Crailsheim Rund 250 Fans sagen Bundesligamannschaft der Crailsheim Merlins Ade

Crailsheim / KLAUS HELMSTETTER 04.05.2016
Mit einer Autogrammstunde verabschiedet sich das Erstligateam der Crailsheimer Basketballer in die Sommerpause.

Nein, nein winkt Konrad Wysocki ab. Der Finger tut ihm nicht weh. „Außerdem machen wir das Autogrammeschreiben ja gerne“, bekennt der Kapitän des BBL-Teams der Merlins bei dessen  letzter Amtshandlung in der Runde. „Wir waren sehr motiviert, hatten nach gutem Auftakt ein paar unglückliche Spiele und sind dann in ein Loch gefallen“, blickt der Ex-Nationalspieler zurück. „Aus diesem Loch haben wir es nicht mehr rausgeschafft und uns als Mannschaft nicht wieder stabilisieren können. Am Ende hatten wir bei mehreren engen Spielen auch etwas Pech.“ So fasst Wysocki  das Geschehen zusammen, das letztlich zum ersten Abstieg in seiner Karriere geführt hat.

Sportlich lief es alles andere als nach Wunsch. Im privaten Bereich hingegen haben er und seine Frau Grund zu großer Freude. Wysocki wird in diesen Tagen zum zweiten Mal Vater. „Wir haben schon einen Jungen und bekommen jetzt ein Mädchen. Und das Baby hat natürlich Priorität“, nimmt er Fragen nach seiner sportlichen Zukunft schon mal den Wind aus den Segeln. „Ob und wie lange ich noch spiele, ob auf diesem Niveau oder anderweitig, werde ich im Sommer entscheiden“, – sprach‘s und musste schon das nächste Plakat unterschreiben.

Bei den Merlins und in Crailsheim hat er sich sehr wohlgefühlt. „Schade nur, dass wir die Energie und Euphorie den Fans nicht zurückgeben konnten. Aber es kann ja auch wieder hochgehen in die BBL – warum nicht. Auf jeden Fall verlieren wir in der Pro A keine 19 Spiele in Folge!“

Trotz des sportlichen Abstiegs nimmt Trainer Tuomas Iisalo, der die Mannschaft in zehn Spielen betreut hat, einiges an Positivem mit. „Wir hatten ein gutes Team, haben uns als Mannschaft verbessert. Letztlich war das – gemessen in Ergebnissen und Siegen – aber nicht genug. Da helfen auch enge Spiele in der Rückrunde wie gegen Gießen, Ulm oder Ludwigsburg nicht.“ Sein Credo für die neue Saison: hart arbeiten, weiterentwickeln und mehr Kontinuität gewährleisten. „Dann können wir etwas erreichen. Das wissen wir.“

Zur Autogrammstunde sind die Spieler des BBL-Kaders nahezu komplett angetreten. Nur Shy Ely musste aus persönlichen Gründen früher nach Hause fliegen. Bei dieser offiziellen Verabschiedung des aktuellen Teams hatten vor allem die Kinder ihren Spaß, die mit ihren Basketbällen munter durch die Halle wuselten, um sich davor oder danach brav in die Schlange der Autogrammjäger einzureihen. In den kommenden Tagen werden die Spieler nach und nach ihr Bündel schnüren und sich in heimische Gefilde aufmachen.

Bei den Merlins tritt eine Trainingspause ein. Hinter den Kulissen laufen freilich intensive Planungen für die bevorstehende Saison in der Pro A.  Der Markt wird sondiert, mögliche Neuzugänge werden in Augenschein genommen. Wobei der Fokus in erster Linie auf deutsche Spieler gerichtet sein wird. Denn in der Pro A müssen jeweils zwei deutsche Spieler permanent auf dem Parkett stehen. Um dieses sportliche Gerippe herum werden dann – in der Regel – peu à peu die Ausländerpositionen besetzt. Ingo Enskat, sportlicher Leiter der Merlins, kann dieser Regelung viel abgewinnen. „Sie bietet deutschen Spielern auf hohem nationalem Niveau die Chance, sich weiterzuentwickeln.“ Mit eine der wichtigsten Entscheidungen: „Wir brauchen einen Top-Aufbauspieler – der ist schließlich verlängerter Arm des Trainers.“

Über das neue Merlins-Team zu spekulieren, ist an dieser Stelle noch viel zu früh. Neben dem Coach wird es aller Voraussicht nach ein Wiedersehen mit Michael Jost geben, dem akribischen Arbeiter, der im finalen Saisonspiel in Hagen mit seinen zwölf Punkten die drittmeisten auf das Konto der Merlins beisteuerte. „Darüber hinaus haben wir sicherlich rund die Hälfte der Mannschaft als Option auf dem Radar“, macht Ingo Enskat deutlich. Nicht zuletzt wird auch die Höhe des zur Verfügung stehenden Etats eine wichtige Rolle für das Personalkarussell spielen. Ende Juli soll der Großteil des neuen Kaders stehen. Mitte August beginnt das Anschwitzen in der Vorbereitung auf die neue Saison.

„Wichtig wird sein, welcher Spielstil Tuomas Iisalo vorschwebt, was personell dafür am meisten Sinn macht – und wer von den Spielern auch Interesse hat, bei den Merlins zu bleiben. Unter dem Strich“, so Enskat weiter, „hatten wir keinen schlechten Charakter im Team. Doch als Gruppe hat es nicht gereicht für den Klassenerhalt.“  Wie auch – ohne einen einzigen Auswärtssieg in der kompletten Spielzeit. Wobei dem Bremer in Crailsheimer Diensten in einigen Spielen doch auch der „sportliche Überlebensinstinkt, der unbedingte Wille zum Erfolg“ gefehlt hat.

Am Herzen liegt Enskat auch die Weiterentwicklung der internen Strukturen – vom Trainerstab bis hin zum Büro. „In dieser Hinsicht wollen wir das jetzige Level halten. Das geht gar nicht anders.“

Sportliche Paralellen macht Enskat durchaus auch zu Mitabsteiger Mitteldeutscher BC aus – nicht nur wegen des etwa gleichgroßen Standortes. MBC-Manager Martin Geissler hat dereinst davon gesprochen, Ziel seines Team sei es, unter den Top-20-Mannschaften in Deutschland zu stehen. „Das könnte auch für uns eine realistische Situationsbeschreibung sein.  In der BBL waren wir ein kleines Licht. Doch irgendwie stehen wir, wie vielleicht auch der MBC oder Göttingen, zwischen den sportlichen Welten und könnten uns auch als Pro-A-Team unter den Top 25 im Land einpendeln.“

Und wie sieht eine erste Prognose für die sportliche Zukunft aus? „Wir werden nicht über den Klassenerhalt in der Pro A reden. Vielmehr wollen wir uns in den Play-offs stabilisieren. Doch das hängt von vielen Faktoren ab.“

Derweil hatten die Spieler die meisten Autogrammwünsche erfüllt. Von rund 400 vorbereiteten Karten gingen zwei Drittel über den Tisch.

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