Trainer Leibenath bei Löw: Von einem Großen lernen

Ulm / thomas gotthardt 16.06.2018
Mitten in der Vorbereitungszeit der deutschen Nationalmannschaft durfte der Ulmer Basketball-Trainer Leibenath ins Trainingslager des DFB.

Weiterbildung ist aus der Arbeitswelt nicht wegzudenken. Zu schnell ändern sich die Anforderungen im Beruf, als dass man sich auf den einmal erworbenen Kenntnissen ausruhen könnte. Dazu kommt die Einsicht, dass ein Blick über den Tellerrand der eigenen Profession auch nicht schadet.

Auch Trainer verspüren bisweilen den Wunsch, bei Kollegen zu hospitieren, um deren Arbeitsweise kennenzulernen.  Thorsten Leibenath, Trainer des Basketball-Bundesligisten Ratiopharm Ulm, gehört zu dieser Gattung der Neugierigen.  Der 43-Jährige durfte dabei einem ganz besonderen Kollegen zwei Tage über die Schulter schauen: Joachim Löw, Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Und das in einer hoch sensiblen Phase. Nämlich während des Vorbereitungstrainingslagers des Weltmeisters in Südtirol.

Um so etwas zu bewerkstelligen, reicht es natürlich nicht aus, einfach mal eine E-Mail an Herrn Löw@ zu schreiben, sondern es bedarf besonderer  Kontakte. Die ergaben sich im heimatlichen Ulm über Marcus Sorg, einem der Löw-Assistenten. Sorg ist gebürtiger Ulmer, spielte für und trainierte den SSV Ulm 1846, ehe es ihn in höhere Trainergefilde führte. Sorg wohnt noch in Ulm, geht auch zu Bundesligapartien der Basketballer. So war der Kontakt bald hergestellt. Dann habe er, erzählt Leibenath, einfach die „Dreistigkeit“ besessen zu fragen, ob er nicht bei der Nationalmannschaft in der Vor-WM-Phase hospitieren könne.

Sorg kümmerte sich um das Anliegen und organisierte nach dem Okay Leibenaths zweitägigen Aufenthalt bei der DFB-Auswahl. „Marcus Sorg hat sich unglaublich für mich eingesetzt. In so einer WM-Vorbereitungszeit in den Kreis stoßen zu dürfen, das ist nicht selbstverständlich“, sagt Leibenath, dem die Begeisterung über den Aufenthalt noch Tage danach anzumerken ist.

Leibenath konnte viele Erkenntnisse sammeln, eine der wichtigsten war: „Dass diese Mannschaft mit all den Leuten, die zum Umfeld gehören, vor vier Jahren den WM-Titel gewonnen hat, ist für mich nun absolut nachvollziehbar. Die Kultur, die im Team und rund herum herrscht, ist von großem Respekt geprägt, von einer Umgangsform, die es möglich macht, das Optimum zu erreichen“, beschreibt Leibenath die Atmosphäre beim Weltmeister. Ihm sei es nicht nur darum gegangen, auf sportlicher Ebene Erkenntnisse zu sammeln. Dazu seien Fußball und Basketball zu unterschiedlich. Er habe vielmehr wissen wollen, wie die Kommunikation ist,  wie und welche Werte nachhaltig vermittelt werden, um hoch bezahlte Fußballer in einer Auswahl der Besten zu motivieren.

Er habe zweimal ein kurzes Gespräch mit Joachim Löw geführt und darüber hinaus die Gelegenheit erhalten, mit vielen anderen zu reden. Da er auch in das Mannschaftshotel hineinschauen durfte, ergaben sich Möglichkeiten, mit Spielern zu sprechen. Leibenaths Eindruck: „Die hätten ja nicht mit mir reden müssen, haben es aber getan, und zwar auf eine höchst angenehme und respektvolle Art und Weise. Ich würde mir wünschen, dass meine Spieler mit einem sportartfremden Trainer genauso umgehen wie die Nationalspieler mit mir.“

Der Trainer durfte mit allen Interviews führen, sei es mit den Athletiktrainern über Leistungsmonitoring, welche Daten im Training erfasst und analysiert werden.  Ein Austausch mit dem Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann, mit der medizinischen Abteilung und Chefscout Urs Siegenthaler gehörte ebenfalls zum Programm.

In einem  Gespräch mit Teammanager Oliver Bierhoff  ging es vor allem um die Bedingungen, unter denen ein solches Team funktioniert. Um die Werte, die vermittelt werden. Um die Frage der Identifikation und wie sich alle Beteiligten sehen. „Es war faszinierend zu erkennen, wie alle in diesem Verbund die gemeinsame Kultur leben und sich selbst so angenehm unwichtig nehmen“, sagt Leibenath. Als er zum Abschied auch noch ein Geschenk bekommt (was für eins, will er nicht verraten), ist das „nur“ noch eine finale Bestätigung eines „unglaublich positiven Gesamteindrucks“. An einer letzten Erkenntnis kommt Leibenath nicht vorbei: „Wir haben in Ulm allen Belangen noch viel Luft nach oben.“

Hospitation

Wenn Außenstehende eine Einrichtung besuchen (Firma oder Verein), dann ist das eine Hospitation Der Hospitant  (Gast) soll die Arbeit kennenlernen. Für eine A-Lizenz im Basketball muss der Trainer zum Beispiel zehn Hospitationen nachweisen. tgo

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