Als das Handy klingelt, blickt Thorsten Leibenath auf das Display und fragt, ob er kurz rangehen darf. 40 Minuten später kehrt er zurück und entschuldigt sich, dass es so lange gedauert hat. Bei dem Gespräch ging es um einen Trainerkandidaten. Wer angerufen hat, will der 44-Jährige nicht verraten. Er zeigt sich bei Fragen nach seinem Nachfolger als Coach beim Basketball-Bundesligisten Ratiopharm Ulm ungewohnt verschlossen. 

Herr Leibenath, sind Sie momentan eigentlich Trainer oder Sportdirektor von Ratiopharm Ulm?

Laut Vertrag bin ich noch der Trainer und beginne offiziell meine Sportdirektor-Arbeit am 1. Juli. Aber inhaltlich hat sich das jetzt schon umgewandelt.

Was denken Sie, wann Ihnen das Trainer-Sein zum ersten Mal fehlt?

Wenn es darum geht, mit der neuen Mannschaft zu arbeiten, Spielkonzepte zu entwickeln, Testspiele zu bestreiten und dann natürlich, wenn das erste Hauptrundenspiel stattfindet. Da wird es ungewohnt sein, nicht auf der Bank zu sitzen.

Es dürfte auch nicht leicht sein, zu sehen, wie ein anderer Trainer mit dem Team zusammenarbeitet, das Sie zusammengestellt haben.

Ich bin ja der Überzeugung, dass es jemand anderes besser machen kann. Insofern übergebe ich die Verantwortung gerne in andere Hände.

Was wird Ihnen als Trainer ganz sicher nicht fehlen?

Ich habe definitiv an zu vielen Pressekonferenzen teilgenommen. Außerdem glaube ich, dass es mir und den weiteren Beteiligten ganz gut tun wird, wenn ich nicht mehr unmittelbar mit Schiedsrichtern konfrontiert bin.

Ein erster Rückblick: Wie ist die abgelaufene Saison einzuordnen?

Als eine schwierige, die trotzdem nicht unerfolgreich war.

Und eine, bei der der Funke nie ganz auf die Fans übergesprungen ist?

Nicht ganz. Aber es war immer etwas schwieriger. Wir haben im Eurocup tolle Leistungen gezeigt, hatten aber oftmals die besseren Auftritte auswärts. Insgesamt waren die absoluten Highlights öfters auswärts. Das kann dazu geführt haben, dass der Funke nicht so richtig übergesprungen ist.

Ist es in Ihren Augen nun der richtige Augenblick für eine Veränderung bei Ratiopharm Ulm?

Ich weiß nicht, wie ich darüber denken würde, wenn wir im Halbfinale stehen würden oder sogar ins Endspiel gekommen wären. Ich habe aber insgesamt das Gefühl, dass diese acht Jahre ein guter Zyklus sind und es ein guter Zeitpunkt ist, für frischen Wind auf der Trainerbank zu sorgen.

Frischen Wind bringt auch Anton Gavel rein, der das Pro-B-Team übernimmt. Ist es nicht mit Blick auf das neue Nachwuchsleistungszentrum ein Risiko, einem Trainer-Neuling diese Aufgabe zu geben?

Es gehört zur Identität unseres Vereins, dass wir gewillt sind, ein kalkuliertes Risiko einzugehen. Das haben wir bei Spielerverpflichtungen gemacht, das hat der Verein ein Stück weit bei meiner Verpflichtung gemacht und das sind wir jetzt auch gewillt, mit Anton Gavel einzugehen. Aber wir sind hundertprozentig von seinen Qualitäten überzeugt. Ein Mensch mit so einer Arbeitseinstellung, so viel Erfahrung, Wissen und Intelligenz wird sich sehr schnell auch in einer neuen Tätigkeit zurechtfinden.

Ein zweiter Rückblick: Wie fällt Ihr Fazit nach acht Jahren in  Ulm aus?

Extrem positiv. Zunächst bin ich Thomas Stoll und Andreas Oettel unglaublich dankbar, dass sie mir diese Chance gegeben haben. Und ich bin ihnen extrem dankbar, dass sie einen langen Atem bewiesen haben. Ich bin mir bewusst, dass viele andere Geschäftsführer diesen nicht bewiesen hätten und ich nicht diese acht Jahre hier hätte arbeiten können. Gleichzeitig ist mein Eindruck, dass diese acht Jahre eine Erfolgsstory waren und es die Verantwortlichen nicht bereut haben, dass sie mit mir so lange zusammengearbeitet haben.

