Basketball Tim Ohlbrecht droht Ratiopharm Ulm mit Klage

Ulm / Sebastian Schmid 07.07.2018

Als Tim Ohlbrecht in seiner Wahlheimat USA ans Handy geht, ist er kaum zu verstehen. Kurz darauf meldet sich der 29 Jahre alte Basketball-Profi erneut und erklärt, dass er erst auf einen kleinen Berg fahren musste, um Empfang zu haben. Das Haus, das er für sich, seine Frau Katrina und Sohn Tim Junior in San Antonio, Texas gekauft hat, sei etwas abgelegen und der Handyempfang entsprechend schlecht. Doch der ehemalige Ulmer Center hat Wichtiges zu sagen.

Vor einer Woche hat Ratiopharm Ulm verkündet, dass Ihr eigentlich bis 2020 gültiger Vertrag bereits am 30. Juni ausläuft und nicht verlängert wird. Wie kam es dazu?

Tim Ohlbrecht: Ich war nach der Saison bereits in den USA, als Thomas Stoll mir gesagt hat, dass ich für einen Medizincheck nach Ulm kommen muss. Und wenn ich den nicht bestehe, endet der Vertrag Ende Juni. Ich war völlig baff.

Aber vergangenes Jahr wurde verkündet, Sie haben bis 2020 unterschrieben.

Das war während meiner Knieverletzung. Die Ulmer wollten mich als zweite Identifikationsfigur neben Per Günther etablieren. Ich war ja bei den Fans und Sponsoren sehr beliebt. Das gab mir viel Selbstvertrauen und Sicherheit, dass der Verein nicht nur in guten, sondern auch in schwierigen Zeiten auf mich baut. Vor allem während einer Verletzung fühlt sich so ein Zwei-Jahres-Vertrag sehr gut an. Ich war mir sicher, dass ich wieder stark zurückkomme, auch wenn es Zeit braucht.

So etwas gibt ja auch Planungssicherheit.

Ja. Deshalb habe ich mit meiner Frau auch eine eigene Wohnung gesucht und diese möbliert, damit wir ein Zuhause haben, da wir vorhatten, noch eine längere Zeit hierzubleiben. Dass es jetzt anders kam, hat mich schockiert und überrascht, weil ich so etwas von den Ulmern überhaupt nicht erwartet hatte.


Wie lief das Ganze dann ab?

Ich flog nach Ulm und hatte einen Tag später den Medizincheck im RKU. Drei Tage später musste ich dann noch einmal einen Test machen.

Und was kann dabei raus? Haben Sie die Ergebnisse erfahren?

Nein, mir wurde gar nichts gesagt. Ich hatte inzwischen meinen Agenten nach Ulm geholt, damit ich etwas Rückendeckung habe. Wir wurden dann ins Büro von Andreas Oettel und Thomas Stoll bestellt, wo die Kündigung auf dem Tisch lag. Thomas meinte nur kurz, dass ich den Medizincheck nicht geschafft habe und das Knie nicht gut ist. Deshalb wird der Vertrag aufgelöst. Ich finde es halt bitter, weil ich mir die Verletzung nicht im Privaten zugezogen habe, sondern als ich mich für Ratiopharm Ulm auf den Boden geschmissen habe.

Das war im Spiel bei den Bayern im Dezember 2016. Aber danach fielen Sie noch einmal länger aus.

Ja, das war, als eine der fünf Schrauben im Knie gebrochen ist, was der Verein ja auch nicht kommunizieren wollte. Da musste ich mich ein drittes Mal unters Messer legen. Anschließend haben wir gesagt, dass wir uns Zeit lassen. Ich habe dem zugestimmt und wollte nicht so schnell wie möglich zurückkommen, damit ich wieder mein volles Gehalt bekomme, weil inzwischen ja die Versicherung nur einen Teil davon zahlte.

Bis zu Ihrem Comeback dauerte es bis Ende Dezember.

Davor hatte ich mehrere Medizinchecks – bei denselben Ärzten, die mich jetzt auch untersucht haben. Damals haben sie mir grünes Licht gegeben und mich für hundertprozentig spieltauglich erklärt. Seitdem habe ich kein Training oder Spiel wegen des Knies verpasst.

Sind Sie momentan in Amerika im Training?

Ja, ich mache wie jeden Sommer ganz normales Kraft- und Basketballtraining. Das Knie macht dabei keine Probleme. Wenn der Coach mir letzte Saison etwas Einsatzzeit gegeben hat, hat man das auch gesehen. Ich fand es schon ein bisschen schade, dass er mir da nicht mehr geholfen hat, da ich in den letzten Jahren viel für ihn gemacht habe. Als ich im letzten Saisonspiel gespielt habe, hat mir das Selbstvertrauen gegeben, und ich habe gesehen, dass die Leistungskurve nach oben geht. Die Fans haben das auch erkannt. Viele kamen danach zu mir und meinten, es sieht ja wieder besser aus. Dass da jetzt so ein Hammer kommt, dachte ich nicht. Ich wäre ja auch zu dem Kompromiss bereit gewesen, nur ein Jahr zu verlängern. Aber das wollten sie nicht.

Wie sehen Sie es, dass zwei Tage nach Ihrer Kündigung mit Gavin Schilling Ersatz präsentiert wurde?

Da brauch ich nicht viel dazu sagen, man muss nur eins und eins zusammenzählen. So ist halt das Geschäft. Ich bin jetzt nicht zum ersten Mal in dieser Situation, aber ich finde es schade, weil ich mit Ulm sehr verbunden bin. Deshalb wollte ich nach meiner Zeit in Russland auch unbedingt zurück, obwohl ich bessere Angebote hatte. Ich verstehe es halt nicht und finde es in meiner Situation nicht angebracht.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

Wir sind mit den Ulmern in Kontakt und versuchen, einen Kompromiss zu finden. Sollte da nichts dabei rauskommen, werde ich einen Anwalt einschalten, weil das nicht mit rechten Dingen zugeht. Ich hätte nie gedacht, dass ich gegen die Ulmer vielleicht vors Arbeitsgericht ziehen muss. Es ist die bislang schwierigste Situation in meine Karriere.

Letzter Gruß via Twitter an die Ulmer Fans

Nach seinem unfreiwilligen Abschied bedankte sich Tim Ohlbrecht via Twitter bei den Ulmer Fans, die ihm während seiner Verletzung mit einer extra Choreografie Mut zugesprochen hatten: „Ulm ich liebe euch! Die Stadt, die Restaurants, die Leute und die Fans von ratiopharm Ulm. Ihr habt in schweren und in guten Zeiten immer zu mir gehalten und das werde ich nie vergessen! Business ist Business, also macht euch keine Sorgen um mich.“

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von 77 Bundesligaspielen des Ratiopharm-Teams hat Center Tim Ohlbrecht (29 Jahre) in den zurückliegenden beiden Spielzeiten wegen seiner schweren Knieverletzung verpasst.

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