London Shaherkanis kurzes Olympia-Debüt - "Neue Ära"

Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani wurde von den Judo-Fans mit großem Beifall begrüßt. Foto: Orestis Panagiotou
Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani wurde von den Judo-Fans mit großem Beifall begrüßt. Foto: Orestis Panagiotou
London / Von Michael Fox und Franko Koitzsch, dpa 03.08.2012
Gerade einmal 80 Sekunden dauerte der Auftritt der saudischen Judo-Schwergewichtlerin Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani bei Olympia. Doch mit ihrem Gang auf die Judo-Matte hat die 16-Jährige möglicherweise schon für das Symbol der London-Spiele gesorgt.

Ein scheuer Blick, ein letzter Zupfer am schwarzen Hidschab - dann betrat Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani am Freitag um 10.27 Uhr Ortszeit bei den Spielen in London sportliches Neuland. Ein, zwei Aktionen durfte die erst 16 Jahre alte Athletin mit der ungewöhnlichen Kopfbedeckung, die aussah wie eine schwarze Badekappe, unter dem großen Beifall der Judo-Fans in der ExCeL-Halle zeigen, ehe ihr Abenteuer bei den Spielen in London schon wieder beendet war. Gerade 80 Sekunden dauerte der Auftritt der ersten Athletin aus Saudi-Arabien in der Olympia-Geschichte. Das Internationale Olympische Komitee hofft, dass das kurze Gastspiel dennoch ein wegweisendes Zeichen für die Zukunft gesetzt hat.

"Ich war so nervös. Ich war noch nie vor einer solchen Menschenmenge", gestand die 16-Jährige nach ihrem Aus gegen Melissa Mojica aus Puerto Rico. Übrigens auch nicht gerade eine Vertreterin einer Judo-Großmacht, aber darum ging es am letzten Tag der Wettkämpfe nicht. Das Symbol zählte - und das dürfte Wirkung weit über diesen 03. August 2012 hinaus haben.

Erstmals haben alle Olympia-Teams Frauen nominiert - auch Katar und Brunei, die wie die Saudis keine Athletinnen für die Peking-Spiele nominiert hatten. In London geht neben Shaherkani die in den USA lebende 800 Meter-Läuferin Sarah Attar für den Ölstaat an den Start. Bei der Eröffnungsfeier trugen beide Kopftücher - die Empörung der Sittenwächter und bei religiös-konservativen Kreisen in der Heimat war trotzdem riesengroß.

Frauensport gilt in Saudi-Arabien als schamlos. Schulsport ist für Mädchen verboten, Frauensporteinrichtungen werden nicht genehmigt, und ohne Begleitung eines männlichen Familienmitglieds dürfen Frauen nicht verreisen. In London steht der 16-Jährigen ihr Vater zur Seite.

Die Menschenrechtler von Human Rights Watch hatten "wegen Geschlechter-Diskriminierung" den Olympia-Ausschluss Saudi-Arabiens gefordert. "Dass Frauen und Mädchen nicht für die Wettkämpfe trainieren können, verletzt eindeutig das Gleichberechtigungsgebot der olympischen Charta und verpasst der olympischen Bewegung selbst ein blaues Auge", hieß es. Nun sind die saudischen Frauen bei Olympia dabei - und IOC-Präsident Jacques Rogge sieht einen "Meilenstein" auch für die Entwicklung des Frauensports in der arabischen Welt.

Tagelang hatte es ein Gezerre um den Auftritt Shaherkanis gegeben. Der Internationale Judoverband (IJF) lehnte ein Kopftuch aber zunächst kategorisch ab. Es entspreche nicht den Regeln, sagte Präsident Marius Vizer. Doch am Ende einigte man sich auf eine speziell konzipierte Kopfbedeckung, die eher einer Haube glich.

Sichtlich beeindruckt von der Medienmeute stand die Teenagerin nach ihrem kurzen Auftritt in den Katakomben der ExCeL-Arena. Kein Olympiasieger hatte so viele Journalisten in die Judo-Halle gelockt wie die Athletin aus Saudi-Arabien. "Ich war aufgeregt und sehr stolz, mein Land hier zu präsentieren", sagte die Judoka noch. "Judo machen viele in meiner Familie, mein Vater ist hier Kampfrichter."

Damit war die historische Premiere auch fast schon vorbei. Shaherkani wurde vom saudischen Offiziellen Hani Kamal Najm in die abgeschiedenen Hinterräume geführt. Vorher konnte sie aber doch noch eine Botschaft abgeben - und da war sie plötzlich gar nicht mehr scheu: "Hoffentlich ist es der Beginn einer neuen Ära, hoffentlich werden andere Frauen mir nachfolgen."

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