Mit was für einem Gefühl kamen Sie 2011 zu Ratiopharm Ulm?

Mit einem sehr guten Gefühl, da ich wusste, dass es ein professionell aufgestellter und ambitionierter Verein ist. Außerdem wusste ich, dass wir in Kürze in die Ratiopharm-Arena umziehen werden, was nochmal Energien freisetzen wird. Dann kam alles viel schneller als gedacht. Die Experten hatten prognostiziert, dass wir gegen den Abstieg spielen werden – und dann sind wir Haupt­rundenzweiter geworden. Mein Ziel war es, in die Playoffs zu kommen und die Erwartungen in mich mehr als zu erfüllen.

Hatten Sie Angst, dass das Ihre letzte Chance ist?

Ja. Ich hatte mir für das Halbjahr davor gesagt, dass wenn kein entsprechendes Angebot kommt, ich nicht verzweifelt weiter versuchen werde, als Headcoach im Profi-Basketball Fuß zu fassen, sondern mich anderweitig orientiere. Dann kam, auch für mich überraschend, das Angebot aus Ulm. Mir war klar, dass es das gewesen ist, wenn es nicht so läuft wie ich das von mir erwarte. Da ging es um existenzielle Dinge, weil ich wusste, dass ich das nicht beliebig lange probieren kann. Hätte ich es in Ulm nicht geschafft, hätte ich nicht länger auf die Karte Trainer gesetzt.

Sie standen mit Ulm in vier Endspielen. Macht es das noch bitterer, dass es nicht für einen Titel gereicht hat?

Vermutlich schon. Wenn man so nah dran ist und das Gefühl hat, es wäre nicht unverdient, dann ist das schon sehr bitter.

Gibt es Fehler in diesen acht Jahren, die Sie bereuen?

Das sind zu viele. So viel Platz haben Sie für das Interview nicht.

Welcher war der Größte?

Einen ganz großen Fehler, den ich richtig bereue, gab es ehrlicherweise nicht. Wir haben bei Spielern Fehler gemacht, wie sie alle anderen auch machen. Da würde ich die eine oder andere Verpflichtung anders machen. In jedem Spiel gibt es unzählige Entscheidungen, die man infrage stellen kann. Auch wenn ich 65 Prozent der Spiele gewonnen habe, weiß ich, dass ich 35 Prozent verloren habe. Also gibt es genügend Anlass zur Kritik. Aber etwas, von dem ich sage, hätte ich das anders gemacht, dann hätten wir jetzt den Titel, gibt es nicht.

Viele Spieler konnten in Ulm ihren Marktwert steigern. Das gilt auch für Sie. Ist da der Job des Sportdirektors nicht ein Rückschritt?

In finanzieller Hinsicht, zumindest kurzfristig, ja. Aber, und das soll nicht arrogant klingen, ich habe auch hohe Ansprüche an meinen Arbeitgeber. Ich glaube, nach den beiden letzten Saisons, wäre eine zukünftige Trainer-Station diesen Ansprüchen nicht gerecht geworden. Einen Schritt vorwärts hätte ich diesen Sommer wohl nicht gemacht. Ich will eine herausfordernde  und anspruchsvolle Aufgabe. Die habe ich als Headcoach nicht gesehen. Insofern war ich sehr glücklich, als die Ratiopharm-Verantwortlichen mit der Idee des Sportdirektors an mich herangetreten sind.

Nun müssen Sie einen Nachfolger für sich finden. Haben Sie sich dafür einen zeitlichen Rahmen gesetzt?

Nein, weil uns das nur unnötig unter Druck setzen würde. Wir müssen eine sorgfältige Entscheidung treffen. Diese Sorgfalt könnte in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn man sich ein zeitliches Limit setzt.

Und wie läuft es?

Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe und mehr als man denkt.

Befürchten Sie nicht, dass Sie wie ein Damoklesschwert über dem neuen Trainer hängen, und sobald es nicht läuft, der Ruf nach Ihrer Rückkehr laut wird?

Das wird nicht passieren. Davon, dass nach einer Niederlagenserie nach einem neuen Trainer geschrien wird, kann ich ein Lied singen. Aber diejenigen, die das schreien, werden die gleichen sein, die in der Vergangenheit dafür plädiert haben, dass ich hier nicht mehr Trainer sein soll. Insofern kann ich mir nicht vorstellen, dass deren Erinnerung so kurz ist, dass sie mich dann zurückhaben wollen.

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