Ulm Ratiopharm Ulm: Wertvolle Schnäppchen

Ulm / SEBASTIAN SCHMID 22.05.2015
Ratiopharm Ulm gehört zu den vier besten Basketball-Mannschaften Deutschlands. Mit ein Grund dafür ist, dass rechtzeitig notwendige Änderungen am Kader vorgenommen wurden - und eine Portion Glück.

Auf der einen Seite jubelten die strahlenden, aber erschöpften Sieger. Auf der anderen Seite standen die trauernden, nicht minder ausgelaugten Verlierer. Der Blick auf das Spielfeld im Telekom-Dome offenbarte zum einen, wie nah Freud und Leid im Sport beisammen liegen. Zum anderen zeigte er, wie intensiv die Viertelfinal-Serie zwischen den Bundesliga-Basketballern von Ratiopharm Ulm und den Telekom Baskets Bonn war.

Erst nach fünf Spielen stand der Sieger fest, bis auf die vierte Partie war jedes Duell ein Krimi. Ulm gewann zunächst 75:73, dann konterte Bonn mit zwei Erfolgen (93:88, 99:95) und sah wie der Sieger der Serie aus. Doch das Ratiopharm-Team glich in eigener Halle dank eines 86:73-Siegs aus und sicherte sich letztlich mit dem zweiten Auswärtserfolg (86:79) den 3:2-Triumph und damit das Halbfinal-Ticket.

Nach der kräfte- und nervenraubenden Viertelfinal-Serie war das fünfte Playoff-Spiel für Thomas Stoll ein "Duell von zwei angeschlagenen Boxern, in dem jeder Treffer das Ende sein kann. Aber wir haben uns durchgebissen." Einen Akteur hob der Manager hervor. "Per war da, als es wichtig war." Auf den 27-jährigen Aufbauspieler passte das Boxer-Gleichnis perfekt. Per Günther war kurz nach Spielende erschöpft durch die Katakomben der Halle geschlichen, um den Hals ein Handtuch gelegt, in der einen Hand einen Müsli-Riegel, in der anderen einen Fruchtsaft. Kraft tanken für das erste Halbfinale am Samstag (20.30 Uhr/Sport1) in Bamberg.

Ein blutiges Knie war der äußerliche Beleg, wie sehr es in den 40 Spielminuten zur Sache gegangen war. Der Kapitän war mit gutem Beispiel vorangegangen, hatte gekämpft, sich jedem verloren geglaubten Ball hintergeworfen und dabei keine Rücksicht auf sich genommen. Nach vier Minuten hatte Günther klar gemacht, worum es geht - Kampfgeist und Siegeswillen. Beim Versuch einen Ball zu retten, der Richtung Aus hüpfte, flog er kopfüber über die Werbebande, kehrt aber sofort zurück aufs Feld.

Mit zwei Dreiern im Schlussviertel setzte er zudem offensiv wichtige Akzente. Ebenso wie Tim Ohlbrecht, der mit seinen Offensiv-Rebounds einen großen Teil am Sieg hatte. "Unsere deutschen Spieler haben im letzten Viertel starke Plays gemacht", lobte Trainer Thorsten Leibenath und betrieb im Hinblick auf die im September stattfindende EM für seinen Schützling Werbung: "Per ist der beste deutsche Aufbauspieler der Bundesliga."

Den offensichtlichsten Unterschied zu Bonn hat aber Ian Vougioukas gemacht. Der griechische Center-Koloss stellte die Baskets in den letzten drei Spielen vor unlösbare Probleme und glänzte mit unglaublicher Ausbeute. 67 Punkte erzielte der 29-Jährige dabei und traf alle seine 17 Freiwürfe. Von seinen 29 Würfen aus dem Feld fanden nur vier nicht ihr Ziel. Zudem sammelte er 21 Rebounds ein und legte seinen Kollegen acht Assists auf. Nach dem Halbfinal-Einzug schlenderte Vougioukas zum abfahrtsbereiten Bus, als ob nichts Besonderes geschehen wäre. Mit einem höflichen Lächeln nahm er die Glückwünsche der wartenden Fans entgegen.

Mit Vougioukas' Verpflichtung Ende Februar ist Ulm ein Coup gelungen, um den der Klub sicherlich von der ganzen Bundesliga beneidet wird. Der Transfer war nur möglich, weil der griechische Nationalspieler mit seinem Ex-Verein Galatasaray Istanbul um das ausstehende Gehalt der Saison (angeblich etwa eine Million Euro) einen Rechtsstreit mit guten Erfolgs-Aussichten führt und deshalb ein Schnäppchen ist. Ähnlich verhält es sich mit Brion Rush. Auch ihn können sich die Ulmer nur leisten, weil für sie glückliche Umstände dazu geführt haben, dass er von seinem Ex-Klub aus dem Libanon eine satte Abfindung bekommen hat und diese Saison nicht auf sein Gehalt schauen muss.

Der Guard hat in den fünf Partien gegen Bonn zwar nur vier seiner 26 Dreier-Versuche im Netz untergebracht, trotzdem sorgte er von der Bank kommend für Korb-Gefahr und war auch in der Defensive eine Hilfe. Dasselbe gilt - zumindest in den Playoffs - für Deonte Burton, der ebenfalls zur Stelle war, als das Team in benötigte.

Dieses Trio stand zu Beginn der Saison gar nicht im Kader und ersetzte nach und nach Tommy Mason-Griffin, C.J. Harris und Boris Savovic, die aus verschiedenen Gründen nicht die Erwartungen erfüllt haben. Vor solchen Fehleinkäufen ist man bei aller Akribie nicht gefeit. Doch Leibenath und Stoll haben rechtzeitig reagiert und wie noch nie zuvor während einer Saison Korrekturen am Kader vorgenommen - mit Erfolg. Anders als in den vorangegangenen Jahren Kelvin Torbert, Brian Cushworth, Omar Samhan oder Ian Hummer haben die Nachverpflichtungen die Mannschaft wirklich verstärkt und sind ein wichtiger Grund, warum Ratiopharm Ulm zu den vier besten Basketball-Mannschaften Deutschlands gehört.

 

Vougioukas' Zauberwurf geht um die Welt

Verrückt So einen Wurf trifft ein Basketballer wohl nur einmal in seiner Karriere - wenn überhaupt. Unter Zeitdruck, rückwärts zum Korb, mit einer Hand erzielte Ian Vougioukas das 11:5 der Ulmer gegen Bonn. Ein Zauberwurf, der sicher in jedem Highlight-Video der Saison auftauchen wird. "Im College hatte ich mal einen Tip-in Buzzer Beater. Aber das Ding in Bonn war noch verrückter. Selbst in den griechischen Medien ist der Wurf ein großes Thema - verrückt eben", sagte der Grieche. Trainer Thorsten Leibenath war nicht gänzlich überrascht: "Ian spielt nach dem Training mit Adam Hess immer ,Horse'." Bei dem Spiel geht es darum, möglichst verrückte oder schwierige Würfe zu treffen, die der Gegner nachmachen muss. Eine Spielerei, die sich für Vougioukas ausgezahlt hat.

 

 

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