Merlins Ruhig, locker – und defensiv aggressiv

Von Villa Carlos Paz über Braunschweig nach Crailsheim: Lucas Gertz ist mit zwölf Jahren von Argentinien nach Deutschland gezogen.
Von Villa Carlos Paz über Braunschweig nach Crailsheim: Lucas Gertz ist mit zwölf Jahren von Argentinien nach Deutschland gezogen. © Foto: Steffen Förster
Crailsheim / Joachim Mayershofer 04.01.2017
Beim Bundesligisten Braunschweig war Lucas Gertz noch Rollenspieler. Bei den Merlins hat er einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben und will in eine wichtigere Rolle wachsen.

Wenn Deutsche an Sport und Argentinien denken, kommt ihnen wohl zuerst Fußball in den Sinn. Schließlich gab es drei legendäre Finalspiele bei Weltmeisterschaften, aus denen einmal (1986) die Südamerikaner und zweimal (1990, 2014) die Deutschen als Sieger hervorgingen. Dabei haben auch die Basketballer aus Argentinien etliche Triumphe gefeiert – bei den olympischen Spielen 2004 in Athen sorgten sie für eine der größten Sensationen der Sportgeschichte. Luis Scola, Walter Herrmann und Co. schlugen im Halbfinale die favorisierten US-Amerikaner mit Tim Duncan, Allen Iverson und LeBron James 89:81 und holten mit einem 84:69-Sieg gegen Italien die Goldmedaille. 2002 hatte Argentinien bei der Weltmeisterschaft im Halbfinale Deutschland mit Dirk Nowitzki eliminiert und sich die Silbermedaille gesichert.

Just in diesem Jahr brach Lucas Gertz in eine für ihn völlig neue Welt auf. Als Zwölfjähriger zog er mit seiner Familie von seinem Geburtsort Villa Carlos Paz in Zentralargentinien nach Deutschland, das Heimatland seines Vaters, um. Seine Eltern hatten eigentlich nur die Flitterwochen in Argentinien, dem Heimatland seiner Mutter, verbringen wollen, waren dann aber viele Jahre dort geblieben. „Mein Papa hat mit uns, meiner älteren Schwester, meinem älteren Bruder und mir, immer deutsch geredet. Geantwortet haben wir dann auf Spanisch“, erinnert sich Lucas Gertz und verrät, dass die Umstellung auf das Leben in Braunschweig schwierig war. „Die Kultur, die Mentalität, die Sprache – das war ein komplett anderer Alltag!“

„Wenn wir den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen, haben wir immer gewonnen.“
- Lucas Gertz, Shooting Guard der Crailsheim Merlins

14 Jahre später ist der inzwischen 26-Jährige mehr Deutscher als Argentinier, legt Wert auf Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, hat sich aber eine gewisse südamerikanische Lockerheit bewahrt. „Dass ich längerfristig zurückkehre, kann ich mir nicht mehr vorstellen“, sagt Lucas Gertz, obwohl die Verwandtschaft mütterlicherseits und auch seine Schwester in Argentinien leben. Dort ein oder zwei Jahre als Profi Basketball zu spielen, sei aber nicht ausgeschlossen, betont der Shooting Guard. Was aber sicher ist: „Ich will ein paar Trainerlizenzen machen“, sagt Lucas Gertz. In Verbindung mit seinem Fernstudium der Psychologie an der Fernuni Hagen (zweites Semester) und seinen Erfahrungen als Profi sieht er sich damit gut gerüstet, später als Sportpsychologe arbeiten zu können. „Ich glaube, dass man aus Spielern noch so viel mehr herausholen kann, wenn man nicht nur körperlich, sondern auch mental bestens trainiert wird.“

Sind die Trainingseinheiten der Crailsheim Merlins beendet, lernt Lucas Gertz oft für sein Studium. Im März stehen die nächsten Prüfungen an. „Wir haben zusammengerechnet vielleicht fünf Stunden Training am Tag, da bleibt noch viel Zeit für andere Sachen.“ Seinen Freiraum will er sinnvoll nutzen. Mit seiner Freundin Sarah, die mit ihm nach Crailsheim gezogen ist und nach ihrem Studium der sozialen Arbeit als Springerin in städtischen Kindergärten arbeitet, fährt er deshalb nächste Woche nach Norwegen, um dort Polarlichter zu sehen, Wale zu beobachten und eventuell eine Husky-Tour zu unternehmen. Nach dem Spiel beim MBC am Sonntag ist eine Woche trainingsfrei, die nächste Partie steht erst am 24. Januar an (in Erfurt). Auch ein Besuch bei der Familie in Braunschweig ist eingeplant. „Meine kleine Nichte wird drei Jahre alt“, sagt Lucas Gertz und freut sich auf die Verschnaufpause. Danach sei man wieder gestärkt für den Rest der Saison.

Am Ende der Spielzeit soll dann der Wiederaufstieg der Merlins in die Bundesliga zu Buche stehen, hofft Gertz. So kann er das zweite Jahr seines Zwei-Jahres-Vertrags wieder in der Eliteklasse spielen. „Mit unserer Mannschaft können wir aufsteigen“, ist der 26-Jährige überzeugt. Dazu müsse man aber noch konstanter werden und in jedem Spiel „defensiv eine aggressive Mentalität“ an den Tag legen. „Wenn wir den Gegner nicht ins Spiel kommen lassen, dann haben wir immer gewonnen“, sagt Gertz, der seine Stärken auch eher in der Verteidigung sieht. Offensiv und beim Wurf müsse er sich noch verbessern, sagt der ruhige und intelligente junge Mann selbstkritisch. „Ich habe diese Saison nicht so gut angefangen, mich aber gefangen. Letztes Jahr war ich noch Rollenspieler und hauptsächlich Passstation, jetzt muss ich aggressiver im Spiel sein und will eine wichtige Rolle übernehmen.“ Von Coach Tuomas Iisalo könne er viel lernen, „weil dieser die gleiche Position wie ich gespielt hat“.

Training mit Dennis Schröder

Ebenfalls als Shooting Guard agiert Manu Ginobili. Den Argentinier betrachtet Lucas Gertz als Vorbild – „neben meinem großen Bruder“. Ginobili wurde mit den San Antonio Spurs viermal NBA-Meister. „Ich mag die Spurs. Die spielen kein typisches NBA-Gezocke, wo jeder nur schnell punkten will, sondern sehr teamorientiert. Und mir gefällt die Kontinuität des Klubs.“ Auch Gertz denkt eher mittel- als kurzfristig. Er hat bei den Merlins einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschrieben. „Und der Coach ja auch. Die ganze Stadt unterstützt das Team, wir verstehen uns in der Mannschaft alle gut – ich hätte nichts dagegen, nächstes Jahr wieder Bundesliga zu spielen“, sagt Gertz. Vielleicht bereitet er sich darauf wieder mit NBA-Star Dennis Schröder vor. Mit dem Spielmacher der Atlanta Hawks hat er in der Jugend in Braunschweig gespielt. „In der Sommerpause haben wir zusammen trainiert“, sagt Lucas Gertz.

Hier gibt es Merlins-Tickets

Karten für die Heimspiele der Crailsheim Merlins in der Arena Hohenlohe in Ilshofen gibt es online unter crailsheim-merlins.de/tickets sowie an folgenden Vorverkaufsstellen: TC Buckenmaier/Der Stall und Hohenloher Tagblatt (beide in Crailsheim) und Haller Tagblatt (Schwäbisch Hall).

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