Berlin / Von Wolfgang Müller und Florian Lütticke, dpa

„Mirakel van Madrid“, „unvergleichliches Ajax“, „Voetbal totaal 3.0“: Nach einer magischen Fußball-Nacht im Estadio Santiago Bernabéu feiern die Niederlande den Real-Madrid-Bezwinger Ajax Amsterdam und sehen sich an legendäre Zeiten unter dem großen Johan Cruyff erinnert.

Von 1971 bis 1973 gewann der einzigartige Techniker und Stratege mit Ajax den Europapokal der Landesmeister - und nach dieser Darbietung seiner Nach-Nachfahren stellt sich die Frage: Kann die Generation der Ajax-Profis um Matthijs de Ligt (19), Frenkie de Jong (21) oder den entfesselt aufspielenden Dusan Tadic (30) die Henkeltrophäe des Champions-League-Siegers nach dem bislang letzten Triumph 1995 wieder ins Oranje-Land holen?

In jedem Fall wird nach dem krachenden Aus des kriselnden spanischen Rekordmeisters erstmals seit 2016 ein anderer Schriftzug als „Real Madrid“ eingraviert. Und erstmals seit vielen Jahren zählt eine Auswahl des holländischen Spitzenclubs zu den Anwärtern auf den Titel im Königsklassen-Finale am 1. Juni in Madrid. Schon mit dem 1:1 und dem starken Auftritt gegen die Bayern in der Gruppenphase hatte das verheißungsvolle Ajax-Ensemble auf sich aufmerksam gemacht.

„Das war nah an der Perfektion“, schwärmte Trainer Erik ten Hag über den Auftritt beim 4:1-Sieg in Madrid und eine „fantastische Nacht“, die nicht nur für Ajax, sondern für den „gesamten niederländischen Fußball wichtig“ sei. „Wir haben schon einem Favoriten wie Bayern München Probleme bereitet und nun den Titelverteidiger ausgeschaltet. Wer weiß schon, wie weit wir kommen können?“ sagte de Ligt.

Natürlich steckt Real in einer lange nicht erlebten sportlichen Krise. Doch das schmälert die Ajax-Leistung nicht. Im Gegenteil: Die Art und Weise, wie die Gäste ihren Gegner in dessen Stadion und in dessen Lieblingswettbewerb entzauberten und demontierten, lässt ganz Holland vom ganz großen Coup träumen. „Da ist Hunger nach mehr“, schrieb das „Algemeen Dagblad“. „Mit Voetbal totaal 3.0“, begeisterte Ajax ein „halluziniertes Publikum“, formulierte „de Volkskrant“ und konstatierte: „Amsterdam zählt jetzt wirklich wieder in Europa.“

Hakim Ziyech (7.), David Neres (18.), Dusan Tadic (62.) und Lasse Schöne (72.) schossen mit fantastischen Toren den Sieg heraus. Auch de Jong bewies, warum sich der FC Barcelona bereits seine Dienste für die kommende Saison gesichert hat. Kapitän de Ligt wird von Topclubs in ganz Europa gejagt - so droht Ajax wie schon so oft in seiner Geschichte der Ausverkauf. Doch zunächst überwiegt der Jubel.

Die mitgereisten niederländischen Fans bedankten sich mit ihren Gesängen bei Ramos für dessen dumme Aktion mit der Gelben Karte, die er sich im Hinspiel absichtlich eingehandelt hatte, um im Viertelfinale wieder spielen zu dürfen. Daraus wird nun nichts, was auch die Johan-Cruyff-Stiftung humorvoll kommentierte. „Warum sollte man nicht einen reicheren Club schlagen? Ich habe noch nie einen Geldsack gesehen, der ein Tor schießt“, schrieb die Stiftung und veröffentlichte ein Foto mit Cruyff und dessen Rückennummer, um das historische Ergebnis zu dokumentieren: Real Madrid 14 Ajax.