Das andere Amerika: Blues, Jazz, Samba und Saxophon

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Rhythm of the Americas“ – das war das Motto des Neujahrskonzerts. Wie bitte, „Americas“? Viele stolpern erstmal über die ungewöhnliche Mehrzahl. Doch das Programm des Konzerts machte schnell klar, worum es geht.

Amerika, das sind – in Tagen des Machtwechsels zu Donald Trump wichtig zu erwähnen – eben nicht nur die Vereinigten Staaten. Ins Musikalische übertragen: Blues, Jazz, indianische, iberische, europäische und afrikanische Wurzeln. Der Doppelkontinent hat unendlich viel zu bieten: auch Samba, Rumba, Son und Salsa. Doch davon später.

Erstmal lässt US-Gastdirigent Daniel Meyer die „Cuban Overture“ von George Gershwin (1932) durch die Halle fetzen. Mit allem Drum und Dran, mit Kalebassen, Bongos, Guiro und Maracas. Toll, wie Meyer die Philharmonie in Sekundenschnelle zu einer Art Boston Pops Orchestra umfunktioniert, zu einem Klangkörper, der im Unterschied zum streng klassisch fixierten Sinfonieorchester gerade das Leichtere, Populäre spielend beherrscht.

Es klickert und klackert, rasselt und wummert, groovt und swingt. Die Kontrabässe grundieren mit federndem Samtpfoten-Pizzikato, der Dirigent tanzt – und irgendwann setzt dann eine jener berühmten Gershwin-Melodien ein: hymnisch, mitreißend, verheißungsvoll. Die Trompete glänzt in gleißendem Sound, die Klarinette hat den Blues. Und das Orchester strahlt und leuchtet. Ein starker Auftakt.

Dann die mottospendende Komposition: „Rhythm of the Americas“ (2001) von Bob Mintzer. Der heute 63-Jährige hat schon mit Diana Ross und Herbie Hancock zusammengearbeitet, musizierte mit dem Top-Bassisten Jaco Pastorius ebenso wie mit dem renommierten New York Philharmonic. Er gilt als prägende Jazzpersönlichkeit, ist Mitglied in der Fusionband Yellowjackets, lehrt als Professor in Los Angeles und ist seit 2016 auch noch Chef der WDR Big Band.

Multiethnisches Kaleidoskop

Daniel Meyer am Pult der Philharmonie breitet das viersätzige Werk – ein Konzert für Saxophonquartett und Orchester – als funkelndes Riesenpanorama nord- und südamerikanischer Musik-Vielfalt aus. Und wie dieses klingende multiethnische Kaleidoskop rüberkommt! Einfach fesselnd. Dem Berliner Saxophon-Vierer Clair-obscur, der wohl besten Formation ihrer Art, und der Philharmonie unter Meyer gelingen – gerade in bekennender Stil-Diversität – unglaubliche Momente, in denen das Miteinander von höchster Präzision, rhythmischem Groove und schwelgerischer Intensität nahezu perfekt wirkt. Vom ebenso vollendeten, klangschönen Verschmelzungsgrad ganz zu schweigen. Im „Jazzical“-Teil hebt das Altsax über sanften Streicherwolken zu einer wunderschönen Kantilene ab, später holt das Tenorsax, delicatissimo von den Posaunen unterlegt, aus zu einem weit ausschwingenden Gesang.

Außerirdisch: die synchronvirtuosen Bebop-Linien. Zartbitter zum Wegschmelzen: die raffinierte Jazzharmonik. Einfach herrlich: die A-cappella-Chöre der vier Saxophone. Kurzum: Daniel Meyer am Pult schafft es, dass das Clair-obscur-Quartett und die Philharmoniker sich gegenseitig beflügeln – und das in ansteckender Weise, die sich auch aufs Publikum überträgt. „Rhythm of the Americas“ – so gut hat das Orchester noch selten mit vier Solisten harmoniert.

Clair-obscur bedanken sich, klar, auf ungewöhnliche Art: mit einem kleinen Gruppen-Ballett, bei dem sich nacheinander alle vier Musiker auf der Bühne einfinden, um den berühmten „Liber Tango“ von Astor Piazzolla anzustimmen. Und weil’s so schön ist, gibt’s noch eine zweite Zugabe: von Philip Glass, na was wohl, ein Stück Minimal-Music, scheinbar meditativ ruhend und doch höchst bewegt.

Dann russischer Furor, angereichert mit Einflüssen aus dem amerikanischen Exil: Sergei Rachmaninows „Sinfonische Tänze“ (1941). Ein sakrisch schwieriges, im Koordinativen äußerst anspruchsvolles Werk – bei dem es Daniel Meyer am Pult richtig krachen lässt. Das Orchester, verstärkt durch etliche Aushilfen und Christoph Enzel von Clair-obscur am Altsaxophon, entwickelt hier rhythmische Schlagkraft und melodische Expressivität zugleich. Bei einem so exuberanten Werk litt am Montag allenfalls die Dynamik unter zu viel Dauer-Dampfdruck – ein differenteres Lautstärken-Panorama hätte mehr Effekt gemacht.

