Die meisten Jugendlichen können es kaum erwarten, den Führerschein zu machen. Killian Hayes ist da anders. Der 18 Jahre alte Aufbauspieler von Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm hat noch keinen Führerschein und kommt mit dem Fahrrad zum Interview-Termin. Die Prüfung will er vorerst auch nicht machen. „In Deutschland brauche ich dafür ein paar Monate, in den USA ein paar Wochen“, erklärt Hayes. Also wird er bis zum Sommer warten. Bis dahin radelt der Franzose durch Ulm.

Herr Hayes, Sie hatten zuletzt ein paar Tage frei. Waren die mal nötig?

Ja, wir hatten davor zwei herbe Niederlagen, deshalb war es ein guter Zeitpunkt, um mal Abstand zu bekommen und Zeit mit Freunden und der Familie zu verbringen. Ich war ein paar Tage in Paris und hatte da eine gute Zeit.

Sie haben die bitteren Niederlagen gegen Berlin und Braunschweig angesprochen. Wie gehen Sie mit solchen Spielen um? Beschäftigt Sie so etwas für längere Zeit?

Das Berlin-Spiel war sehr frustrierend, weil wir den Sieg eigentlich schon der Tasche hatten und wegen unseren Fehlern noch hergegeben haben. Das Braunschweig-Spiel war noch ärgerlicher, weil wir unsere Wut aus dem Berlin-Spiel eigentlich mit in diese Partie nehmen wollten. Aber als wir aufs Feld kamen, waren wir nicht bereit. Außerdem haben wir im vierten Viertel zu viele Fehler gemacht, um den Sieg zu verdienen. Klar, bin ich in der Nacht nach so einer Niederlage wütend, denke an meine Fehler und daran, was ich besser machen muss. Aber am nächsten Tag ist es abgehakt, und ich fokussiere mich auf das nächste Spiel.

Gegen Braunschweig unterliefen Ihnen in der Schlussphase die entscheidenden Ballverluste. Haben Sie sich da länger als sonst geärgert?

Da war ich tatsächlich unheimlich wütend auf mich, weil ich uns den Sieg gekostet habe. So kann ich den Ball in der entscheidenden Phase nicht herschenken. Deshalb war ich auch zwei Tage lang sehr verärgert. Aber zum Glück war ich in Paris und konnte nach einer Weile abschalten und musste nicht mehr die ganze Zeit an Basketball denken.

Ihr Trainer Jaka Lakovic hat gesagt, dass Sie sich in Ihrer Zeit bei Ratiopharm Ulm als Spieler und als Persönlichkeit weiterentwickelt haben. Was meint er damit?

Als Aufbauspieler, der die Spielsysteme ansagt, muss ich auf dem Spielfeld lauter sein und das Team anführen. Meine Stimme zählt. Es geht darum, dass ich mehr mit meinen Mitspielern kommuniziere, schaue, dass sie sich gut fühlen und niemand frustriert ist.

Ist das etwas, was Sie in dieser Saison erst lernen mussten?

In den Jugendmannschaften habe ich das schon so gemacht, aber in meinen ersten zwei Jahren bei den Profis war ich in diesen Punkten sehr zurückhaltend. Ich habe mich sehr auf mich und mein Spiel konzentriert. Jetzt, da ich mehr Verantwortung habe, muss ich mehr aus mir herausgehen und das Team anführen.

Mussten Sie erst einmal Selbstvertrauen sammeln, um sich zu trauen, bei den Profis mitzureden?

Es ist vor allem wichtig, sich voll reinzuhängen. Wenn man das nicht macht und nachlässig arbeitet, hört niemand auf einen. Deshalb muss man hart arbeiten, um ein Vorbild zu sein.

Wo sehen Sie in Ihren Spiel Schwächen? Was müssen Sie verbessern?

Ich muss besser auf den Ball aufpassen und lernen, mit dem Druck der Gegner umzugehen. Auch wenn das gegenüber dem Saisonstart besser geworden ist, liegt da noch ein langer Weg vor mir.

