Fußball 1978: Als Österreich die Deutschen schlug

Traumtor in den Winkel: Mittelstürmer Hans Krankl (rotes Trikot) erzielte den Treffer zum 2:1, Abwehrspieler Rolf Rüssmann und Torwart Sepp Maier waren chancenlos.
Traumtor in den Winkel: Mittelstürmer Hans Krankl (rotes Trikot) erzielte den Treffer zum 2:1, Abwehrspieler Rolf Rüssmann und Torwart Sepp Maier waren chancenlos. © Foto: Imago/Pressefoto Baumann
Ulm / Patrick Denner 02.06.2018
Bei der Fußball-WM 1978 besiegte die Nationalelf aus Österreich sensationell Deutschland 3:2 – der Mythos „Córdoba“ war geboren.

Titelverteidiger Deutschland stand bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien nach zwei Unentschieden in der zweiten Finalrunde mächtig unter Druck. Um das Endspiel noch erreichen zu können, musste der Weltmeister seine letzte Partie in der Gruppe A gegen Österreich mit mindestens fünf Toren Differenz gewinnen. Gleichzeitig  durfte das andere Gruppenspiel Holland gegen Italien keinen Sieger finden. Bei einem Erfolg gegen die Österreicher mit weniger als fünf Toren Unterschied oder einem Unentschieden winkte der Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön immerhin noch der Einzug ins „kleine Finale“ um Platz drei.

Für die österreichische Elf ging es hingegen in dem Duell mit den Deutschen um nichts mehr, denn die Österreicher hatten gegen Holland und Italien verloren. Im deutschen Lager zeigte man sich deshalb fest davon überzeugt, den „kleinen Bruder“ ohne allzu große Mühe bezwingen zu können. Allenfalls über die Höhe des Sieges wurde noch diskutiert. „Klar, die putzen wir weg, 5:0 oder 6:0“, tönte Mannschaftskapitän Berti Vogts. „Die Österreicher machen wir alle“, sagte selbst der deutsche Trainerassistent Jupp Derwall großmäulig voraus.

„Kämpfen bis zum Umfallen“

Solche Prognosen hatten zur Folge, dass sich die Spieler aus der Alpenrepublik in ihrer Ehre verletzt fühlten. Die österreichische Mannschaft dachte daher nicht im Traum daran, sich den Deutschen kampflos zu ergeben. „Wir werden kämpfen bis zum Umfallen“, versprach Teamchef Helmut Senekowitsch seinen Landsleuten.  Auch Hans Krankl, der Mittelstürmer von Rapid Wien, kündigte heftigen Widerstand an: „Was, fünf Tore woll’n s‘ gegen uns machen? Nur über unsere Leiche!“ Und martialisch fügte der Torjäger hinzu: „Wenn ich einen Deutschen sehe, werde ich zum lebendigen Rasenmäher.“

Zunächst jedoch schien für den Favoriten an jenem 21. Juni des Jahres 1978 in Córdoba alles nach Plan zu laufen. Unter Argentiniens postkartenblauem Himmel erzielte Stürmerstar Karl-Heinz Rummenigge nach 19 Spielminuten den deutschen Führungstreffer. Aber ausgerechnet Berti Vogts, der vor der Partie so große Töne gespuckt hatte, leitete die Wende in diesem Spiel ein.

In der 59. Minute unterlief dem Abwehrspieler aus Mönchengladbach  ein Eigentor – 1:1. Und es kam noch schlimmer: Hans Krankl, mit 41 Treffern Europas bester Torschütze der Saison 1977/78, brachte die Österreicher mit einem sehenswerten Schuss in den Winkel in Führung. Zwar konnte Bernd Hölzenbein nur 80 Sekunden später ausgleichen, doch zwei Minuten vor Spielende versetzte Krankl dem Weltmeister den endgültigen
K.-o.-Schlag. Der gelernte Kfz-
Mechaniker ließ Rolf Rüssmann wie einen Schulbuben stehen, umspielte auch noch Manfred Kaltz und schoss den Ball unhaltbar für Sepp Maier ins Netz.

Edi Finger, der legendäre Reporter des Österreichischen Rundfunks, geriet völlig aus dem Häuschen: „Toor! Toor! Toor! Toor! Toor! Tor! I werd‘ narrisch! Krankl schießt ein, 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fall‘n uns um den Hals, da Kollege Riepl, da Diplom-Ingenieur Posch, wir busseln uns ob. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl!“

Fingers ekstatischer Jubel war verständlich, denn die letzten Siege Österreichs gegen den „Fußballerzfeind“ datierten aus dem Jahre 1931. Damals hatte das „Wunderteam“ um Matthias Sindelar den Deutschen zwei bittere Niederlagen beigebracht – 6:0 in Berlin und 5:0 in Wien.

In den darauf folgenden 47 sieglosen Jahren waren die Österreicher von ihrem Nachbarn nur über die Schulter angeschaut worden. Kein Wunder, dass die österreichischen Spieler ihren Triumph nun in vollen Zügen auskosteten. Hans Krankl lästerte: „Deitschland hot Glück g‘hobt, dass i heit ned in Form woar.“

Das magische Wort

Der Erfolg gegen den Titelverteidiger versetzte die österreichische Nation in einen Freudentaumel. Nach dem Spiel begann in Wien ein Autohupkonzert. Auf den Straßen gab es Siegesfeiern, wildfremde Menschen lagen sich in den Armen. Ganz Österreich stand Kopf – als wäre die Nationalelf Weltmeister geworden. Die Zeitungen sprachen vom „Wunder von Córdoba“. In Deutschland herrschte Fassungslosigkeit. „2:3! Riesenblamage gegen Österreich! Der Untergang des Weltmeisters durch Eigentor!“, titelte „Bild“ und veröffentlichte aus Rache Krankls Privatnummer.

Im Laufe der letzten 40 Jahre hat sich das 3:2 von Córdoba fest im kollektiven Gedächtnis der Österreicher verankert. Viele Menschen wissen, wo sie das Spiel verfolgten oder das Ergebnis erfuhren. Córdoba wurde zum Mythos. Bis zum heutigen Tag blüht der österreichische Fußballfan auf, sobald das magische Wort fällt. Im Wiener Bezirk Floridsdorf erinnert seit einigen Jahren der „Córdobaplatz“ an jenes sporthistorische Ereignis, das im Juni 1978 die Alpenrepublik narrisch werden ließ. Was bleibt Österreich – dessen Nationalmannschaft dieses Jahr zum fünften Mal in Folge nicht an einer WM teilnimmt – auch anderes übrig, als in alten Zeiten zu schwelgen?

Höhepunkt einer geplagten Fußballnation

Im Laufe der letzten 40 Jahre hat sich das 3:2 von Córdoba fest im kollektiven Gedächtnis der Österreicher verankert. Viele Menschen wissen, wo sie das Spiel verfolgten oder das Ergebnis erfuhren. Córdoba wurde zum Mythos. Bis zum heutigen Tag blüht der österreichische Fußballfan auf, sobald das magische Wort fällt. Mitunter sind gar Stimmen zu vernehmen, Córdoba sei die „Rache für Königgrätz“ gewesen (Schlacht bei Königgrätz im Jahr 1866, Preußen besiegte Österreich). Und der Kabarettist und Sportjournalist Werner Schneyder bringt die österreichische Befindlichkeit auf den Punkt, wenn er fordert, die „Schlacht von Córdoba“ müsse in die Geschichtsbücher.

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