Der frischgekrönte „King“ von Bayern kämpfte nach seiner Ruhmestat im Champions-League-Finale mit extremen Gefühlen. Kingsley Coman spürte „an dem schönsten Tag meines Lebens, was den Fußball angeht“, eben „auch einen kleinen, wunden Punkt im Herzen.“
Es war am Sonntagabend in Portugal ja auch eine dieser immer wieder ganz besonderen Geschichten, die der Sport oft schreibt - und die eine Karriere in die eine oder andere Richtung lenken können.
Mit seinem Kopfball verewigte sich der französische Nationalspieler beim 1:0 gegen Paris Saint-Germain auf ewig in den Geschichtsbüchern des FC Bayern München. Er ist jetzt ein Torheld im Finale wie Arjen Robben es 2013 in Wembley war. Aber der vor 24 Jahren in Paris geborene Coman traf mit seinem Tor in der 59. Minute eben auch jenen Verein mitten ins Herz, bei dem er das Fußballspielen lernte, für den er als gerade einmal 16-Jähriger sein Profidebüt feierte.
„Paris Saint-Germain ist ein großer Verein für mich. Ich bin dort aufgewachsen fußballerisch“, erzählte der von der UEFA als „Man of the Match“ ausgezeichnete Coman nach dem wichtigsten Tor seiner Karriere, das dem Anlass entsprechend der 500. Münchner Treffer in der Champions League war. „Also, es ist sehr, sehr viel Freude da, aber auch ein ganz klein wenig Trauer“, verriet Coman.
Flicks finaler Schachzug mit dem Außenstürmer ging auf. Im Endspiel änderte der Bayern-Coach die bisherige Turnier-Startelf dann doch auf einer Position. Coman lief links vorne anstelle von Ivan Perisic auf. Flick setzte einfach auf einen Schuss „Extra-Motivation“ bei Coman gegen dessen Ex-Club - und die Idee zündete.
„Es ist natürlich toll und wir freuen uns alle, dass er das Tor gemacht hat. Wir waren überzeugt davon, dass Kingsley uns helfen kann und andere Aspekte reinbringt“, erzählte Flick. An ein Kopfballtor des nur 1,79 Meter großen Coman nach Zuckerflanke von Joshua Kimmich hatte aber wohl auch Flick dabei nicht gedacht. „So ist Fußball, der schreibt manchmal seine eigenen Geschichten“, bemerkte der Coach.
Die Geschichte von Coman, der bei Bayern schon vor dem Finaltor von jedem „King“ genannt wurde, ist speziell - und bleibt spannend. Seit fünf Jahren stürmt er für die Bayern. Vier davon verbrachte er weitgehend im Schatten der großen Münchner Flügelzange Robben und Franck Ribéry. Und jetzt, im ersten Jahr nach „Robbéry“, krönt sich Coman prompt zum König von Lissabon.
Trotzdem blieb der Mann bescheiden, der wegen schwerer Verletzungen die WM 2018 in Russland und damit auch den französischen Titelgewinn verpasst hatte. Er äußerte wegen seines Verletzungspechs damals sogar Gedanken an ein frühes Karriereende. Das ist Vergangenheit, es zählen Gegenwart und Zukunft. „Arjen und Franck sind außerordentliche Spieler mit einer außerordentlichen Karriere“, sagte Coman. In der Champions League hat er mit dem Titelgewinn mit den Vorbildern gleichgezogen. „Es ist aber eben nicht nur das, sondern ihre gesamte Karriere. Und um so dazustehen am Ende, muss man eben noch viel, viel mehr leisten und das über eine lange Zeit“, bemerkte Coman selbst.
Er hat sich positioniert, auch intern bei Bayern, das gerade für 50 Millionen Euro als neuen Stürmerstar auf dem Flügel Leroy Sané verpflichtet hat. Viele in München schwärm(t)en schon von der neuen Münchner Flügelzange mit Serge Gnabry und Sané, sozusagen eine deutsche Robbéry-Ausgabe. „Ja klar wird es wieder viel Konkurrenz geben wie jedes Jahr. Wir haben immer einige gute Flügelspieler, das macht eben auch die Kraft unserer Mannschaft aus“, sagte Coman. „Aber daran denke ich im Moment nicht.“ Coman rang mit seinen Gefühlen.
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