Sie sind mit Ihren 18 Jahren sehr jung für einen Aufbauspieler. Haben Sie das Gefühl, dass die älteren, erfahrenen Spieler auf Sie hören?

Bei einem Spieler wie Per Günther höre eher ich zu, weil er so unheimlich erfahren ist und die Liga bestens kennt. Also tue ich gut daran, auf ihn zu hören.

Mit Zoran Dragic hat ein wichtiger Spieler und Anführer vor ein paar Wochen die Mannschaft verlassen. Was ändert das für Sie?

Zoran war ein wichtiger Faktor und Topscorer in unserem Team. Es ist natürlich schwer, 20 Punkte pro Partie zu ersetzen. Es liegt nicht nur an mir alleine, sondern jeder muss ein Stück zulegen, um die Lücke zu schließen.

Aber haben Sie nun das Gefühl, als Anführer noch mehr gefordert zu sein?

Nein, wir müssen es gemeinsam lösen, um Zoran zu ersetzen.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Ulmer Mannschaft in dieser Saison?

Der Start war echt hart. Aber mit jeder Partie sind wird stärker geworden. Vor dem Berlin-Spiel waren wir auf einem guten Weg, haben uns dann aber zwei schwache Spiele geleistet. Wir müssen jetzt wieder mehr investieren und hart spielen, so wie wir es vor den beiden Spielen gemacht haben. Wir sollten aus den beiden bitteren Niederlagen lernen und stärker aus ihnen hervorgehen.

Was rechnen Sie sich mit Ratiopharm Ulm in dieser Bundesliga-Saison noch aus?

Wir müssen es Spiel für Spiel angehen. Hart trainieren, besser werden und schauen, dass wir uns einen Playoff-Platz erkämpfen.

Ihr Trainer Jaka Lakovic war als Profi ein Aufbauspieler auf Euroleague-Niveau. Wie wichtig ist er für Ihre Entwicklung?

Er ist im Training sehr hart zu mir, weil er wohl sieht, wie gut ich sein kann. Deshalb ist er sehr streng zu mir und hilft mir so, konzentriert zu bleiben.

Er ist oft auch während der Spiele oft sehr streng zu Ihnen.

In der Tat. Das kann manchmal frustrierend sein, aber das gehört dazu. Damit muss ich umgehen können. Er will ja nur das Beste für mich.

Rund um Sie gibt es einen riesigen Hype, so ziemlich jeder NBA-Klub beobachtet Sie regelmäßig. Wie gehen Sie damit um?

Klar bekomme ich das mit, aber das darf mich nicht beeinflussen. Die NBA ist noch Zukunftsmusik, deshalb muss ich mich voll und ganz auf Ratiopharm Ulm konzentrieren.

Es beschäftigt Sie also nicht, dass Sie bei fast jedem Spiel und in vielen Trainingseinheiten von NBA-Klubs beobachtet werden?

Nein, das stört mich nicht. Außerdem bin ich es aus meiner Zeit in Frankreich gewohnt. Es hilft mir sogar, wenn ich dann Lob bekomme. Das gibt mir zusätzliches Selbstvertrauen.

In den USA geboren, aber französischer Staatsbürger


Killian Hayes wurde am 27. Juli 2001 in Lakeland (Florida/USA) geboren, besitzt aber die französische Staatsbürgerschaft. Der 1,96 Meter große Point Guard wird als eines der Top-Talente für den nächsten NBA-Draft gehandelt. Das heißt, dass er laut Prognosen sehr früh von einem Klub ausgewählt wird und in der nächsten Saison in der besten Basketball-Liga der Welt auflaufen wird. Regelmäßig schicken die NBA-Klubs ihre Talentspäher nach Ulm, um Hayes beobachten zu lassen. In der Bundesliga kam er bislang in 18 Partien zum Einsatz und erzielte dabei im Schnitt 11,3 Punkte und legte 5,2 Assists auf. Allerdings unterliefen ihm auch 3,6 Ballverluste pro Partie.