Basketball Interview mit Thorsten Leibenath: Der Druck ist immer groß

Thorsten Leibenath, Trainer von Ratiopharm Ulm.
Thorsten Leibenath, Trainer von Ratiopharm Ulm. © Foto: Eibner
Ulm / Sebastian Schmid 08.05.2018
Trainer Thorsten Leibenath spricht über die Fehler der abgelaufenen Saison und was diesen Sommer bei Ratiopharm Ulm anders laufen soll.

46 Pflichtspiele hat Ratiopharm Ulm in der abgelaufenen Saison bestritten. Für Trainer Thorsten Leibenath bedeutet das im Normalfall vor und nach jedem Spiel eine Pressekonferenz. Nach dem Verpassen der Playoffs hat sich der 43-Jährige trotz der bislang 92 Medientermine für ein letztes Interview Zeit genommen.

Herr Leibenath, schauen Sie sich dieses Jahr die Bundesliga-Playoffs an?

Ja. Der erste Gedanke war: Halt mir das bloß vom Leib. Aber ich werde mir auf jeden Fall die Playoffs anschauen, weil Teams dabei sind, die ich in ihrer Art zu spielen sehr interessant finde. Da will ich auch sehen, was sie in den Playoffs anders machen. Außerdem glaube ich, dass es Teil meiner Verpflichtung ist, zu schauen, was die Konkurrenz macht. Deshalb wäre es unprofessionell, wenn ich die Playoffs nicht anschaue. Auch wenn es hier und da schmerzt.

Haben Sie dann einen Favoriten?

Im Zweifel immer Underdogs oder Mannschaften, die schön spielen. Da fallen mir in erster Linie die Frankfurter ein, die für mich eine der Überraschungsmannschaften der Saison waren. Wer momentan den schönsten Basketball spielt, ist Berlin. Also die Sympathien gehen etwas mehr in diese Richtung, auch wenn ich nicht vor dem Fernseher sitze und mitklatsche.

Ausgerechnet Frankfurt, die Ratiopharm Ulm Playoff-Platz acht weggeschnappt haben?

Naja, wir sind Zehnter geworden. Da war noch Würzburg dazwischen. Und weggenommen haben wir uns den Platz selbst. Insofern fühlt es sich nicht so an, als wenn Frankfurt uns den Platz weggenommen hat.

Haben Sie während der Saison einmal darüber nachgedacht, zurückzutreten?

Ich war vor zehn Jahren in Gießen schon einmal in einer Situation, in der ich der Mannschaft meinen Rücktritt angeboten habe. Damals war ich der Meinung, dass im Team eine Unsicherheit herrscht und ich möglicherweise nicht in der Lage bin, diese wegzunehmen. Die Mannschaft hat sich dann einstimmig zu mir bekannt, also bin ich nicht zurückgetreten. In dieser Saison habe ich darüber nachgedacht, ob ein solcher Schritt nötig ist, habe dann aber keine Verunsicherung festgestellt, die ich nicht lösen kann. Wir hatten jede Menge anderer Probleme, aber nicht, dass ich die Spieler verunsichert, sie nervös oder ihnen Angst gemacht habe. Deswegen ist es dieses Jahr nicht so weit gekommen, dass ich die Vertrauensfrage gestellt habe.

Wie merkt ein Trainer, ob er die Mannschaft noch erreicht?

Da gibt es hunderte Parameter. Der offensichtlichste ist die Trainingsarbeit. Wenn ich das Gefühl habe, eine Mannschaft zieht nicht mehr mit und die Leistung verschlechtert sich, ist das ein ganz entscheidender Parameter. Dann geht es viel um Aufmerksamkeit. Wie nehme ich die Aufmerksamkeit der Spieler in Mannschaftsbesprechungen oder bei Videoanalysen wahr? Wie ist sie, wenn ich eine Ansprache halte. Wenn ich merke, da schaltet einer auf Durchzug, dann muss ich mich fragen, wie kann ich den noch erreichen. Das waren Parameter, die ich abgeklopft habe, als ich mich gefragt habe, ob ich die Mannschaft noch erreichen kann.

Sie haben dieses Jahr sehr häufig erwähnt, dass die Spieler auf einem hohen Niveau trainieren. Warum hat es dann im Spiel nicht geklappt?

