Sportliche Fairness und seine Silbermedaille waren Romelu Lukaku nach der vielleicht größten Enttäuschung seiner Karriere egal.
Nachdem er in weniger als zwei Stunden vom gefeierten Helden zur tragischen Figur geworden war, hatte der Stürmer von Inter Mailand keine Lust auf die eigentlich verpflichtende Siegerfeier auf dem Rasen. Direkt nach dem 2:3 (2:2) gegen den FC Sevilla rauschte der Rekord-Torjäger in die Katakomben des Kölner Stadions und kehrte auch nicht wieder zurück. In der Nacht verewigte ihn die UEFA in den Statistiken als Unglücksraben, als sie ihn mit Verzögerung doch als Eigentor-Schützen beim Siegtreffer der Spanier benannte.
Eine konsequente Pointe für dieses verrückte Endspiel, das während der 90 Minuten und noch lange danach ein Füllhorn ungebremster Emotionen bot. Dass der während des Turniers überall gefeierte Lukaku nach fünf Minuten ein doppeltes Rekord-Tor erzielt hatte - er traf im elften Spiel in Folge und früher als jeder andere in Finals des Wettbewerbs - dann aber einen spektakulären Fallrückzieher von Diego Carlos ins eigene Tor bugsierte, stand dafür am Ende sinnbildlich.
Und das taten auch die beiden Trainer. Hier Sevillas Julen Lopetegui, der nach seinen Rauswürfen bei der spanischen Nationalmannschaft und bei Real Madrid 2018 verspottet wurde. Und nun, nach seiner Premieren-Saison in Andalusien, mit Tränen in den Augen von seinen Spielern in die Luft geworfen wurde. Dort Antonio Conte, dem die Krönung seines starken ersten Inter-Jahres verwehrt geblieben war - und für den es wohl auch kein zweites mehr geben wird.
Der 51-Jährige, der sich mit der Vereinsführung angelegt hatte, lavierte bei Fragen nach seiner Zukunft extrem herum. Doch las man zwischen den Zeilen, würde ein Verbleib Contes doch sehr überraschen. Er habe auch ein Privatleben, sagte der Ex-Nationalspieler, es sei eine schöne Zeit gewesen, er bereue nichts.
Dass ihn letztlich neben Lukakus Missgeschick vor allem der einst in Mönchengladbach als Flop beurteilte Luuk de Jong mit zwei Kopfball-Toren (12./33.) den Titel kostete, war eine weitere unglaubliche Geschichte dieses Abends. Auf seine unglückliche Zeit wenige Kilometer entfernt in Gladbach zwischen 2012 und 2014 wollte der Niederländer nach dem Spiel nicht mehr eingehen. „Dass dieses Spiel in Deutschland stattfand, ist schon etwas besonderes“, sagte er dennoch mit einem schelmischen Grinsen: „Denn es ist nahe meiner Heimat.“
De Jong wuchs rund 200 Kilometer von Köln entfernt im Gelderland auf. Im Kölner Stadion war er übrigens vor seinem ersten großen Abend mit dem 2:1-Siegtor gegen Manchester United im Halbfinale noch nie aufgelaufen - während seiner beiden Gladbach-Jahre spielte der heimische FC in der 2. Bundesliga.
In beiden Spielen hatte Sevilla zurückgelegen und gewann schließlich ohne Verlängerung. Das zeigt die Mentalität des Teams. Und den Glauben an sich in der Europa League. Mit sechs Titeln - alle seit 2006 - ist Sevilla Rekord-Gewinner im kleinen Europacup. Sechs Titel holten alle deutschen Vereine zusammen, kein einzelner Verein in Europa gewann mehr als drei. „Dieses Turnier gehört dem Club - und das weiß die UEFA auch“, schrieb die „Mundo Deportivo“. „Wir haben den Jackpot“, sagte Lopetegui strahlend. Lukaku und Conte hatten dagegen einen sprichwörtlich dicken Hals.
© dpa-infocom, dpa:200822-99-265433/3