überblick über die bisher bekannten Neuerungen. 

Handspiel: Auswirkung statt Absicht entscheidend

Die Diskussion „Hand oder nicht Hand“ begleitet jeden Bundesliga-Spieltag. Zu Beginn der Saison sorgte besonders eine Szene für Aufregung: Als Bayerns Thomas Müller in der 86. Minute von Mitspieler Leon Goretzka am Arm angeschossen wurde – und der Ball ins Tor der TSG Hoffenheim sprang. Nach Videobeweis erkannte der Unparteiische den Treffer ab. TSG-Direktor Alexander Rohsen sagte hinterher, was viele dachten: „Die Handregel kapiere ich sowieso nicht, da entscheidet eh jeder, was er will.“ Ganz so sei einfach ist es nicht, sagt Knut Kircher: „Aber es gibt einen Graubereich.“ Der in diesem Punkt größer sei, als bei anderen Entscheidungen. Das Regelwerk sieht nämlich bislang folgende Kriterien vor: Ein Verstoß liegt vor, wenn sich die Hand des Spielers absichtlich zum Ball bewegt oder die Position der Arme unnatürlich ist – wenn er beispielsweise die Arme zum Schutz in der Mauer vors Gesicht nimmt. Zwar liegt dann keine Absicht vor, die Hände haben auf Kopfhöhe aber nichts verloren, heißt es. Generell spielt auch die Entfernung von Gegner und Ball eine Rolle. Der Schiedsrichter muss sich folgende Frage stellen: Hätte der Spieler überhaupt eine Chance gehabt, dem Ball auszuweichen?

Der Bundestrainer hat seinen Kurs radikal verändert: Aus den Stützen für den Neustart sind Auslaufmodelle geworden. Der FC Bayern kritisiert die Umstände der Ausmusterung. Thomas Müller hat kein Verständnis. Nun muss sich Löw an seiner Konsequenz messen lassen.

Neue Ergänzung

Künftig wird auch unabsichtliches Handspiel vom Referee geahndet, zumindest wenn daraus ein Tor oder ein entscheidender Vorteil für das angreifende Team entsteht. Nicht mehr die Bewertung des Schiedsrichters – ob Absicht, unnatürlich oder nicht – ist ausschlaggebend, sondern die Auswirkung des Handspiels. Thomas Müllers „Arm-Treffer“ gegen Hoffenheim hätte nach dieser neuen Regel also nicht zählen dürfen. Strafbar soll ab Juni  außerdem die Position der Hand über Schulterhöhe sein. Ex-Fifa-Schiri Kircher sagt: „Ein Stück weit hat sich die Handregel damit vereinfacht.“

Freistoß-Mauer: Der Gegner muss weg

Es wird am Trikot gezupft, auf die Füße getreten, mit dem Ellbogen gearbeitet: Wer in der Mauer vor dem Freistoß steht, muss einstecken können. Angreifer und Verteidiger bedrängen sich häufig heftig. „Die Mauer ist ein Unruheherd“, sagt auch Knut Kircher, der aus eigener Erfahrung weiß: „Da passiert alles mögliche, weil sich keiner den Platz rauben lassen will.“ Der Schiedsrichter muss deshalb Geduld beweisen, nicht selten mehrmals ermahnen, bis er die Ausführung des Freistoßes freigeben kann.  Künftig soll Schluss sein mit dem Gedränge. Denn nach neuer Regel dürfen Spieler der angreifenden Mannschaft nicht mehr in der Mauer stehen. Sie müssen mindestens einen Meter Abstand halten. „Ich finde diese Regel gut, weil sich der Schiedsrichter zumindest darüber keine Gedanken mehr machen muss“, sagt Kircher.

Strafen: Rot für den Trainer

Vorsicht gilt künftig für Trainer und Vereinsoffizielle. Denn auch sie sollen vom Unparteiischen die Rote beziehungsweise Gelbe Karte gezeigt bekommen können. Eine Regeländerung mit Symbolcharakter, denn an den Strafen ändert das Karten-Zeigen nichts. Wie bislang kann der Schiedsrichter den Provokateur an der Seitenlinie verwarnen (Gelbe Karte) oder auf die Ränge schicken (Rote Karte).  „Das verdeutlicht die Entscheidung für alle“, sagt Kircher, weil es die Eskalationsstufe für Zuschauer und Fans sichtbar mache.

Schiedsrichter: „Bisher keine Handhabe“

„Das Spiel soll gerecht sein“, sagt Kircher, der 2012 den Titel „DFB-Schiedsrichter des Jahres“ erhalten hat. Deshalb begrüßt er eine Veränderung besonders: Die Unparteiischen sollen künftig die Partie unterbrechen können, wenn sie selbst angeschossen werden und vom Abpraller beispielsweise ein gegnerischer Angreifer profitiert. Dann folgt ein Schiedsrichter-Ball.  „Als Schiri hatte man bislang keine Handhabe, das Spiel zu unterbrechen“, sagt Kircher. „Und wenn die Wirkung verheerend ist, ist man selbst daran schuld.“ 

Auswechslungen, Strafraum, Elfmeter: Was sonst noch neu ist

Den Spielablauf weniger beeinflussen sollen künftig Auswechselungen. Statt auf Höhe der Mittellinie geht’s für den Spieler an der nächstgelegenen Außenlinie vom Feld. Bei Torabstößen oder Freistößen muss der Ball den eigenen 16-Meter-Raum nicht mehr verlassen, bevor ein anderer Spieler die Kugel berührt. Und bei Elfmetern gilt künftig: Der Torwart muss die Torlinie nur noch mit einem Fuß berühren, nicht mehr mit beiden.

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„Durch die 1. und 2. Bundesliga werden die neuen Regeln schnell transparent“

Knut Kircher leitete als Fifa-Schiedsrichter über 500 Spiele auf nationaler und internationaler Bühne. Vor drei Jahren beendete der Rottenburger seine aktive Karriere. Regelmäßig ist er noch als Schiedsrichter-Beobachter im Stadion. Beim Württembergischen Fußballverband ist er im Vorstand des Bereichs Ehrenamt. Ein Kurz-Interview.

Wie gelingt es dem Unparteiischen, den Überblick zu behalten?
„Auf dem Feld ist man wie in einem Tunnel. Man ist auf die Situation gefasst und wird selten überrascht. Vieles passiert aus der Erfahrung heraus. Die Kunst am Schiedsrichter sein: Man muss sich die Szene in Gedanken einfrieren und dann einordnen.“

Sie haben es angesprochen: Manche Situationen fallen in den nicht geregelten Graubereich. Was heißt das für den Schiedsrichter?
„Er hat immer noch einen Ermessensspielraum, der je nach Persönlichkeit variiert. Damit lenkt und leitet er das Spiel. Das ist auch für den Schiedsrichter wichtig, denn so bringt er seine Persönlichkeit ein.“

Ein Blick auf den Amateurfußball. Machen es Regelneuerungen Fans und Zuschauern nicht zunehmend schwer?
„Durch die 1. und 2. Bundesliga werden die neuen Regeln schnell transparent. Wichtig ist vor allem eine einheitliche Auslegung. Auf Schalke muss eine Situation idealerweise gleich abgehandelt werden wie zeitgleich im Stadion in Dortmund. Und das sollte auch für den Amateursport gelten, wenn Dorf A gegen Dorf B spielt. Es müssen die gleichen Maßstäbe sein. “ Nadine Vogt