Das ist für mich die entscheidende Frage der Saison. Da kann ich auch nur mutmaßen. Es könnte daran liegen, dass wir mental nicht so gefestigt waren, um Fehler schnell abzuhaken. Die Mannschaft davor hat selbst bei dieser Serie von 27 Siegen öfters durchschnittlichen Basketball gespielt, lag oft hinten – und wusste trotzdem, dass sie das Ding noch drehen wird. Diese Sicherheit hat sich in dieser Saison zu keinem Zeitpunkt eingestellt. Es war eher das Gegenteil der Fall. Sobald ein, zwei Fehler passiert sind, ist unser Kartenhaus zusammengefallen und wir hatten nicht mehr die Gewissheit und das Selbstvertrauen, um in dieser Phase wieder erfolgreicher spielen zu können. Das ist im Training nur schwer zu simulieren, da die Konsequenzen andere sind. Deshalb ist die Verarbeitung von Fehlern im Training eine andere wie in Spielen.

War es in der Saison zuvor nicht die individuelle Klasse von Raymar Morgan, Chris Babb oder Augustine Rubit, die das Team vor Niederlagen bewahrt hat?

Das würde ja bedeuten, dass wir nicht mannschaftsdienlich gespielt haben, sondern irgendwo den Michael Jordan hatten, deswegen 27 Spiele in Folge gewannen und Hauptrundenerster waren. Das halte ich für eine mangelnde Würdigung des Erreichten. Wäre es so gewesen, hätten wir nicht die meisten Assists der Liga gehabt und wären auch nicht defensiv so stark gewesen. Man darf das nie nur aufs Offensive beschränken. Wir haben es in der vorangegangenen Saison geschafft, die defensiven Stopps zu generieren. Das haben wir dieses Jahr nicht. Es einfach auf die individuelle Klasse zu schieben, das wäre zu einfach.

Gab es in dieser Saison mal eine Phase, in der Sie dachten, dass Ihr Job auf dem Spiel steht?

Ich kann die Frage so genau nicht beantworten, da mir das schwer fällt. Ich bin mir zu jedem Zeitpunkt bewusst, dass die Resultate meiner Arbeit Konsequenzen haben. Ich wäre naiv und würde meinen Job nicht gut machen, wenn ich blauäugig durch die Welt gehen und sagen würde, egal wie viele Niederlagen, ich werde hier nicht gefeuert. Das passiert zu keinem Zeitpunkt. Ich habe eine große Verantwortung und dazu gehört, erfolgreich Basketball spielen zu lassen. Dem muss ich regelmäßig Rechnung tragen. Gleichzeitig entwickelt es sich nicht so weit, dass ich mit Angst durchs Büro laufe oder mich nervös vor die Mannschaft stelle. Ich fühle mich nicht gelähmt wegen der Verantwortung.

Wie war Ihre Reaktion, als Sie sahen, dass Andrea Trinchieri in Bamberg trotz der Erfolge der letzten Jahre oder Sasa Djordjevic bei Bayerm München trotz Tabellenführung und Pokalsieg entlassen wurden? Haben Sie sich da gedacht, zum Glück bin in bei einem Klub, der anders reagiert?

Wir kommen da jetzt in eine Schiene, dass ich mich rechtfertigen muss, dass ich noch nicht gefeuert worden bin und sich jeder denkt, der Leibenath hat aber verdammt viel Glück, dass er nicht bei Bayern oder Bamberg ist. Ich möchte nicht ein schlechtes Gewissen haben, weil ich meinen Job noch habe. Das Handeln der verantwortlichen Personen hier in Ulm ist nicht von kurzfristigem Erfolg geleitet. Es ist auch nicht ausschließlich vom mittelfristigen Erfolg der Seniorenmannschaft geleitet, sondern hier steckt viel mehr dahinter. Es geht darum, Nachwuchsspieler an die Bundesliga heranzuführen und sich um sie zu kümmern. Auch das fließt in die Beurteilung mit ein. In dem Zusammenhang denke ich, dass ich keinen schlechten Job gemacht habe. Man muss das differenzierter betrachten. Dass wir es nicht in die Playoffs geschafft haben, entspricht definitiv nicht unseren und meinen Erwartungen und ich werte das als Misserfolg. Das ist aber nicht die einzige Aufgabe, die ich in diesem Verein habe.

