Alltag Übermüdete aller Länder, vereinigt euch!

Berlin / Thomas Block 10.11.2018

Der deutsche Wecker klingelt unter der Woche in der Regel allerspätestens um sieben Uhr. Es gibt mehrere Studien, die das recht präzise dokumentieren; die Schlafstudie der Techniker Krankenkasse hat zum Beispiel herausgefunden, dass jeder Zweite um diese unchristliche Uhrzeit bereits wach ist, die meisten sogar schon seit mehr als einer Stunde. Es soll ja Menschen geben, die gerne früh aufstehen. Bei den meisten wird jedoch weniger der Zauber der frühen Morgenstunde als vielmehr die Unausweichlichkeit der gesellschaftlichen Norm im Vordergrund stehen. Irgendjemand hat halt irgendwann einmal bestimmt, dass die Schule gegen acht und der Arbeitstag irgendwann vor neun beginnt.

In einer Gesellschaft, die immer rastloser wird, deren Tage kein natürliches Ende mehr kennen, wird das zu einem Problem. Während die Aufstehzeiten konstant geblieben sind, haben sich die Einschlafzeiten konstant nach hinten bewegt. Deutschland, auch das belegt die Studie, ist ein Land der Unausgeschlafenen. Die Hälfte der Menschen rastet sechs Stunden oder weniger – empfohlen werden mindestens sieben. Unser Schlafrhythmus ist kaputt. Und bislang gibt es keinen Ansatz, das zu ändern.

Es ist schon ein bisschen verrückt. In den vergangenen Jahrzehnten hat ein Gesundheitstrend nach dem anderen unseren Alltag erobert. Plötzlich landeten nicht mehr nur Schweinebraten und Bratkartoffeln auf deutschen Tellern, sondern auch Quinoa, Chiasamen und Avocado. Weniger ungesättigte Fettsäuren, weniger Kohlenhydrate, mehr Mineralstoffe. „Sitzen ist das neue Rauchen“ behaupten Krankenkassen, Tageszeitungen, Sachbücher wohl auch, weil kaum noch jemand raucht. Wir diskutieren über Feinstaub und Stickoxide, fahren nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Rad und tracken unsere Bewegungsbilanz mit dem Smartphone. Nur ein Thema spielt kaum eine Rolle: unser Schlaf.

Dabei sind sich eigentlich alle einig, dass Schlaf wichtig ist. „Der Schlaf ist ein Multitalent: Er stärkt das Immunsystem, dient der Zellerneuerung und hilft beim Vertiefen von Erlerntem“, heißt es in der TK-Studie. Wer zu wenig schläft, ist weniger leistungsfähig, anfälliger für Herz-Kreislauf-Beschwerden, für Depressionen und Übergewicht. Und so richtig gut fühlt es sich ja auch nicht an, ständig müde zu sein. Trotzdem werden unsere Nächte immer kürzer.

In kaum einem Lebensbereich haben wir es so sehr verlernt, auf unseren Körper zu hören. Um das zu erklären, muss man vielleicht ein bisschen weiter zurückschauen. Viel deutet darauf hin, dass vor der Industrialisierung ganz anders geschlafen wurde als heute. Auf den Bauernbildern des flämischen Malers Pieter Brueghel sieht man Menschen auf Feldern, an Wegen und neben Häusern schlafen. Der Schlaf war Teil des Alltags, etwas, das in der Öffentlichkeit praktiziert wurde. Erst mit der Zeit wurde er in private Schlafzimmer verbannt.

Auch in der Nacht hielten sich die Menschen nicht an den modernen Schlafrhythmus. Der amerikanische Historiker Roger Ekirch hat 2001 ein Buch veröffentlicht, in dem er 500 Belege für einen zweigeteilten Schlaf auflistet. Menschen sind zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit schlafen gegangen, wachten vier Stunden später wieder auf, waren zwei Stunden lang aktiv und schliefen dann weitere vier Stunden. Ganz selbstverständlich sei in Tagebüchern die Rede vom Erst- und Zweitschlaf gewesen.

