Anspruch und Wirklichkeit passen bei Manchester United weiter nicht zusammen. Das unglückliche Europa-League-Aus im Halbfinale gegen den FC Sevilla ist typisch für die Saison des einstigen Titelsammlers, der in diesem Jahr bereits zum dritten Mal in einem Halbfinale scheiterte.
Die Mannschaft von Trainer Ole Gunnar Solskjaer machte gegen die spanischen Europa-League-Experten zwar vieles richtig, doch in den entscheidenden Momenten fehlten Effizienz und Cleverness. Erstmals seit 2015 finden die Finals in der Europa League und in der Champions League ohne englische Teams statt.
In der vergangenen Spielzeit machten Liverpool, Tottenham, Chelsea und Arsenal die Endspiele noch zu einer reinen Premier-League-Veranstaltung. Einen Tag nach der Viertelfinal-Niederlage von Lokalrivale Manchester City in der Königsklasse endete das Kapitel Europapokal 2019/20 am späten Sonntagabend in Köln auch für den letzten Vertreter von der Insel.
Bei aller Enttäuschung und allem Ärger über das 1:2 in einem eigentlich überlegen geführten Spiel mit vielen Torchancen schauten Solskjaer und sein Kapitän Harry Maguire aber auch nach vorn. Die Trophäen-Sehnsucht soll in der kommenden Spielzeit endlich wieder befriedigt werden - den letzten Titel feierte Man United vor drei Jahren.
„Wir wissen, was es bedeutet, für diesen Club zu spielen: Verlieren ist nicht akzeptabel“, sagte Maguire. „Nur ins Halbfinale zu kommen, ist nicht akzeptabel.“ Der Innenverteidiger gab sich hinsichtlich eines baldigen Titelgewinns trotz der knapp verpassten Endspiele in der Europa League, im FA Cup und im Ligapokal jedoch zuversichtlich: „Es wird sicher bald passieren.“
Tatsächlich gibt die Entwicklung der Red Devils unter Solskjaer Anlass zur Hoffnung. In der Premier League blieb United zuletzt 14 Spiele in Serie ungeschlagen und qualifizierte sich als Dritter für die Champions League. An der Seite der etablierten David De Gea (Torwart), Maguire (Abwehr), Bruno Fernandes (Mittelfeld) sowie Anthony Martial und Marcus Rashford (beide Sturm) können sich junge Spieler wie Ausnahmetalent Mason Greenwood (18), der in seiner ersten kompletten Premier League Saison gleich zehnmal traf, prächtig entwickeln.
Dennoch sieht Solskjaer für den bevorstehenden außergewöhnlichen Transfersommer auch Handlungsbedarf. „Wir müssen die Mannschaft in der Breite verstärken, weil es eine lange Saison wird“, sagte der Norweger, der einen Superstürmer wohl nicht bekommt: Einem Wechsel von Bundesliga-Topscorer Jadon Sancho in diesem Sommer erteilte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke zuletzt im Interview der Deutschen Presse-Agentur eine deutliche Absage.
Gut möglich, dass Solskjaer seinen Kader zum Ligastart am 12. September noch nicht komplett hat, schließlich wird das Transferfenster aufgrund der Corona-Pandemie erst am 5. Oktober geschlossen. Wichtiger als Geschwindigkeit ist dem Coach allerdings ohnehin Genauigkeit: „Wir müssen zu 100 Prozent sicher sein, wenn wir Deals machen“, betonte er. Schließlich steht über allem ein großes Ziel: Anspruch und Wirklichkeit sollen beim englischen Rekordmeister endlich wieder zusammenpassen.
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