Am Ende Alleluja

Aber sonst: fulminant das alles. Schillernde Klangfarben im Allegro, gespenstische Walzerschatten im Andante und martialisch stechende Dies-Irae-Motive samt versöhnlichem Alleluja im Finale: Meyer, der lange als aussichtsreichster Kandidat für den Chefposten der Philharmonie galt, erreicht hier etwas Seltenes: einen gemeinsamen Atem. Schmissig die Zugabe: Tschaikowskis Polonaise aus „Eugen Onegin“. Doch mit Verlaub: Höhepunkt des Neujahrskonzerts blieb freilich Bob Mintzers „Rhythm of the Americas“. Wie wär’s, wenn sich die Philharmonie und Clair-obscur zusammentäten – für eine Einspielung dieses Werks unter Fawzi Haimor auf CD? Auf jeden Fall: Mehr davon bitte!

Blick nach Hamburg Ja, die Elbphilharmonie: Sie ist fertig. Und natürlich war auch sie ein Thema beim Empfang, den die Württembergische Philharmonie traditionell nach ihrem Neujahrskonzert in der Stadthalle ausrichtet. Sicher, die Zeiten, da Elbphilharmonie-Bashing eine Art Breitensport in der Kulturszene war, sind nun vorbei. Denn das Hamburger Jahrhundertprojekt ist ein Publikumsmagnet – auch wenn der Zeitplan um sieben Jahre verfehlt und die Kosten mehr als zehnmal so hoch wie geplant ausfallen (866 statt 77 Millionen Euro). Der Prachtbau der Architekten Herzog & Meuron gilt jetzt schon als neues Wahrzeichen Hamburgs, ist auf Monate hin ausgebucht. Und Hand aufs Herz: Vieles von dem, was da jetzt im Vorfeld der Eröffnung diskutiert wurde (Weinberg- und Schuhkarton-Bauweise, aufwendig durchbrochene Wandstrukturen zur Optimierung der Akustik und so weiter), ist beim Bau der Stadthalle Reutlingen genauso debattiert worden: allerdings nicht ganz so großspurig. Zudem sei in aller selbstbewussten Bescheidenheit daran erinnert, dass die Stadthalle im Zeit- und Kostenplan fertig geworden ist (42 Millionen Euro).

 So zitierte Intendant Cornelius Grube zuallererst Bundespräsident Joachim Gauck, der in der neuen Elbphilharmonie die „Raumerfahrung“ als „verbindende Kraft“ bezeichnete. Auch jetzt, im anbrechenden fünften Jahr der Stadthalle, sei der „Zustrom“ zu den WPR-Konzerten „ungebrochen“. Mit 1400 Abonnenten vermelde man gar einen „neuen Rekord“. In einer Zeit, da „nationalistisches Denken“ sich wieder breit mache, gelte es, die Fähigkeit der Musik zu stärken, „Gräben zu überwinden“. Die Kinder- und Jugendprogramme des Orchesters, auch die Projekte mit Behinderten gelten als vorbildlich. Und die neue Reihe „Seelenbalsam“ für Demenzkranke soll auch in Tübingen und Münsingen eingeführt werden. In dem Projekt „Fugato“ arbeiten zudem schon seit einiger Zeit WPR-Profis mit Flüchtlingen zusammen – am 29. Juni ist ein Abschlusskonzert in der Stadthalle geplant. Auch die Wahl von Fawzi Haimor, eines US-Amerikaners mit libanesisch-philippinischen Wurzeln, zum designierten Chefdirigenten zeige die „kulturelle Offenheit“ des Orchesters. Zudem stehe sie für den internationalen Anspruch, den die Philharmonie verkörpere. Seit der Ernennung Haimors, der sein Amt mit Beginn der Spielzeit 2017/18 antreten wird, mehren sich, so Grube, weltweite Anfragen an das Orchester – auch aus China und Südostasien.

 „Was für ein Auftakt!“ OB Barbara Bosch, Stiftungsratsvorsitzende der WPR, war voll des Lobes über ein mitreißendes Neujahrskonzert, begeistert davon, wie sich das Orchester, bildlich gesprochen, „wagemutig“ und „in aberwitzigen Rhythmen“ gleichsam ganze „Niagara-Wasserfälle hinuntergestürzt“ habe. Dem amerikanischen Gastdirigenten Daniel Meyer dankte sie für ein „Sinnen- und Rausch-Erlebnis“. Und dem Saxophonquartett Clair-obscur hätte sie „noch Stunden zuhören können“. Zudem sei auch die von Übersee-Klängen dominierte Programmauswahl „wohltuend“ gewesen: Sie zeige nämlich, dass es neben all den Debatten um den neuen Präsidenten „auch ein anderes Amerika gibt“. Otto Paul Burkhardt

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