Interview Andreas Oettel: „Wäre Wahnsinn, fitten Tim Ohlbrecht wegzuschicken“

Andreas Oettel und Ratiopharm Ulm sehen einer möglichen juristischen Auseinandersetzung gelassen entgegen.
Andreas Oettel und Ratiopharm Ulm sehen einer möglichen juristischen Auseinandersetzung gelassen entgegen. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Von Sebastian Schmid 10.07.2018
Nachdem sich Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm von Tim Ohlbrecht getrennt hat, hatte dieser heftige Kritik am Klub geübt. Geschäftsführer Andreas Oettel setzt sich dagegen zur Wehr und berichtet, warum er einer möglichen Klage entspannt entgegensieht.

Im Internet wurde der Fall kontrovers diskutiert. Ist die Trennung Ratiopharm Ulms von Tim Ohlbrecht Teil des Geschäfts oder ein ungeheuerlicher Vorgang? Nun nimmt Geschäftsführer Andreas Oettel Stellung zur teilweise heftigen Kritik des 29-Jährigen. Der Center hatte sich unter anderem darüber beschwert, dass die Trennung von seinem Ex-Klub ohne Warnung kam und nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Deshalb hat er mit juristischen Schritten bis hin zur Klage vor dem Arbeitsgericht gedroht. Hauptstreitpunkt beider Parteien ist der Gesundheitszustand Ohlbrechts, der sich im Dezember 2016 in einem Bundesligaspiel eine schwere Knieverletzung zugezogen hat, die ihm seither zu schaffen macht.

Herr Oettel, waren Sie von Tim Ohlbrechts Kritik überrascht?

Ich kann nachvollziehen, dass er aus der Emotion heraus an die Öffentlichkeit geht. Allerdings ist das, was passiert ist, im Profisport ein normaler Vorgang. Insofern haben wir nicht damit gerechnet.

Unter anderem behauptet Tim Ohlbrecht, dass die Trennung für Ihn überraschend kam.

Die Verletzung von Tim dauert nun schon 18 Monate an und ihm war klar, dass im Sommer ein Medizincheck ansteht. Wir haben ihm bereits während der Saison empfohlen, den Sommer in Ulm zu verbringen, um unter Aufsicht unseres medizinischen Stabs und optimalen Bedingungen zu trainieren. Natürlich darf ein Spieler Urlaub machen, aber unter solchen Voraussetzungen ist mehr Training nötig. Dieser Empfehlung ist Tim nicht gefolgt, sondern in die USA gereist. Deshalb musste er extra für den Medizincheck nach Ulm fliegen.

Hätte man den nicht zu einem anderen Zeitpunkt machen können?

Die Untersuchung sollte kurz vor dem Stichtag stattfinden, an dem der Arbeitsvertrag ausläuft.

Also wusste Tim Ohlbrecht vom Zeitpunkt und der Bedeutung der Untersuchung?

Natürlich. Tim ist jetzt 29 Jahre alt und lange genug Profisportler. Es ist nicht der erste Vertrag seiner Karriere. Und er hat einen Spielerberater von einer der größten Agenturen weltweit an seiner Seite. Das sind keine Anfänger.

Wie läuft das mit dem Medizincheck ab? Dürfen die Ärzte das Ergebnis dem Verein mitteilen?

Kurz zur Erläuterung: Wir sprechen von Hochleistungssport, wo es deutlich höhere Bezahlungen gibt. Da gelten andere Regelungen. Dazu gehört, dass die Teamärzte von der Schweigepflicht gegenüber bestimmten handelnden Personen wie etwa den Geschäftsführern entbunden sind.

Tim beschwert sich darüber, dass die Ärzte, die den Medizincheck durchführen, vom Verein bestimmt werden. Ist das auch Standard?