Sie haben auf der Abschiedsveranstaltung gesagt, dass es ein Fehler war, dass in der Vorbereitung nicht so hart trainiert wurde, wie die Jahre zuvor. Wie kam es dazu?

Ich würde nicht sagen, dass wir zu wenig oder nicht hart genug trainiert haben. Aber ich habe es nicht als gute Vorbereitung wahrgenommen. Auch, weil die Resultate nicht gestimmt haben. Bei mir gingen die ersten Alarmglocken beim Trainingslager in Bormio an, drei Wochen nach dem Vorbereitungsstart, als ich das Gefühl hatte, dass wir nicht so weit sind, wie wir sein müssten. Die Konsequenz daraus ist, dass ich das Training so anpassen muss, dass wir nach drei Wochen weiter sind. Das kann sein, dass wir mehr an Basics arbeiten oder mehr im athletischen Grundlagenbereich arbeiten. Was ganz klar war: Wir hatten mehrere Spieler, die waren einfach nicht in einer guten körperlichen Verfassung. Da reichen auch drei Wochen nicht, um die in Form zu bringen. Deswegen gibt es nun den Auftrag für die, die unter Vertrag stehen, und für die, die wir unter Vertrag nehmen werden, in deutlich besserer Verfassung zur Vorbereitung zu kommen.

Das ist eine Lehre aus dieser Saison. Gibt es noch weitere?

Es gibt ganz viele Dinge, die ich aus dieser Saison mitnehme. Da muss man differenzieren zwischen den einzelnen Bereichen. Taktisch gibt es eine ganze Menge, die ich verändern will. Wir müssen wieder schneller spielen. Wir müssen über unser Defensivkonzept reden, das theoretisch sehr gut ist, aber in der Praxis nicht so funktioniert hat, wie ich mir das vorstelle. Komischerweise hat es in der Saison zuvor super funktioniert, obwohl wir nicht viel verändert haben. Ich muss mich fragen, ob es an der Konzeption, den handelnden Personen oder der Präsentation lag – habe ich es falsch gelehrt? Im taktischen Bereich gibt es also ganz vieles, was ich jetzt hinterfrage.

Welche Bereiche gibt es noch?

Den Athletikbereich. Wir sind ein Verein, der eine Tradition hat, Risiken mit verletzten oder ehemals verletzten Spielern einzugehen. Auch da müssen wir uns hinterfragen, ob das noch zeitgemäß ist und wir uns das noch erlauben können. Wir sind zudem ein Verein, der große Risiken bei der Verpflichtung von Spielern aus kleineren Märkten gegangen ist. Davon sind wir vor dieser Saison ein bisschen abgekommen. Auch aufgrund des Drucks, die tolle Mannschaft des Vorjahrs zu ersetzen, haben wir mehr gestandene Spieler verpflichtet. Eigentlich ist es ein inoffizielles Credo bei uns, dass, wenn wir einen Spieler verpflichten, Ratiopharm Ulm das Beste sein soll, was er als Profisportler bis dahin erlebt hat. Das ist nicht immer so zu leisten. Ein Brion Rush, ein Adam Hess oder ein Ian Vougioukas haben vorher schon Euroleague gespielt, aber das Gros der Spieler, für die sollte das gelten. Letzte Saison war das allerdings nicht mehr so.

Welche Möglichkeiten hat ein Trainer, während Negativtrends einzuwirken?

Die genaue Beantwortung der Frage würde zu umfangreich werden. Ich gebe mal ein Beispiel: Es gibt eine Maxime, die in der Sportlerwelt gilt. Wenn es nicht so gut läuft, verkürze deine Rotation. Baue auf weniger Spieler, gib ihnen aber mehr Vertrauen. Lass die mehr spielen, dafür haben sie keine Sorge, dass sie bei einem Fehler gleich rauskommen. Witzigerweise ist aber auch das Gegenteil nicht verkehrt, was man beim Heimspiel gegen Göttingen gesehen hat, als ich in einer Phase, in der es nicht lief und ich das Gefühl hatte, dass der letzte Wille fehlt, besonders auf die jungen Spieler gesetzt habe. Ich habe diese Saison mit beiden Ansätzen gearbeitet. Ich kann mich an Spiele erinnern, in denen Tim Ohlbrecht gar nicht gespielt hat und auch die jüngeren Spieler kaum Einsatzzeiten gesehen haben. Und es gab Partien, da habe ich früh einem jungen Spieler gesagt, okay, dann spielst du halt jetzt.

