Basketball Basketball: Zwischen Training und Küchendienst

Nicht nur sportlich gefordert, sondern auch bei der Hausarbeit: die Nachwuchsbasketballer im Grünen Winkel.
Nicht nur sportlich gefordert, sondern auch bei der Hausarbeit: die Nachwuchsbasketballer im Grünen Winkel. © Foto: Oliver Schulz
Michelle Hänsich 15.12.2017
Im Grünen Winkel in Söflingen geht es für die Jugend- und Nachwuchsspielern von Ratiopharm Ulm mehr als nur um Basketball.

Die beiden Basketball-­Nachwuchsspieler Timo Lanmüller und Jacob Hanzalek hatten jeweils das Angebot, zum FC Bayern München zu wechseln. Doch sie entschieden sich für Ratiopharm Ulm. Unter optimalen Bedingungen trainieren zu können, ohne dass die schulische Ausbildung darunter leidet, war dem U-16-Nationalspieler Lanmüller besonders wichtig.  Hier bietet sich dafür die ideale Basis. Denn der Elftklässler strebt nicht nur eine Basketball-Karriere an, er möchte auch sein Abitur bestehen.

Ähnlich geht es auch dem 14-jähr­igen Memminger Hanzalek. In Ulm sah er für sich eine größere Perspektive. Was Förderung und Spielzeit angeht, ist Ratiopharm Ulm für ihn „der bessere Verein“ gegenüber dem Konkurrenten aus München. Außerdem loben beide ihre Trainer und die Zusammenarbeit mit ihnen. Lanmüller und Hanzalek fühlen sich in ihrer Entscheidung deshalb absolut bestätigt.

Damit zahlen sich die Investitionen in die Jugendarbeit für Ratiopharm Ulm aus. Der Grüne Winkel in Söflingen diente früher als Mehr-Parteien-Haus für Spieler, Trainer und Andere. Seit 2013 ist hier das Zuhause von Nachwuchsspielern aus ganz Deutschland – und aktuell außerdem für Jungs aus Wien, Budapest, Montenegro und Serbien. Auch die heutigen Bundesliga-Baskteballer Till Pape und Joschka Ferner haben dort gewohnt.

Selbst ist der Mann

Zurzeit leben zehn Jungs zwischen 14 und 16 Jahren im Grünen Winkel. Bis auf eine Ausnahme sind die Talente mindestens 300 Kilometer von Zuhause entfernt, und das fast 365 Tage im Jahr. Schluss mit Hotel-Mama! Natürlich steht im Vordergrund des Grünen-Winkel-Konzepts die Unterstützung der professionellen Basketball-Karriere. Trotzdem gleicht das Leben im dem Wohnhaus nicht dem eines Luxushotels. „Es geht auch darum, die Jungs zu selbstorganisierten Männern zu erziehen. Wir kauen ihnen hier nicht alles vor“, sagt der pädagogische Leiter Stefan Arnold, der ebenfalls im Grünen Winkel wohnt und Hausherr des Wohnkomplexes ist.

Zwar sind zwei Köche angestellt, die den jungen Spielern eine Mahlzeit täglich unter der Woche und zwei am Wochenende frisch zubereiten, doch dienstags kochen sie selbst. „Manchmal ist es interessant, was da herauskommt. Wenn man Leute aus aller Welt hier hat, findet ein kulinarischer Austausch statt“, so schildert Arnold seine Eindrücke aus der Küche. Neben dem Kochen werden den Jugendlic­hen die Pflichten des Haushalts wie Wäschewaschen näher gebracht. Auch das eigene Zimmer müssen sie sauber halten.

Zwischen Training und Schule versucht Arnold mit dem Zusammenleben im Grünen Winkel einen Ausgleich zu schaffen, ohne aber Disziplin und Ordnung aus den Augen zu verlieren. Neben seiner offiziellen Funktion ist er ebenso Freund und Familienvater.

Keine Verschnaufpause

„Von den Jungs wird enorm viel gefordert, egal ob im Training oder in der Schule“, sagt Arnold über den Stress, der bereits auf den Schultern der jungen Basketballer lastet. Die zehn Spieler, die ihm Grünen Winkel wohnen, sind auf drei Schulen verteilt: das Anna-Essinger-Gymnasium und die gleichnamige Realschule sowie auf die Privatschule Poligenius, die mit Arnold und dem Verein kooperieren. So erhalten die Basketballer beispielsweise im Schulsport ein individuelles Training.

Auch die Ferien sind für die 14- bis 16-Jährigen oft vollgepackt mit Terminen: Pflichtspiele, Turniere oder Lehrgänge stehen auf dem Plan. Jetzt vor Weihnachten fahren die Nachwuchsspieler zwar zu ihren Familien. Die Sommerferien allerdings verkürzen sich drastisch von sechs auf zwei Wochen, weil schon Mitte August die Vorbereitung startet.

Deswegen ist es Stefan Arnolds Aufgabe, für die Spieler immer ein offenes Ohr zu haben. Da sind die Probleme so vielfältig wie die Jungs selbst. „Das kann wirklich alles sein. Von Verletzungen, schlechten Leistungen in der Schule oder im Training bis hin zu ganz persönlichen Dingen. Haben sie ein Problem in der Schule, dann wirkt sich das auf das Training aus, genauso umgekehrt. Dann liegt es an mir, die Spieler wieder aufzubauen“, sagt Arnold. Ruhig ist es im Grünen Winkel keinesfalls, bei dem ein oder anderen Fifa-Spiel kann es schon mal etwas lauter werden.

Hausherr, Freund und Handballtrainer

Der Grüne Winkel ist nicht das einzige Zuhause von Hausherr Stefan Arnold. Seit dieser Saison steht er selbst jeden Dienstag und Freitag bis zu zwei Stunden in der Sporthalle, um die erste Frauen-Handballmannschaft des SC Lehr zu trainieren. „Der Handball hat mich nie losgelassen“, sagt Arnold, der sich schon in Weinsberg, Neckarsulm und Bönnigheim als Coach engagiert hat. Seinen zusätzlichen Trainerjob empfindet er selbst nicht als Belastung, sondern viel mehr als Abwechslung. Dabei ist von einem „Job“ für Arnold sowieso nie die Rede. Der Grüne Winkel und „seine Jungs“ sind wie eine Familie, um die er sich als Hausherr und vor allem Freund und Vater kümmert. mic