CHRISTIAN RETTERMAYER

Wie ein kleines Ferkel quietscht der Bohrer, wenn er im Holz verkantet und stecken bleibt. „Langsam, Martin“, rät der Vater und rückt die Kinderhände ein paar Zentimeter nach rechts. Die Schraube löst sich, und „schwupp“ saust sie in das Pappel-Holzstück hinein. Martin hat den Lautsprecher festgeschraubt. Seinen ersten eigenen „Hörbert“, einen MP3-Player aus Holz, hat er mitgeschreinert. Freudestrahlend  guckt er seinen Papa über die Schulter an.

Der Achtjährige und sein kleiner Bruder Fabian verbringen manchen Sonntag mit Papa Rainer in der Werkstatt. „Als die Jungs noch kleiner waren, haben wir Nagelbretter gebastelt – als Starterübung schaffen das sogar Dreijährige“, erinnert sich Rainer Brang aus Nürtingen. Für den Softwareentwickler gehört das Basteln mit den Söhnen zur wertvollsten Lebenszeit. „Ich komme dann in eine Art Flow“, schwärmt der 41-Jährige und lacht. Stunden fliegen dahin. Vater und Sohn sind glücklich und verbunden.

Gerald Hüther, Neurobiologe an der Universität Göttingen, weiß, warum das so ist. „Begeisterung macht glücklich“, erklärt er in einem Vortrag. Und wenn wir dies mit anderen initiieren, indem wir etwa zusammen basteln oder einen Kuchen backen, dann ist das Doping für Geist und Hirn. Genau darauf zielen gemeinsame Entdeckungsstunden ab. Einerlei, ob das Gespann aus Vater-Sohn oder Vater-Tochter besteht, denn Mädchen haben ebenso viel Spaß am Werken mit Papa. „Lernen findet im Leben statt. Nur wenn es auf echten Erfahrungen basiert, ist Wissen nachhaltig“, sagt Hüther. Dürfen Kinder also selbst Holz zersägen, Schrauben setzen, Einzelteile mit Leim zusammenkleben und ihr Werk anschließend in der Lieblingsfarbe bepinseln, dann werden sie gefördert und gefordert.

„Das Gehirn entwickelt sich am besten, wenn wir es mit Begeisterung nutzen“, versichert Hüther. Deshalb werden wir bei Tätigkeiten, die wir leidenschaftlich ausüben, schnell besser. Aus anfangs dünnen Nervenbahnen formen sich mehrspurige Straßen mit Kreuzungen und Abzweigungen. Je komplexer diese Netze, desto bunter die Palette, mit der Kinder Probleme lösen lernen. Die Mädels und Jungs nehmen ihr Umfeld achtsamer wahr und können Erlebtes verknüpfen. Natürlich begeistert auch ein Zoobesuch mit der Familie. Doch wir empfinden deutlich mehr Glück, wenn wir zusammen etwas erschaffen, sagt der Neurobiologe.

Glück fühlen ist ein Aspekt. Ein anderer ist die Vaterrolle, die durch gemeinsame Bastelzeit gefestigt wird. Der Pädagoge und Autor Jesper Juuls schreibt in seinem Buch „Leitwölfe sein“ von der „Gleichwertigkeit“ zwischen Eltern und Kindern. Diese entsteht, wenn Väter mit ihren Söhnen oder Töchtern Zeit verbringen und auf einer Ebene miteinander agieren.

Dazu gehört – wie bei den Brangs – das Schrauben am selbstgebastelten MP3-Player aus Holz. Oder ein Besuch auf dem Hofgut Hopfenburg in Münsingen. Dort können sich Familien in ein Indianerzelt einquartieren oder sich einen Zirkuswagen mieten, um gemeinsam die Natur zu erleben: Holz sammeln, Lagerfeuer machen oder Esel, Rinder und Schafe füttern.

Diese Ausflüge in die Natur oder in die Kellerwerkstatt wirken sich positiv auf Psyche und Verhalten aus. Manfred Spitzer zieht diesbezüglich offen vom Leder: Siebeneinhalb Stunden verbringen junge Menschen heute täglich mit digitalen Medien. Verdummung, Verfettung und eine höhere Gewaltbereitschaft seien Ergebnisse dieses Konsums, meint der Ulmer Hirnforscher.

Wer dem entgegenwirken will, muss handeln. Denn wer nicht mehr die Fertigkeit ausbildet, eine Schraube einzudrehen oder auf der Straße zu malen, lässt sein Gehirn verkümmern. „Väter sind für diese Jobs prädestiniert“, sagt Rainer Brang. Sein jüngerer Sohn Fabian malte jüngst ein Motorboot auf Papier. Mit einem Laserschneider schnitt der Vater die Skizze aus Holz aus, gemeinsam schraubten sie einen alten PC-Lüfter als Propeller dran. „Seither flitzt das Speedboat durchs Kinderzimmer“, erzählt Brang.

Ob er damit auch in Serienproduktion gehen kann, bleibt ungewiss. Aus der Holzkiste mit dem eingebauten MP3-Player hat der clevere Entwickler ein Geschäftsmodell gemacht. Vom „Hörbert“ gibt es inzwischen mehr als 5500 Exemplare. Einige davon haben Väter gemeinsam mit ihren Söhnen zusammengeschraubt.

Freizeit: Hausaufgaben an erster Stelle

Befragung Für Kinder in Baden-Württemberg ist Lernen die Freizeitbeschäftigung Nummer eins. Das ergab eine Erhebung des Medienpädagogischen Forschungsverbands Südwest. Für die KIM-Studie 2014 (Kinder und Medien) befragte das Institut 1200 sechs- bis 13-Jährige Jungen und Mädchen nach ihrer Freizeitgestaltung. 98 Prozent sitzen demnach mehrmals pro Woche am Schreibtisch. Fast alle Kinder vertreiben sich die Zeit außerdem mit Fernsehen. Trotzdem kommt das Toben nicht zu kurz. Ein Großteil der Kinder (90 Prozent) spielt regelmäßig drinnen oder im Freien. Auch Sport steht bei zwei Dritteln der Jüngeren auf dem Wochenplan. Während 78 Prozent gern Musik hören, greift nur knapp ein Viertel selbst zum Instrument. Immerhin die Hälfte der Befragten malt oder bastelt.