Eine Weltmeisterschaft im Fußball. Der Sommer könnte nicht besser sein. Eigentlich. Doch es spielt nicht „Die Mannschaft“ von Jogi Löw, es spielen die Frauen von Martina Voss-Tecklenburg. Schwarz-rot-goldene Fanartikel im Supermarkt? Fehlanzeige. Kein WM-Countdown, keine Plakate fürs Public-Viewing. Am Freitag beginnt in Frankreich das Turnier, bei dem die Nationalmannschaft gute Chancen hat, sehr weit zu kommen. Die deutschen Frauen spielen sich vielleicht ins Finale um ihren dritten WM-Titel.

Werbespot mit Botschaft geht viral

Auf sich aufmerksam gemacht haben die deutschen Spielerinnen zuletzt mit einem Werbespot. Provokant greifen sie Klischees auf, die zu Frauen und Fußball passen. Und sind dabei erschreckend ehrlich. „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt“, heißt es. Dazu halten die Spielerinnen und ihre Trainerin die geblümten Teetassen in die Kamera, die der DFB vor 30 Jahren als Prämie für den Europameister-Titel ausgab. Die Botschaft kommt an. Der Spot geht viral, die Resonanz in den sozialen Medien ist riesig. Die Mannschaft ist im Gespräch. Und das darf eigentlich nicht sein.

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Für den DFB ist der Frauenfußball ein Minusgeschäft. Gering sind die Fernseh- und Eintrittsgelder, das Sponsoreninteresse ist mäßig. In der von Männern geprägten Sportart und in einer Verbandswelt, die vom mächtigen und umstrittenen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino dominiert wird, ist das ein Totschlagargument. Spiele der Frauen müssen in der kommerziellen Fußballwelt zurückstecken. Wenn lukrative Männerpartien in die Quere kommen, gilt ein Primetime-­Verbot.

Das ist eine Geringschätzung, mit der Fifa und nationale Verbände gut leben können. Die Fußballerinnen aber nicht. Seit langem fordern sie weitere Unterstützung und Aufmerksamkeit. Sie wollen verhindern, dass zögerlich angestoßene Prozesse im Ansatz verharren. Denn gut gemeint ist eben noch lange nicht fair. Eine Rekordprämie in Höhe von 75.000 Euro für den Titel ist auf den ersten Blick – und gemessen am Kaffeeservice von 1989 – schön. Die männlichen Fußballhelden schnüren für solche Summen längst ihre Kickschuhe nicht mehr. Langfristig muss sich an den Strukturen etwas ändern. Es geht um die Bedingungen und Mitsprache. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern, die auf dem Platz stehen, muss endlich geringer werden.

Denn der Frauenfußball hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung und Niveau zugelegt, europaweit. Woche für Woche trainieren zehntausende Mädchen und Frauen auf den Sportplätzen der Republik. Wochenende für Wochenende zeigen viele von ihnen taktisch ausgefeilten, zunehmend athletischen und sehenswerten Fußball. Doch es fehlt an Wertschätzung. Das wird deutlich, wenn selbst das repräsentative Team der besten Spielerinnen des Landes per Werbespot um Zuwendung buhlen muss.

Fußball ist Emotion, Leidenschaft, Begeisterung. Auf dem Platz und den Rängen. Davon sollten wir uns in den kommenden vier Turnierwochen überzeugen lassen.

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