Bietigheim-Bissingen / Uwe Mollenkopf  Uhr

Dieser Tage wird an die Ermordung der beiden Kommunistenführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nach dem Spartakusaufstand am 15. Januar 1919 in Berlin erinnert. Auch in der „Provinz“, in Bietigheim und Bissingen, war die Kommunistische Partei in der Weimarer Republik aktiv, zu Anfang gab es aber viel Gegenwind.

Wie Michael Schirpf in seinem Beitrag zur Weimarer Republik im Heimatbuch „Bietigheim 789 bis 1989“ und in einem Aufsatz zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Bietigheim, Bissingen und Untermberg in den Blättern zur Stadtgeschichte, Heft 8, feststellt, setzten sich vor 100 Jahren in Württemberg die sozialdemokratischen Strömungen viel stärker durch als im revolutionären Berlin. Die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), die sich als Kriegsgegner im Ersten Weltkrieg von der SPD abgespalten hatten, und die Spartakisten, eine Vereinigung von marxistischen Sozialisten mit Liebknecht und Luxemburg, hatten laut Schirpf kaum eine Chance, in den nach dem Krieg gebildeten Arbeiter- und Soldatenräten die SPD-Dominanz zu durchbrechen.

Auch bei der Wahl zur Nationalversammlung am 12. Januar 1919 schnitten die Linken schwach ab. Die USPD erhielt nur 22 Stimmen, die SPD dagegen 1616. Die KPD – die mittlerweile von Spartakisten und anderen Kommunisten gegründet worden war – war gar nicht erst angetreten. Hintergrund: Sie lehnte das parlamentarische System ab und strebte stattdessen eine Räterepublik nach sowjetischem Vorbild an.

Durch die Morde an Liebknecht und Luxemburg in Berlin wie auch am bayerischen USPD-Ministerpräsidenten Kurt Eisner in München verschärften sich laut Schirpf die Aktivitäten der Kommunisten in Württemberg. Von Januar bis April lief deren Versuch, eine Räterepublik im „Ländle“ zu errichten. Er mündete in einen Generalstreik im April. Der brach aber zusammen, weil ihm die breite Unterstützung fehlte und weil ihn die württembergische Regierung militärisch unterdrückte.

Abwehrstreik in Bietigheim

In Bietigheim gab es einen Abwehrstreik gegen die KPD-Umtriebe, von dem der Enz- und Metterbote am 4. April 1919 berichtete. Demnach war daran die im württembergischen Verkehrsbund organisierte Verkehrsbeamten- und Arbeiterschaft beteiligt. Wörtlich heißt es: „Es soll damit einerseits die gegenwärtige Regierung mit allen Mitteln unterstützt, andererseits dem terroristischen Treiben der Spartakisten eine Macht entgegengestellt werden...“

Die KPD taucht im Enz- und Metterboten erstmals am 6. Juni 1919 mit einer Anzeige auf. Darin wird auf den Vortrag „Proletariat und Frieden“ hingewiesen. Seit 1920 hatte sie einen eigenen Ortsverein in Bietigheim. Dieser hielt auch den Mord an Liebknecht und Luxemburg wach: Am 15. Januar 1920 hielt die KPD im Ochsen in Bietigheim eine Gedächtnisfeier für die beiden ab. Es war, so Schirpf, die erste KPD-Veranstaltung in Bietigheim.

Die weitere Entwicklung: Anfang 1921 wurde die KPD dadurch gestärkt, dass sich die USPD in der Stadt auflöste und zu ihr übertrat. Mit Josef Kern gelang es, zeitweilig einen weiteren Vertreter in den Bietigheimer Gemeinderat zu bringen.

Wesentliche erfolgreicher waren die „Roten“ in Bissingen: Hier wurde die KPD bei den Wahlen 1924 dreimal so stark wie die SPD und blieb auch danach dominierender Faktor. Über einen Bildungsausschuss und Vereinsaktivitäten wirkte die Partei ins Gemeindeleben hinein. Dies, obwohl sie wegen antidemokratischer Bestrebungen 1923 kurzzeitig im Reich verboten wurde.

Die KPD habe in Bietigheim und Bissingen auch ihre eigenen revolutionären Gewerkschaftsorganisationen geschaffen, so Schirpf. Sie machte mit zahlreichen Versammlungen zu den Problemen der Wirtschaftskrise von sich reden, kritisierte die Notverordnungen gegen Ende der Weimarer Republik und schuf mit dem „Kampfbund gegen den Faschismus“ eine Organisation, die auch in Bietigheim die Nationalsozialisten bekämpfte. Ein „Burgfrieden“ zwischen SPD und KPD im Sommer 1932 zum gemeinsamen Vorgehen gegen die NSDAP habe Josef Kern von der KPD aber abgelehnt, so Schirpf.

Hochburg: Untermberg

In der Endphase der Weimarer Republik Anfang der 30er-Jahre verzeichneten im Zuge der damaligen Radikalisierung sowohl die KPD wie auch die NSDAP Stimmengewinne. Im November 1932 konnten die Kommunisten in Bissingen ihren Stimmenanteil auf 38 Prozent steigern, in Untermberg waren es sogar 56,5 Prozent. Bei den Wahlen von 1933, bei denen die KPD bereits durch Notverordnungen am Wahlkampf gehindert wurde, kam sie in Bissingen immerhin noch auf 31,7 Prozent, in Untermberg auf 47.

Laut Schirpf gab es in Bietigheim gegen die NS-Machthaber anfangs Widerstand seitens der Kommunisten. So wurde im März 1933 eine rote Fahne auf der Laurentiuskirche aufgepflanzt. Im Steinbruch Fink druckten Bissinger und Untermberger Genossen am 5. März Flugblätter. Das Regime reagierte mit Durchsuchungen und Verhaftungen. Am Ende folgte die Zerschlagung der gesamten Arbeiterbewegung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg trat die KPD zunächst wieder an und erreichte bei der Gemeinderatswahl 1946 in Bietigheim 6 Prozent, bei den Kreistagswahlen 9,6 Prozent. Das KPD-Verbot 1956 durch das Bundesverfassungsgericht wegen Verfassungsfeindlichkeit beendete dann alle weitere Entwicklung.