Basketball Hakro Merlins zeigen couragierte Vorstellung

Wie Slalomstangen umkurvt Frank Turner die langen Münchner Verteidiger und bahnt sich seinen Weg zum Korbleger. Gestern erzielt er gleich in zwei Statistiken zweistellige Werte.
Wie Slalomstangen umkurvt Frank Turner die langen Münchner Verteidiger und bahnt sich seinen Weg zum Korbleger. Gestern erzielt er gleich in zwei Statistiken zweistellige Werte. © Foto: Steffen Förster
Ilshofen / Klaus Helmstetter 05.11.2018
Die Hakro Merlins machen den Bayern zeitweise das Leben schwer und schnuppern beim 62:63 an einer Überraschung. Die Münchner ziehen das Tempo an und gewinnen noch deutlich mit 71:96.

Der frühe Vogel fängt den Wurm! Bei kaum einem Merlins-Heimspiel dürfte dieser Satz so angebracht sein wie gestern. Schon rund eine Stunde vor Spielbeginn ist der Parkplatz an der Arena Hohenlohe gut gefüllt und der eine oder andere muss sogar einen kleinen Fußmarsch einlegen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Der Branchenprimus aus München zieht. Keine Frage. Die Bayern will (fast) jeder sehen!

Keine 48 Stunden nach der bitteren und buchstäblich in allerletzter Sekunde besiegelten 68:70-Heimniederlage im Aufsteigerduell gegen Rasta Vechta vom Freitag müssen die Harkro Merlins schon wieder ran. Die Gäste aus München haben einen Tag länger Pause. Am Donnerstag unterlagen sie in Istanbul (Euroleague) knapp mit 84:88-Punkten.

 „Wir haben uns am Samstag noch auf die Bayern vorbereitet, insbesondere natürlich in taktischer Hinsicht und beim Abschlusstraining am Sonntag noch einmal alles durchgesprochen“, betont Ingo Enskat, Sportlicher Leiter der Crailsheimer, während sich die Spieler für die Partie warmmachen.

Beifall für Sherman Gay

Gegen die Bayern darf Sherman Gay - übrigens mit viel und lautem Applaus vom Publikum freundlich begrüßt - wieder einmal ran. Für ihn pausiert Michael Cuffee. „Bayern hat eine sehr physische Mannschaft. Deshalb, und um eine Alternative zu haben, falls unsere anderen langen Jungs in Foultroubles kommen, hat ihn Trainer Tuomas Iisalo aufgeboten.“

Die Merlins finden gut ins Spiel, lassen sich durch einen 0:6-Rückstand nicht beeindrucken und holen durch Sebastian Herrera (3), Ben Madgen und Frank Turner auf. Herrera geht als Starter in die Partie, wird später zum Topscorer (14 Punkte/3 Dreier) der Einheimischen avancieren und macht sein bestes Heimspiel für die Merlins in der BBL. Spielmacher Frank Turner liefert ein „Double-Double“ ab, erzielt je zehn Punkte und zehn Assists.

Philipp Neumann gleicht gar zum 9:9 aus. Joe Lawson trifft von der Dreierlinie zum 12:12. In der Folge verwandeln die Bayern ihre freien Würfe und ziehen auf 12:19 davon. Klasse Stimmung in der Halle. Die Zuschauer klatschen unentwegt frenetisch mit, stehen wie eine Eins hinter dem Team. Zur Viertelpause liegen die Bayern mit sechs Punkten vorne. Die Merlins zeigen einen engagierten Auftritt.

Die individuelle Klasse der Münchner besticht natürlich in vielen 1:1-Situationen. Sie brauchen wenig Platz, um erfolgreich abzuschließen. Viel Verteidigungsarbeit für die Merlins. Ex-NBA-Mann Derek Williams kommt im zweiten Viertel aufs Parkett. Der Vorsprung für die Gäste wächst auf 27:46. Ben Madgen verkürzt mit seinem ersten Dreier. Joe Lawson lässt einen weiteren folgen (33:48). Braydon Hobbs spielt für die Bayern einen No-Look-Pass in die Zone. Nationalspieler Danilo Barthel läuft ein und vollendet per Korbleger. Auf der Gegenseite bedient Konrad Wysocki seinen Kollegen Ben Maden und der kann ähnlich frei abschließen. Aktionen für die Galerie.

