Erst Fritz Keller, jetzt Toni Kroos: Einen Monat vor dem Start ins Länderspieljahr wächst der Druck auf Bundestrainer Joachim Löw aus den eigenen Reihen. Nachdem DFB-Präsident Keller die Zukunft von Löw an eine erfolgreiche EM geknüpft hatte, äußerte Anführer Kroos nun Zweifel am Erfolg der Ausbootung des Weltmeister-Trios Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels.
„Ich glaube, dass man am Ende auch ein bisschen vorausschauend planen muss“, sagte der Nationalspieler bei Sky: „Ob der Plan vom Trainer, wie er es damals wollte, bis heute so aufgegangen ist, stelle ich jetzt einmal infrage.“
Im Hinblick auf die EM (11. Juni bis 11. Juli) gehe es für Löw auch darum, „dass wir die bestmögliche Mannschaft für dieses Turnier hinbekommen – mit den formstärksten und denen, die am besten zusammenpassen. Du darfst als Deutschland natürlich kein Turnier abschenken“, forderte Kroos, der allerdings zugab, dass er in der Frage nach seinen ehemaligen Teamkollegen „ganz schön befangen“ sei.
Grundsätzlich verteidigte er Löw gegen die vermehrte Kritik. Löw sei „hochmotiviert für das Turnier“. Er habe „Entscheidungen getroffen, die einen Arsch in der Hose brauchen“. In seinen Augen habe Löw „es verdient, in diesem Turnier zu zeigen, dass er es im Vergleich zu 2018 umdrehen kann“.
Vor den WM-Qualifikationsspielen Ende März gegen Island, in Rumänien und gegen Nordmazedonien dürften die Aussagen des Weltmeisters von 2014 aber die Debatte um Müller, Hummels und Boateng wieder befeuern. Löw ließ zuletzt keine Signale erkennen, dass er das Trio zurückholen wird.
Er wird sich letztlich am Abschneiden bei der EM messen lassen müssen. „Natürlich muss man am Ende des Turniers schauen, was herausgekommen ist“, sagte Keller. Es gebe „keine Denkverbote“. Auch nicht in Sachen Bundestrainer: „Ich habe die Verantwortung hier und muss auch kritisch sein, vor allem nach innen und zu führenden Mitarbeitern.“ Keller hatte bereits zuvor mehrmals das EM-Halbfinale als Ziel ausgegeben.

Lothar Matthäus sieht Löw in der Pflicht

Bei einem Vorrunden-Aus wie bei der WM 2018 in Russland wäre Löw (Vertrag bis Ende 2022) nicht mehr zu halten. Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus sieht Löw daher in der Pflicht. „Wichtig ist, dass Löw die richtigen Entscheidungen trifft, dass er wieder selbstsicher auftritt, dass er mit der Mannschaft eine Einheit bildet – nicht wie in Spanien beim 0:6, wo ich ihn im Stadion nicht gehört habe, obwohl keine Zuschauer dort waren“, sagte Matthäus im Sport1-Interview.
Auch Philipp Lahm sieht die Entwicklung nicht nur aufgrund der historischen Schmach von Sevilla im November kritisch. „Wenn ich vor dem Fernseher sitze, will ich eine Nationalmannschaft sehen, die mich begeistert, die mit Freude bei der Sache ist. Die weiß, dass sie unser Land repräsentiert“. Das habe er in letzter Zeit „etwas vermisst“, so der Weltmeister-Kapitän von 2014 gegenüber dem Mannheimer Morgen.
Lahm trifft damit den Nerv der Fans. In einer Umfrage des „Kicker“ antworteten 89,4 Prozent der Teilnehmer auf die Frage, ob Löw mit dem Neuaufbau der Nationalmannschaft auf dem richtigen Weg sei, mit „Nein“.
DFB-Direktor Oliver Bierhoff sieht in dem Stimmungstief nach dem 0:6 in Spanien bei aller Enttäuschung auch etwas Positives. „Sie hat gezeigt, wie viel die Nationalmannschaft den Menschen noch bedeutet. Aber wir müssen aufpassen, dass das keinen längeren negativen Effekt auf uns hat.“
Dafür können nur ein gelungener Start in die WM-Quali und eine erfolgreiche EM sorgen.

Trainingsvideo aus der Quarantäne


Thomas Müller kann sein Comeback nach einer Corona-Infektion samt Isolation kaum noch erwarten. Er habe „die Quarantäne bisher wirklich meisterhaft überstanden“, berichtete der Fußballstar des FC Bayern München in den sozialen Netzwerken und stellte ein kurzes Trainingsvideo aus seinem Haus online. „Aber langsam fängt es zum Arbeiten an. Ich muss raus, ich muss raus aus dem Stall“, sagte der Weltmeister von 2014 und passionierte Pferdezüchter.

Während der Klub-WM in Katar war Müller positiv getestet worden und in einem separaten Flugzeug heimgereist. Seit rund zehn Tagen ist er nun in häuslicher Quarantäne, wo er individuelle Trainingsübungen mache. „Ich muss schließlich schauen, dass ich topfit zurückkomme. Das wird nicht mehr lange dauern.“ Einen konkreten Termin für sein Comeback nannte er nicht.