Joachim Löw hat wieder das Feuer in den Augen. Der Aufbruch ins letzte Abenteuer verleiht dem Bundestrainer eine neue Kraft, die sich aus seiner krachendsten Niederlage speist. „Wir sind sehr schlecht aus dem Jahr 2020 gegangen, mit Wut und Enttäuschung“, sagte Löw im weinroten Sportshirt energisch: Nun werde er die deutsche Nationalmannschaft „rigoros, konsequent und gnadenlos“ auf Erfolg trimmen – für einen goldenen Abschluss einer Ära.
Schon beim Auftakt der WM-Qualifikation, zugleich Start seines EM-Castings, will Löw seinen Spielern den tief sitzenden Stachel des 0:6-Desasters in Spanien ziehen. Die Zeit der Kompromisse ist vorbei. „Ich erwarte eine Reaktion“, betonte der Bundestrainer vor dem Duell mit Island an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) in Duisburg. „Wir brauchen eine leidenschaftliche Mannschaft, die verbissen um den Sieg kämpft.“
Über die Schulter schaute Löw, der sein Amt im Sommer niederlegen wird, aber nicht lange. Er habe zwar kurz der Mannschaft seine Entscheidung erläutert und seine 15 Jahre als Bundestrainer resümiert, dann aber ging es direkt ans Eingemachte: „Was sind die wichtigen Punkte? Wie sieht unser Block aus? Wir haben defensive Defizite herausgefiltert“, berichtete er. Die Energie seiner Spieler sei ihm eine Freude.
Es gilt, im Spagat zwischen WM-Qualifikation und EM-Vorbereitung den perfekten Mittelweg zu finden, der „zu maximalem Erfolg“ führt. „Jetzt heißt es, Punkte zu machen und sich möglichst schnell einzuspielen, Siege einzufahren und Automatismen zu schärfen“, forderte Löw – ausdrücklich ohne jede weitere Rücksicht auf die Schonungswünsche der Vereine.

Spagat zwischen WM-Qualifikation und EM-Vorbereitung

Volle Fokussierung auf die EM sei angesagt, von Gesprächen über seine Zukunft oder Anfragen an seine Berater will er deshalb „bis dahin gar nichts“ wissen, sagte der Bundestrainer: „Es ist nicht denkbar, aus einem Turnier rauszugehen und am nächsten Tag den Schalter umzulegen.“
Löw wird also erst mal eine Pause einlegen. Auch, dass er sich um Spanisch-Kenntnisse bemühe, sei kein Grund zur Kaffeesatzleserei, merkte der 61-Jährige lachend an: „Das ist doch auch hilfreich, wenn man durch Patagonien über die Berge wandert...“
Vorher hat er knifflige Monate vor sich, in denen er auf die volle Unterstützung seiner Spieler setzen kann. „Er ist ein wundervoller Mensch“, sagte Emre Can am Mittwoch, ohnehin wolle ihm die Mannschaft „ein großes Geschenk machen“, wie Kapitän Manuel Neuer jüngst versicherte. Den EM-Titel.
Die Stammelf dafür soll sich jetzt finden und einspielen. „Es sind endlich mal wieder alle dabei, wir können mit dieser Mannschaft sehr erfolgreich sein“, sagte Can. Zumindest: fast alle. Toni Kroos musste „leider, leider“ (Löw) verletzt abreisen, zudem fehlen Robin Gosens und Niklas Süle. Wer spielt, muss sich beweisen: Etwa 15 Profis haben ihren Turnierplatz sicher, um die restlichen sieben Plätze streiten mindestens doppelt so viele Kandidaten – und dann gibt es noch die aussortierten Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng. Ihre „drohende“ Rückkehr gefährdet so manchen Stammplatz.
Im Hintergrund läuft unterdessen weiter die komplizierte Bundestrainer-Suche. Anführer Joshua Kimmich zumindest rechnet nicht damit, dass sein Vereinstrainer Löw beerben wird. „Hansi Flick hat einen Vertrag, wir sind hier unglaublich erfolgreich“, sagte der Mittelfeldstar von Bayern München der Sport Bild: „Deswegen gehe ich nicht davon aus, dass er es wird.“
Der langjährige DFB-Sportdirektor Matthias Sammer legt dem Verband den U21-Trainer Stefan Kuntz und Löws Assistenten Marcus Sorg ans Herz. Die Suche, geleitet von DFB-Direktor Oliver Bierhoff, wird in den kommenden Monaten wohl ein Dauerthema bleiben. Aber nicht für Joachim Löw. Das machte der 61-Jährige am Mittwoch klar.

Island mit Jubiläum und neuem Trainer 


Islands neuer Nationaltrainer Arnar Vidarsson gibt im WM-Qualifikationsspiel gegen die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sein Debüt. Der 43-Jährige hatte zuvor die U21-Auswahl gecoacht, Ende des vergangenen Jahres ist er aufgestiegen. „Deutschland ist ein Fußball-Riese. Wir schauen vor allem auf uns“, sagt Vidarsson.

Für Island ist es das 500. Spiel der Verbandsgeschichte.  Das Team will während der Nationalhymne spezielle Aufwärmjacken tragen.

Vermissen dürften die Gäste bei dem Duell am Donnerstag gegen das DFB-Team vor allem ihren Freistoßspezialisten Gylfi Sigurdsson (31) vom FC Everton. Der Ex-Hoffenheimer nimmt aus familiären Gründen nicht an den Länderspielen teil.