SK Hall Schach-Bundesliga: 14 Stunden am Brett

Vor Beginn der Partie fixiert Matthieu Cornette (rechts) seinen Bremer Kontrahenten Matthias Bluebaum. Die Partie der beiden endet mit einem Remis. Rechts im Hintergrund sitzt Anthony Wirig.
Vor Beginn der Partie fixiert Matthieu Cornette (rechts) seinen Bremer Kontrahenten Matthias Bluebaum. Die Partie der beiden endet mit einem Remis. Rechts im Hintergrund sitzt Anthony Wirig. © Foto: Thomas Marschner
München / FRANK ZELLER 24.02.2015
Der Traum vom Europapokal wird beim Schachklub Hall zwar weiter geträumt, doch der Bundesliga-Ausflug nach München endet mit einem Sieg gegen Emsdetten und einer Niederlage gegen Werder Bremen.

Austragungsort war das Kulturhaus Milbertshofen. Wo sonst Konzerte und Kleinkunst über die Bühne gehen, stand das stille Schach im Rampenlicht und erinnerte daran, dass Schach Teil der abendländischen Kultur ist. Wie andere Künste kann der "Probierstein des Gehirns" (Goethe) dem Betrachter auch ästhetische Befriedigung verschaffen. Schachpartien mit großartigen Geistesblitzen gelten unter Kennern als wahre Kunstwerke.

Die sportliche Dimension ging beim Haller 5,5:2,5-Sieg über Emsdetten sowie der 3:5-Niederlage gegen Bremen indes nicht verloren: Kondition war gefragt, man könnte auch sagen "Sitzfleisch". Denn beide Begegnungen gingen in die siebte Stunde. Der für Hall spielende Großmeister Anthony Wirig brachte es in zwei Partien auf rund 14 Stunden am Brett.

Beim schmächtigen 30-jährigen darf das Wort Sitzfleisch freilich nicht wörtlich genommen werden. Der drahtige Franzose krönte sein Powerplay im Spiel gegen den niederländischen Großmeister Ruud Janssen mit einem fein konstruierten Zugzwangmotiv im 101. Zug: Jeder Zug des Gegners führte unweigerlich zum Verlust, und beim Schach muss man ziehen, ob man will oder nicht.

Am nächsten Tag setzte Wirig gar noch einen drauf, kam sogar auf 117 Züge, war dem Gewinn sehr nahe. Doch der australische Großmeister David Smerdon, der für Bremen spielt, leistete heroischen Widerstand und entkam nach deutlich über sieben Stunden Spieldauer mit einem Remis. Der Mannschaftssieg für Bremen stand zu der Zeit bereits fest, nachdem zuvor Wirigs Landsmann Matthieu Cornette seinen leichten Vorteil nicht in einen Gewinn verwandeln konnte. Dennoch boten die drei französischen Spieler, die Hall an den mittleren Brettern aufbot, dem Team Rückendeckung an diesem Wochenende. Die Siege von Wirig, Cornette sowie Tigran Gharamian sorgten für die Entscheidung im Match gegen Emsdetten.

Beim Spiel gegen den Zweitplatzierten aus Bremen erwies es sich als entscheidend, dass die Aushängeschilder der Haller, der Chinese Li Chao sowie der Tscheche Viktor Laznicka, ihre Spiele an den Spitzenbrettern verloren. Li Chao steckte vielleicht noch der Jetlag in den Knochen. Jedenfalls fand er sich bald in einer Situation wieder, in der er zum Angreifen verdammt war. Sein Gegner, mit Alexander Areschtschenko ein Mann aus der erweiterten Weltspitze, verteidigt sich aber umsichtig und siegte im Gegenangriff.

Laznicka dagegen stand zwischendurch sehr zufriedenstellend, und doch sollte es nicht reichen: Seinem Gegner Luke McShane, der größtenteils in London als Banker arbeitet und als weltbester Schachamateur gilt, gelang es, den ruhigen Tschechen schwindlig zu spielen und zu Fehlern zu verleiten. An dem Bremer Sieg konnte auch der Sieg von Ernesto Inarkiev nichts ändern. Grund zur Freude hatte der Moskauer an diesem Wochenende dennoch: Seine beiden für Hall errungenen Siege brachten seine internationale Wertungszahl (Elo) wieder über die 2700er Schallmauer - das ist oft gleichbedeutend mit einem Eintrittsbillett zu lukrativen und hochklassigen Veranstaltungen.

Mit dem Vizemeister wird es nichts mehr werden, aber Hall bleibt weiterhin Dritter. Die Qualifikation zum europäischen Mannschaftswettbewerb - mindestens Rang vier - ist durchaus realistisch.

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