Es sei die beste Frauen-Weltmeisterschaft, die es je gab, sagt der englische Chef-Coach Phil Neville zum laufenden Turnier in Frankreich. Die TV-Einschaltquoten sind hoch und generieren in vielen Ländern neue Rekordzahlen. Das Spiel England gegen USA sahen 10,2 Millionen Menschen in der BBC. Nur das Halbfinale der Männer-WM 2018 – England gegen Kroatien – hat eine bessere Quote. Auch in Deutschland schlugen die Frauen-Spiele regelmäßig das restliche Abendprogramm.  In Frankreich waren die Stadien zum Teil ausverkauft, in Lyon kickten die vier Halbfinalisten jeweils vor über 50 000 Zuschauern. Ein Durchbruch des Sports, endlich?

TV-Einschaltquoten auf Rekordhöhe, intensive Begegnungen

Die WM in diesem Jahr kam aus europäischer Perspektive zu einem wichtigen Zeitpunkt. Der Fußball hat sich entwickelt, die Spitze ist näher zusammengerückt. Selbst der amtierende Weltmeister USA ist in der K.o.-Phase nicht einfach durchmarschiert, wie es die Vorrunde mit 18:0-Toren zu versprechen schien. Frankreich und England präsentierten sich in Viertel- und Halbfinale als starke Gegner. Mit etwas Glück hätten die Partien auch anders ausgehen können. Auf dem Platz gab es intensive Begegnungen mit schönen Kombinationen, großem Willen, guter Athletik. Wenig Gemecker, kein Rumgerotze, mehr Spielfreude als Selbstvermarktung. Und dass nicht jedes der 24 Teams dieses Niveau haben kann, muss in der Entwicklung erlaubt sein. Beispiel Thailand und Südkorea. 

Nach dem Halbfinal-Aus: Englands-Nationaltrainer Phil Neville ist stolz auf seine Spielerinnen

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Doch wer beim Stammtisch oder in den Sozialen Medien posaunt, die WM habe „Kreisliganiveau“, der hat vermutlich nicht mehr als eine Vorrundenpartie gesehen. Und noch immer nicht verstanden, dass im Spielerischen der Vergleich mit dem Männerfußball nicht trägt. Natürlich offenbarte die WM auch Defizite: im Pressing, der Reaktion, Schnelligkeit. Teams, die ihre Chance mehr im aggressiven Zweikampf suchten, weil sie technisch unterlegen sind. Und mancher Begegnung fehlte komplett die Spannung. Nicht alles ist glanzvoll und ausgereift.

Die deutsche Nationalmannschaft überzeugte phasenweise – ohne spielerisch für großes Aufsehen zu sorgen. Und sie war bis zum Viertelfinal-Aus einfach äußerst effektiv. Die Bundestrainerin betonte den Prozess, in dem sich das Team befinde, der weitergeführt werden muss. Die Perspektive für die jungen Talente ist gut. Wenn nach dieser WM nicht verpasst wird, was in den vergangenen Jahrzehnten immer der große Makel war – die Nachhaltigkeit.

Deutschlands Anschluss an Europa darf nicht verpasst werden

Das wird durch die missglückte Olympia-Qualifikation nicht einfach. Doch der Blick nach rechts und links kann den richtigen Anstoß geben, im DFB, in der Bundesliga. England macht’s vor, wie es gelingen kann, Euphorie zu entfachen. Ein mitreißender Trainer, ein Team mit Präsenz und Begeisterung. Eine attraktive englische Liga, in der auch viele deutsche Spielerinnen unter Vertrag stehen. Die Vereine und der Verband halten die Aufmerksamkeit hoch: den Emirates Cup von Arsenal London in drei Wochen eröffnen die Frauen. Mit einem Spiel gegen Bundesligist Bayern München – bevor die Männer auf den Platz dürfen.

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