Ja. Es gibt immer wieder dieses Märchen vom Klub-Arzt, der vom Verein bezahlt ist. Aber das gibt es nicht. Auch in unserem Fall sind die Ärzte Angestellte des RKU, das unser Medical-Partner ist. Den Vorwurf, dass sie befangen sind, weise ich ganz klar zurück. Wenn ein Spieler nicht damit einverstanden ist, dass die Teamärzte ihn untersuchen, dann darf er den Arbeitsvertrag nicht unterschreiben. Aber kein Klub dieser Welt wird eine andere Regelung akzeptieren.

Wie erklären Sie, dass dieselben Ärzte, die Tim Ohlbrecht im Dezember fit erklärt haben, es im Juni anders sehen?

Im Dezember 2017 ging es zunächst darum, sicherzustellen, dass ein Einsatz Tims den noch immer andauernden Heilungsprozess nicht negativ beeinflussen würde. Tim wollte ja unbedingt spielen. Also haben wir gemeinsam beschlossen, ihm und dem Knie eine Chance auf dem Parkett zu geben.

Warum kam dann beim Medizincheck vor zwei Wochen etwas anderes heraus?

Da ging es nicht mehr nur um Trainingstauglichkeit, sondern um Leistungsfähigkeit. Es reicht nicht, dass jemand übers Feld rennen kann. Dann werden andere Maßstäbe angesetzt. Ich kann nichts zu den genauen Untersuchungsergebnissen sagen, aber wir als Klub müssen das Risiko und die Chancen abwägen.

Und das Risiko war so groß, dass ihm gekündigt wurde?

Wir haben ihm nicht gekündigt. Sondern der neue Vertrag kam nicht zustande. Dafür wären bestimmte Voraussetzungen nötig gewesen. So sichern sich Vereine ab. Da gehören beispielsweise Dinge dazu, wie dass der Spieler fit ist oder die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und sie nicht wechselt. Sind die nicht gegeben, wird der Vertrag nicht wirksam.

Warum war dann im Mai 2017 verkündet worden, dass Tim Ohlbrecht bis 2020 bleibt?

Wir hatten einen ursprünglich auf zwei Jahre befristeten Vertrag mit ihm, der jetzt ausgelaufen ist. Während seiner Verletzung haben wir mit ihm einen neuen Vertrag geschlossen, um ein Zeichen zu setzen. Wir hätten ihn sehr gerne langfristig in Ulm gehabt, als Identifikationsfigur neben Per Günther. Der neue Vertrag sollte ein Anreiz sein, sich reinzuhängen und fit zurückzukommen. Es wäre ja auch völliger Wahnsinn, einen fitten Tim Ohlbrecht wegzuschicken.

Wusste Tim Ohlbrecht, dass sein Vertrag Ende Juni ausläuft?

Definitiv ja. Er hat ja im Interview angekündigt, dass er einen Anwalt einschalten will. Aber die Kanzlei ist seit Monaten eingeschaltet. Er hatte sogar bereits bei beiden Medizinchecks juristische Unterstützung dabei, die jeden Schritt dokumentiert hat.

Wie geht es jetzt aus Sicht des Vereins weiter? Will man sich außergerichtlich einigen? Oder lässt man sich auf eine Verhandlung ein?

Ohne Frage, hätten wir uns sehr gewünscht, dass Tim bei uns bleibt und zu dem Leistungsträger wird, der er vor seiner Verletzung war. Wir verstehen auch ein Stück weit, dass er emotional und durch Berater getrieben, eine juristische Klärung anstrebt. Wir sehen dem aber gelassen entgegen. Wir sind der Meinung, dass wir Tim offen und fair behandelt haben und im Übrigen einen Standardvertrag der Basketball-Bundesliga verwendet haben.

Befürchten Sie durch die öffentliche Diskussion um die Trennung einen Imageschaden für Ratiopharm Ulm?

Den haben wir schon. Weil es am Ende der große, böse Klub ist, der die Macht hat und die armen Spieler, wenn er will, wie am Fließband austauscht.

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Geschäftsführer hat Basketball-Bundesligist Ratiopharm Ulm. Andreas Oettel ist für die Finanzen zuständig, sein Partner Thomas Stoll für die sportlichen Belange.

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