BBL Deutscher Meister aus München gastiert am Sonntag bei den Merlins

Dr. Christoph Grimmer. Privatfoto
Dr. Christoph Grimmer. Privatfoto
Ilshofen / KLAUS HELMSTETTER 19.11.2014
Am Sonntag gibt sich das Münchner Starensemble die Ehre. Gespickt mit zahlreichen Auswahlspielern treffen die Bajuwaren in der Arena Hohenlohe auf den Aufsteiger aus Crailsheim.

Die Nachfrage ist riesig. Schon lange sind die Sitzplätze in der Arena ausverkauft. Alle wollen die Bayern sehen. Zum Phänomen Bayern München sprach das HT mit dem Crailsheimer Dr. Christoph Grimmer, der als Sportwissenschaftler an der Uni Tübingen arbeitet.

Sobald der vorläufige BBL-Spielplan vorlag lauteten die ersten Fragen der Fans: Wann findet das Spiel gegen Bayern statt? Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

CHRISTOPH GRIMMER: Zum einen sind die Münchner als Meister natürlich nun für alle die Gejagten. Die Crailsheimer Zuschauer waren sicherlich ähnlich gespannt darauf, wann die Heimspiele gegen Bamberg oder Alba Berlin stattfinden würden. Darüber hinaus ist Bayern München aufgrund seiner Stärke im Fußball ein absoluter Weltverein. Es will jeder hin, obwohl die Chance auf einen Sieg für den Gegner oft gering ist.

Der FC Bayern ist längst zu einer Marke geworden. Was macht ihn als Marke aus?

GRIMMER: In erster Linie definiert sich die Marke Bayern über die Nachhaltigkeit ihres sportlichen und gleichzeitig auch wirtschaftlichen Erfolgs. Marken leben aber auch von Personen, die den Markenkern und zugehörige Botschaften verkörpern. Kontinuität auf den relevanten Positionen etwa in der Führungsebene hilft bei der Profilbildung. Mehr als 30 Jahre hat Uli Hoeneß den Verein geprägt. Deshalb ist die Marke Bayern München auch noch stark mit ihm verbunden, wenngleich sie sich durch sein Fehlen aktuell auch ein Stück weit neu zusammenfinden muss.

Wie kommt's, dass Bayern die wenigsten Leute kalt lässt? Die einen sind glühende Verehrer, die anderen lehnen sie total ab.

GRIMMER: Zum einen kann das sicherlich auf die zum Teil streitbaren Figuren im Klub zurückgeführt werden. Ein Uli Hoeneß hat lange Jahre stark polarisiert ("Abteilung Attacke"). Erfolg ruft aber auch Neider auf den Plan. Das Phänomen gibt es nicht nur im Sport. Mit ihrem Claim "Mia san mia" strahlt der Klub außerdem eine gewisse Selbstgefälligkeit aus, an der sich die Geister scheiden. Und nicht zuletzt die Transferpolitik macht sie umstritten. Der Vorwurf lautet, dass sie (im Fußball) mit ihrem Geld andere Vereine kaputt kaufen. Die Debatte entzündet sich nun an der Personalie Marco Reus, nachdem Götze und Lewandowski bereits aus Dortmund nach München gegangen sind.

Für viele Mannschaften ist die Partie gegen Bayern das Spiel des Jahres!

GRIMMER: Im Gegensatz zu Waren, Versicherungen oder Ähnlichem ist der Sport ein Feld großer Emotionen. Spiele gegen Bayern München sind sportlich reizvoll, weil es im Fußball gegen den Branchenführer geht, den Rekordmeister und Führenden in der ewigen Tabelle. Es ist Ansporn für viele, als David dem Goliath ein Bein zu stellen. Wichtiger Wert des Sports: Überraschungen sind durchaus möglich. Stars, Favoriten oder vermeintlichen Überspielern soll ihre Besiegbarkeit aufgezeigt werden.

Im Fußball hat man sich an die Sonderrolle der Bayern gewöhnt. Warum ist sie jetzt, und dermaßen schnell, auf den Basketball übergeschwappt?

GRIMMER: Dass es im Basketball so schnell geht, liegt meines Erachtens an der starken Dachmarke - es sind eben die Bayern. Fans, Klubs und Spieler in der BBL haben also das Gefühl, sie können nicht nur schlicht zwei Punkte einfahren, sondern dem Weltverein FC Bayern eins auswischen. Dementsprechend ist Bayern auch in der BBL kein Team wie jedes andere.

Taugt das Modell (Marke) für andere zur Nachahmung?

GRIMMER: Davon würde ich abraten. Man sollte Marken nicht kopieren, weil ein Abbild in der Regel schlechter ist als das Original. Insofern geht es vielmehr in erster Linie darum, die eigene Marke zu stärken. Die Crailsheim Merlins haben mit dem Claim "Ihr werdet uns lieben" einen fast perfekten Spruch kreiert. Er ist grandios für das erste Bundesliga-Jahr, hat was Positives, ist mutig, strahlt Zuversicht aus und vermittelt Sympathie. Der Nachteil: Zur kommenden Saison muss sicherlich ein neuer her - unabhängig davon, ob es für die Crailsheimer Korbjäger dann in der ersten oder zweiten Basketball-Liga weitergeht.

Besteht im Basketball die Gefahr, dass sich wie im Fußball eine Debatte entwickelt, von wegen potente Klubs verdrängen die "Traditionsvereine"? So wird Bayern doch auch im Basketball nicht überall positiv aufgenommen!

GRIMMER: Ich kann die Debatte schon nachvollziehen. Es ist immer die Frage, auf welcher Seite man steht. Crailsheim hatte mit den TSV-Fußballern lange einen Oberligisten, der mithilfe eines Sponsors fast in die Regionalliga aufgestiegen wäre. Nach dem Rückzug des Geldgebers findet sich der Klub dort wieder, wo er sportlich und wirtschaftlich wohl auch richtig aufgehoben ist. Die Diskussion ist schizophren. Es kommt immer darauf an, ob man profitiert oder nicht. Entsprechend fallen die Argumente aus.

Zur Person

Christoph Grimmer ist in Crailsheim aufgewachsen, hat hier in verschiedenen Vereinen selber Sport getrieben und am Albert-Schweitzer-Gymnasium Abitur gemacht. Anschließend studierte er Diplom-Sportwissenschaft an der Universität Hamburg, wo er zudem promovierte. Heute arbeitet der 29-Jährige als Lehrkraft für besondere Aufgaben im Arbeitsbereich Sportökonomik, Sportmanagement und Sportpublizistik an der Universität Tübingen.

HEL

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