Als junger Mensch hat Willi Keller alle für ihn greifbaren Sagen verschlungen: die regionalen, die römischen, alle Sagen des klassischen Altertums. Auf die Idee, selbst Sagen zu sammeln und zu veröffentlichen, kam er zunächst nicht. Er hatte als Nachrichtenredakteur beim damaligen SWF auch anderes zu tun. Als dann aber Anfang der 1980er Jahre ein Verleger auf ihn zukam mit der Bitte, ein Sagenbuch zum Renchtal zusammenzustellen, packte Willi Keller das Sagen-Fieber. „Da wusste ich noch nicht, worauf ich mich einlasse.“

Willi Keller, der in Bad Peterstal (Ortenaukreis) geboren wurde, in Ibach-Löcherberg bei Oppenau aufwuchs und heute als Rentner bei Offenburg lebt, ist ein eher stiller Zeitgenosse. Anfang der 1980er Jahre begann er, sich tiefer mit den Ereignissen der Vergangenheit in seiner Region zu beschäftigen.  Den Ausschlag gab Rainer Fettig, der in Oppenau eine Apotheke betrieb. Er sollte für den Historischen Verein Oppenau einen Vortrag über Sagen halten. „Weil es ihm zu viel war, hat er mich gefragt, ob ich die Sagen lesen kann und er die Erläuterungen dazu gibt“, sagt der 66-jährige Keller.

Aufwändige Recherche

Das war schnell abgemachte Sache, und Willi Keller machte sich an die Arbeit. Der Vortrag war gut besucht und wurde ein Erfolg. Auch für seine Suche nach Sagen. „Vor allem nach Lesungen kommen oft Leute auf einen zu und erzählen Sagen, die sie noch kennen.“ Das ist eine Quelle, auf die sich der Journalist stützt. Bei der Recherche für sein erstes Buch arbeitete er sich aber vor allem durch diverse Archive und alte Sagenbücher. Unter anderem im „Alemannischen Institut“ in Freiburg wurde er fündig, und er recherchierte in den Orten, in denen die Sagen spielen, sprach mit Einheimischen, wühlte sich durch Ortschroniken, ebenso wie durch die archivierte Renchtal-Zeitung der Jahrgänge 1907 bis 1969. „Das war heftig.“

Sagenhaftes Baden-Württemberg Podcast-Serie: Sagen aus Baden-Württemberg

Ulm

Je tiefer er in die Sagenwelt eintauchte, umso mehr Leute lernte er kennen, die ihm hilfreiche Tipps gaben für weitere Recherchewege. „Das wurde zu einer richtigen Detektiv-Arbeit.“ Zwei Jahre hat es gedauert, bis sein erstes Buch „Sagen des Renchtals“ fertig war. Es kam 1985 auf den Markt mit einer Startauflage von 5000 Stück. „Nach zwei Monaten war die Hälfte verkauft. Es war, als hätten die Leute darauf gewartet.“ Keller hat kein wissenschaftliches Buch veröffentlicht, sondern ein Lesebuch. Das hat die Menschen angesprochen.

Außerdem hat Keller die Sagen „modernisiert“, in die heutige Sprache übertragen und regional geordnet. Waren sie in Sütterlin geschrieben, holte er sich Hilfe bei Menschen, die die alte deutsche Schrift noch lesen können.

Eine Sage zu jeder Burg

Sein zweites Buch „Im Schatten der Burgen“ kam 1988 heraus. „Da war die Recherche einfacher, weil ich schon wusste, wo ich fündig werde.“ Auslöser für dieses Projekt waren zwei Bände über Burgen in Mittelbaden. Keller fasste den ehrgeizigen Plan, zu jeder Burg eine Sage zu finden. „Das ist mir nicht zu 100 Prozent gelungen.“

2015 kam sein vorerst letztes, das siebte Sagenbuch heraus: „Sagen an Murg, Oos und Rhein“, in dem auch etliche gruselige Geschichten über Schloss Eberstein bei Gernsbach (Kreis Rastatt) enthalten sind. Ein Foto des heutigen Schlosses ziert den Einband des Buches.

Die These, es gebe in katholischen Gegenden mehr Sagen als in evangelischen „stimmt nicht“, sagt Keller. Die Zahl an Sagen hänge von den Leuten ab, die sich die Geschichten erzählt, gemerkt und auch aufgeschrieben haben – Geschichten, die meist einen wahren Kern haben. Welche Begebenheit in der Sage tatsächlich wahr ist, sei schwer zu sagen, meint Keller. „Ein großes Motiv in Sagen ist die Angst.“

Das haben Sagen mit Krimis gemein. Auf die ist Willi Keller inzwischen umgestiegen. In diesem Jahr ist sein erster Krimi „Irrglaube“ erschienen. Mit offenem Ende. Am zweiten Teil arbeitet er aktuell. Er soll im Herbst 2020 erscheinen. Ob der die Auflösung des Falls bringen wird, lässt er offen. Es bleibt spannend, wie bei den Sagen, die seinen Computer inzwischen mit 1,2 Millionen Zeichen füllen.

Noch mehr Sagenhaftes:

Sagenhaftes Baden-Württemberg Die Sage vom Drachen auf der Limburg

Weilheim an der Teck