Begeistertes Publikum

Mit lauten „Merlins, Merlins“-Rufen verabschieden die Zuschauer ihre Mannschaft in die Pause. Im letzten Spielzug davor düpiert Frank Turner seine ihn um Haupteslänge überragenden Gegenspieler und zwirbelt den Ball mit viel Effet in den Korb. Zum Zungeschnalzen. Den Werfer hat‘s sichtlich gefreut. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Elf Punkte Rückstand für die Merlins zur Pause. Ein gutes Ergebnis.

Frank Turner eröffnet das dritte Viertel mit zwei Punkten aus der Distanz. Philipp Neumann arbeitet viel und engagiert unter dem Korb, bekommt Szenenapplaus bei seiner Auswechslung. Sebastian Herrera trifft von der Dreierlinie (51:61). Die Halle tobt. Herrera legt nach, ein weiterer Dreier (54:63) fluppt durch die Reuse. Als dann auch noch Konrad Wysocki gegen den Mann einen Dreier versenkt, nimmt München eine Auszeit (57:63). Beste Stimmung in der Arena. Liegt tatsächlich eine Überraschung in der Luft?

Nach der Auszeit steigt Sebastian Herrera zum Korbleger hoch, wird gefoult, trifft trotzdem. Der Zusatzwurf sitzt (60:63). Jetzt ist endgültig die Hölle los. Konrad Wysocki passt auf Gay, der trifft zum 62:63. „Defense, Defense“-Rufe schallen durch das weite Rund. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Längst stehen die Zuschauer.

Bayern operiert mit viel Routine. Petteri Koponen und Nihad Djedovic treffen aus der äußersten Ecke zum 62:69. Iisalo nimmt seinerseits die Auszeit. Ein mitreißender Kampf der Merlins. 2.42 Minuten bleiben im dritten Durchgang. Bayern legt nach. Die Merlins verpassen. München trifft von der Linie. Zum Viertelende sind es wieder zehn Punkte Unterschied (64:74). Noch ist alles drinnen.

Bayern macht weiter Dampf

Der finale Durchgang. Bayern legt zwei weitere Körbe vor. Iisalo bittet erneut zur Besprechung. Bei den Münchnern läuft der Ball, ausgehend von Spielmacher Braydon Hobbs traumwandlerisch sicher und schnell. Die Merlins müssen in der Defense viel und hart arbeiten. Nationalspieler Danilo Barthel (Topscorer: 20 Punkte) trifft einen freien Dreier. München führt wieder mit 17 Punkten. Das schnelle und temporeiche Spiel fordert sämtliche Kraftreserven. München hält das Tempo hoch, egal wer auf dem Feld steht. Derrick Willimas streut einen Rückwärts-Dunk ein. Bayern zieht davon (71:93).

Bei den Merlins fällt in der Offensive nichts mehr. Letztlich müssen sie dem hohen Tempo Tribut zollen, was erklärt, dass der Endstand mit 71:98 doch deutlicher ausfällt, als es zwischenzeitlich ausgesehen hat. „Bayern hat noch einmal angezogen und ist hohes Tempo gewöhnt,“ bilanziert Ingo Enskat, Crailsheims sportlicher Leiter. „Bis Weihnachten haben wir noch ein schweres Programm, jetzt mit Auswärtsspielen in Bonn und Oldenburg“, betont er im Nachgang. „Wir müssen weiter kontinuierlich arbeiten, um auch in solchen Spielen präsent zu sein und unsere Chance zu suchen.“

So spielten sie

Crailsheim – München

71:96

Crailsheim: Madgen (9/1 Dreier), Russell (2), Turner (10/10 Assists), Herrera (14/3 Dreier), Wysocki (9/3 Dreier), Neumann (12), Rush (5), Ferner (0), Lawson (6/2 Dreier), Gay (4).

München: Amaize (4), Barthel (20/1 Dreier), Djedovic (16/3 Dreier), Jovic (-), Koponen (11/3 Dreier), Booker (9/1 Dreier), King (2), Lo Maodo (4), Hobbs (12/ 2 Dreier), Dangubic (8/1 Dreier), Radosevic (3), Willliams (7).

Viertel: 18:24/28:33/18:17/7:22
Rebounds: 26:33
Assists: 22:24
Dreier: 10:11

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