Silber nach Göppingen

KARL-HEINZ PREUSKER 08.08.2012
Wenn am Freitag die Stabhochspringer in London ihren Wettkampf austragen, werden sich ältere Göppinger an die Olympischen Spiele 1964 erinnern, als der Göppinger Wolfgang Reinhardt Silber gewann.

Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1964 in Tokio mussten sich die deutschen Sportler in zwei Stufen qualifizieren. Zum ersten hieß es, sich unter den bundesdeutschen Konkurrenten zu behaupten, danach gab es mit den Sportlern aus der DDR Qualifikationswettbewerbe für die Gesamtdeutsche Mannschaft, ein Konstrukt, das es bei den Spielen 1956, 1960 und 1964 - damals fanden Sommer-und Winterspiele noch im gleichen Jahr statt und nicht versetzt wie heute - gab, ehe ab 1968 zwei getrennte Mannschaften starteten.

Wolfgang Reinhardt setzte sich in den Qualifikationswettkämpfen durch und trat in Tokio zusammen mit Klaus Lehnertz (Kassel) und Manfred Preußger (Leipzig) an. Im Jahr 1964 startete er nicht mehr für seinen Heimatverein Turnerschaft Göppingen, sondern für den SV Bayer Leverkusen. Dem führenden Leichtathletikverein in Deutschland hatte er sich schon 1962 angeschlossen, dort fand er insgesamt bessere Rahmenbedingungen vor, trainierte aber weiterhin in Göppingen mit seinem Entdecker und Heimtrainer Jörg Bernlöhr.

Spätestens als Wolfgang Reinhardt (Jahrgang 1943) im Jahr 1961 Deutscher Jugendmeister in Stabhochsprung geworden war, wurden die Fachleute auch außerhalb Württembergs auf ihn aufmerksam. 1962 startete er bei den Männern und wurde Zweiter, außerdem holte er sich den Titel des deutschen Juniorenmeisters. Mit heute übersprungenen Höhen sind die damaligen Leistungen nicht vergleichbar, Trainingsmethoden und vor allem das Material haben sich wesentlich geändert. Sprang Reinhardt 1962 noch 4,40 Meter hoch, folgte im Jahr darauf eine Leistungsexplosion. In der Halle wurde Reinhardt mit 4,70 Meter Deutscher Meister, beim Titelgewinn im Freien überquerte er gar 4,92 Meter. Den Meistertitel 1964 holte sich der gebürtige Göppinger mit 5,05 Meter, 1965 war er mit 4,85 Meter ebenfalls bester Deutscher. Im Jahr 1968 folgte, in den Farben von Eintracht Kerpen, mit einer Höhe von 4,00 Meter noch einmal ein Titelgewinn in der Halle.

Seine persönliche Bestleistung von 5,11 Meter schaffte Wolfgang Reinhardt im Vorfeld der Olympischen Spiele, am 2. Juli 1964. Das war zu diesem Zeitpunkt Europarekord, den er zuvor mit 5,04 Meter inne hatte. Bei den Junioren stellte Reinhardt drei Mal einen Europarekord auf, zuletzt 1962 mit 4,63 Meter. Den deutschen Rekord verbesserte er insgesamt acht Mal, zuletzt auf die genannten 5,11 Meter.

Die Olympischen Spiele von Tokio fanden später im Jahr statt, vom 10. bis 24. Oktober 1964. Das Finale der Stabhochspringer wurde am 17. Oktober ausgetragen. Nach einem dramatischen, neun Stunden andauernden Wettkampf belegten die Deutschen Spitzenplätze. Wolfgang Reinhardt wurde mit 5,05 Meter Silbermedaillengewinner, Bronze holte sich Klaus Lehnertz mit 5,00 Meter und Vierter wurde mit der gleichen Höhe Manfred Preußger, der am 27. August jenes Jahres den Europarekord auf 5,15 Meter gesteigert hatte. Der Sprung ganz oben aufs Treppchen blieb Reinhardt verwehrt, die Goldmedaille holte sich Fred Hansen (USA) mit 5,10 Meter.

Nach seiner aktiven Zeit lebte Wolfgang Reinhardt in München, wo er im Juni 2011 im Alter von 68 Jahren gestorben ist.

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