Gibt es weitere Möglichkeiten?

Man kann Akzente setzen, indem man einen Spieler entlässt, die Mannschaftsstruktur verändert oder einen neuen Spieler hinzuholt. Man kann taktische Dinge verändern, bewusst Dinge einfacher machen. Ansprachen verändern. Trainingsumfänge und -inhalte anpassen. Ich könnte da jetzt stundenlang darüber reden. Ich habe diverse Dinge probiert, bin aber nicht in Aktionismus verfallen und habe die Gießkanne rausgeholt, das Handbuch „Basketballtrainer“ gelesen und alles über dem Team ausgeschüttet, in der Hoffnung, dass irgendetwas funktioniert. Bevor ich etwas verändere, muss ich mir schon ganz sicher sein, dass es nötig ist, diese Veränderung durchzuführen. Ich habe es ja schon oft gesagt, dass ich kein Freund von Aktionismus bin. Nur weil wir zwei Spiele verloren haben, sage ich nicht, jetzt muss etwas passieren.

Per Günther hat sich schwer getan, auf die Frage zu antworten, was er aus dieser Saison Positives mitnimmt. Haben Sie etwas?

Das, was auch Per geantwortet hat: Dass wir uns auf unsere Fans verlassen können. Man sollte unsere Fans allerdings nicht überstrapazieren, deshalb hoffe ich, dass wir schon bald wieder erfolgreicheren Basketball spielen. Die Entwicklung der jungen Spieler kann man zudem positiv hervorheben. Und die eine oder andere Verpflichtung war nicht die schlechteste, wenn ich zum Beispiel an Isaac Fotu denke. Auch wie schnell sich Katin Reinhardt in die Mannschaft integriert hat. Auch wenn er zuletzt etwas schwächer gespielt hat, hat er als Rookie überzeugt. Es ist nicht alles schlecht gewesen.

Gibt es im Kader außer den Spielern, die noch einen Vertrag besitzen, Akteure, die man definitiv wiedersehen beziehungsweise auf gar keinen Fall mehr in Ulm sehen wird?

Wir haben noch keine Vertragsverlängerung durchgeführt, aber auch keinem Spieler definitiv abgesagt. Was wir getan haben, ist dem einen oder anderem zu sagen, dass es zum jetzigen Zeitpunkt nicht sehr wahrscheinlich ist, dass wir in der kommenden Saison noch einmal miteinander arbeiten werden.

Was ist an dem Gerücht dran, dass John Bryant zurückkehrt?

Meines Wissens ist da nicht allzu viel dran. Ich kann aber auch sagen, dass wir in jedem Jahr, in dem John Bryant auf dem Markt ist, sehr intensiv über ihn nachdenken. Es wäre auch fahrlässig, wenn wir das nicht täten. Mit seiner Saison in Gießen hat er seinen Marktwert aber wieder extrem erhöht, so dass es einige Teams gibt, nicht nur in Deutschland, die sich sehr um ihn bemühen. Da sollte man nicht den Fehler machen und denken, wenn wir John Byrant haben wollen, dann bekommen wir ihn schon. So sieht die Realität nicht aus.

Verspüren Sie nach so einer Saison, in der das Ziel nicht erreicht wurde, bei der Teamzusammenstellung und im Hinblick auf die kommende Spielzeit einen größeren Druck?

Nein, der ist jedes Jahr gleich groß. Nachdem wir im letzten Jahr so viele Abgänge verkraften mussten, war der Druck sehr, sehr hoch. Es war für viele Fans nicht darstellbar, wie man so viele Spieler verlieren kann. Aber die haben woanders um ein Vielfaches mehr verdient. Da ist es klar, dass sie gehen. Der Druck letztes Jahr war also sehr groß. Wir wollten wieder so attraktiven und so erfolgreichen Basketball spielen und haben in der Offseason sehr hart daran gearbeitet, eine schlagkräftige Truppe zusammenzubekommen, aber es hat nicht alles wie erhofft gepasst. Dieses Jahr ist der Druck genauso groß, weil wir wieder zum Erfolg verdammt sind. Keiner will ein zweites Jahr, in dem wir nicht in die Playoffs kommen.

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