Das alles änderte sich mit der Industrialisierung. Mit den festen Arbeitszeiten in den Fabriken bildete sich etwas heraus, was der Soziologe Peter Gleichmann einen „universal synchronisierten Schlaf-Wach-Rhythmus“ nannte. Nicht mehr das menschliche Schlafbedürfnis setzte den Rahmen für die Nachtruhe, sondern die Anforderungen der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft. Vereinfacht gesagt: Mit dem Aufkommen der Industriegesellschaft haben wir begonnen, unseren Schlaf zu rationalisieren.

Was wir heute erleben, ist die Fortführung dieser Entwicklung. Schlaf ist funktional geworden, etwas, das man so schnell wie möglich hinter sich zu bringen hat. „Man geht abends ins Bett, möchte möglichst schnell einschlafen, und morgens, wenn man aufsteht, will man auch wach sein“, sagte die Historikerin Hannah Ahlheim in einem Interview. Schlaf müsse heutzutage effektiv sein, produktiv, er müsse sich dem Takt der Leistungsgesellschaft anpassen.

Damit einher geht ein Imagewandel des Schlafes. Gleichmann schrieb bereits 1980 von einem „Peinlicher-Werden des Schlafes“. „Führungskräfte in Politik und Wirtschaft brüsten sich, wie wenig Schlaf sie benötigen. Wer nicht schläft, gilt als dynamisch, fleißig und erfolgreich“, schreibt der Schlafforscher Hans Günther Weeß. Schlaf ist da bloße Schwäche, vergeudete Zeit.

Begünstigt wird diese Entwicklung von einer Generation, die nicht mehr nur arbeiten möchte, die hohe Ansprüche an ihre Freizeit hat und das Smartphone nachts neben das Kopfkissen legt. Die Autoren der Schlafstudie haben gefragt, warum die Teilnehmer nicht frühzeitig ins Bett gehen. Besonders die Unter-40-Jährigen gaben an, dass ihre Freizeitaktivitäten zu viel Zeit in Anspruch nehmen. „Der Tag hat 24 Stunden, und davon entfällt in der Regel ein Drittel auf Arbeit. Zieht man zudem die Zeit für Wege, Haushalt und Körperpflege ab, lässt sich freie Zeit für Hobbys, Freunde und Familie oft nur auf Kosten der Schlafzeit finden.“ Jeder Zweite unter 40 gibt außerdem an, dass er zu lange online ist, jeder Vierte kommuniziert zu lange über Messenger-Dienste und Soziale Netzwerke. „Diese Idee, dass ich in mein Schlafzimmer gehe, die Tür zumache und dann für die Gesellschaft nicht mehr erreichbar bin, geht verloren“, sagt Ahlheim.

Darin, dass es so nicht weitergehen kann, sind sich alle Experten einig. Eine unausgeschlafene Gesellschaft ist weniger produktiv, sie lebt ungesünder, sie ist unzufriedener. Unausgeschlafene Schüler schreiben schlechtere Noten, unausgeschlafene Arbeitnehmer bringen schlechtere Leistungen und sind nicht so kreativ. Und auf Dauer nervt es ja auch, ständig müde zu sein. „Natürlich wäre es ideal, wenn man sich von der Idee lösen könnte, dass es den einen Schlaf gibt, nach dem wir uns alle richten müssen“, sagt Ahlheim und schränkt dann ein: Das sei natürlich schwierig, weil unsere Gesellschaft feste Zeitrhythmen habe, weil unsere Arbeitgeber Zeiten diktieren, von denen man sich nicht lösen könne.

Doch warum eigentlich nicht? Warum kann die Arbeitswelt nicht auf die individuellen Schlafbedürfnisse der Menschen eingehen? Es gibt Frühaufsteher und Langschläfer, es gibt Eulen und Lerchen, es gibt gar nicht mal so wenige, die sich einen Mittagsschlaf wünschen. Der Mensch hat sich über mehr als ein Jahrhundert der Arbeitswelt angepasst. Es wäre nur fair, wenn sich die Arbeitswelt nun dem Menschen anpassen würde.

Freizeitstress, Internet, Messenger
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