Jeder eingefleischte Ulmer Basketball-Fan hat die Szene mehr als nur einmal gesehen. Diese 5,5 Sekunden, die dem damaligen SSV Ratiopharm Ulm gegen Bayer Leverkusen verblieben, um die Niederlage im Pokalfinale 1996 zu verhindern. 78:79 liegt das Team von Coach Brad Dean gegen die „Riesen vom Rhein“ um Denis Wucherer und Henning Harnisch zurück, als Stephen Arigbabu den Einwurf zu Jarvis Walker spielt, der übers ganze Feld prellt und den Ball zum freistehenden Gary von Waaden passt. Es folgt der wohl bislang wichtigste Wurf in der Geschichte des Ulmer Basketballs. Auf der linken Seite des Korbs, aus der Mitteldistanz, übers Brett, netzte der damals 35-Jährige zum 80:79 ein – und macht sich und seine Teamkameraden in der Münsterstadt unsterblich.

Am 18. Februar ist es auf den Tag genau 20 Jahre her, dass die Basketballer den bislang einzigen Titel nach Ulm holten. Ein Jahr, nachdem Leverkusen im Endspiel Walker und Co. in der letzten Sekunde mit 77:76 den Pokal aus den Händen gerissen hat, gelang dem Ratiopharm-Team vor 2700 Zuschauern in der Charlottenburger Sömmeringhalle die Revanche. Es war die dritte Finalteilnahme der Ulmer in Serie. Das Fachmagazin „Basketball“ schrieb damals über von Waadens Wurf ins Glück: „Der Center mit ausgewiesenen Dreierqualitäten und sicherem Händchen bewahrte die Ulmer mit seinem Korb in der Schlusssekunde davor, dass ihnen der Ruf als „ewiger Verlierer“ anhaftet.“ Der Held des Abends beschrieb anschließend vor den TV-Kameras mit tränenerstickter Stimme seine Gefühlslage, als der Ball seine Hände verlassen hatte: „Ich habe zu Gott gebetet und gehofft, dass er reingeht.“

Der Treffer und die Schlusssirene waren der Auftakt zu einer wilden Feierei. Erst im Berliner Nachtleben, einen Tag später dann in der Heimat. Am Montag stand der obligatorische Empfang im Rathaus an. Bei Sekt aus dem Pokal und Freibier ließ sich Oberbürgermeister Ivo Gönner dabei ein Versprechen abringen. SSV-Vorsitzender Lothar Schultheiß und Basketball-Manager Karl Seitz nutzten die Gunst der Stunde und baten Gönner um einen neuen Spielbelag für die Kuhberghalle. Der OB zeigte sich gönnerhaft: „Ihr braucht einen Holzboden, also bekommt ihr einen.“
 

 

Nach dem offiziellen Empfang ging es über den Marktplatz ins „Hintere Kreuz“, wo noch mehr Freibier auf die feierwütigen Spieler und ihre 400 Fans wartete. Die Ulmer kamen gar nicht mehr aus dem Feiern heraus, obwohl zwei Tage später bereits in der Bundesliga der MTV Gießen auf die Dean-Truppe wartete. Doch in der Pokal-Euphorie wurde auch diese Hürde mit 92:72 gemeistert. Anschließend gab es – wie sollte es anders sein? – noch einmal Freibier. Dass Aschermittwoch war und damit die Fastenzeit begonnen hatte, war den 2400 Zuschauern in der Kuhberghalle egal.

20 Jahre sind diese turbulenten Tage nun her – seitdem warten die Ulmer Basketball-Fans auf einen weiteren Titel. Unter Trainer Thorsten Leibenath waren Per Günther und Co. zwischenzeitlich so nahe wie schon lange nicht mehr dran, diese Durststrecke zu beenden. 2012 scheiterte man sowohl im Pokal-Halbfinale nach Verlängerung als auch im Meisterschaftsfinale an Bamberg. 2013 unterlagen die Ulmer in Berlin Gastgeber Alba im Pokal-Endspiel nach einem Leistungseinbruch im letzten Viertel mit 67:85. Eine Jahr später bot sich die ganz große Chance, doch in der Ratiopharm-Arena verloren die Ulmer Basketballer erneut im Finale gegen Berlin mit 80:86 und versäumten es damit, in die Fußstapfen der Pokal-Helden von 1996 zu treten.


Hier die original Zeitungsausschnitte von 1996: