Ötscher/Österreich

Da steht der Bär. Auf allen vieren, mit breitem Rücken, die Schnauze ist zu Boden gesenkt, die Ohren wirken wie kleine Hörner. Er steht an einer Geländekante, die weite Blicke ins Umland gewährt. Der Wanderer kann sie genießen, ohne nervöse Blicke zum Bären. Der steht stoisch hingepflanzt für die Ewigkeit: ein Metallrahmen in Bärengestalt, eine Silhouette als Blickfang.

Der Bär ist Symbol des Naturparks Ötscher-Tormauer, ein von Schluchten durchzogenes Gebiet am niederösterreichischen Alpenrand, entstanden 1970. Danach geschah nicht viel, aus der waldigen Gegend wanderten immer mehr Bewohner ab und der Ötscher-Bär zu. 1972 ließ sich ein Bär aus Slowenien im Ötscher-Gebiet nieder, und nachdem einige Artgenossen gezielt dort ausgesetzt worden waren, wuchs die Bärengruppe auf 35 Tiere an. So manches Tier wurde illegal weggeschossen, der Rest schaffte die Reproduktion nicht, so dass irgendwann der letzte Bär verschwand.

Geblieben ist er als Leitfigur eines Naturparks, der sich nun nicht nur mit Bären-Silhouetten aufgemöbelt hat und der - von Touristen noch eher verhalten besucht - als Rohdiamant gilt: eine intakte Kulturlandschaft, eine hohe Dichte an Bio-Betrieben (in manchem Dorf über 50 Prozent) und dazu der Ötscher. Nicht mal 1900 Meter ist er hoch, aber dominant steht er über dem Umland.

Ein ebenmäßiger Kegel ragt mit steilen Kalkwänden aus einem Kranz von Bergwäldern, auf einer Seite zieht sich ein zackiger Grat hinab. Ein Bild von Berg, der zum Matterhorn Niederösterreichs geadelt wurde. Wanderern bietet er einen zahmen Zugang über den breiten Westbuckel. Nach einigen Latschengassen oberhalb des Ötscherschutzhauses zieht eine baumlose Panoramastrecke hoch bis zum Gipfel, mit einer umfassenden Sicht ins Alpenvorland und die sogenannten richtigen Berge. Aber wer auf den kleinen Matterhörnern war, weiß, dass es Größe nicht unbedingt braucht für einen tollen Bergtag.

www.oetscher.at

Großer Mythen/Schweiz

Da wundert sich der Gast aus Deutschland, der in seinem Kopf das Bild einer Schweiz hat, die vom protestantischem Arbeitsethos durchdrungen ist. Es ist ein Montagmorgen, und auf dem Bergweg, auf dem er unterwegs ist, kommt er mit dem „Grüezi“-Erwidern kaum nach. Und es sind nicht nur Rentner, die ihre freie Zeit genießen, sondern auch junge Leute. Andererseits: Irgendwie müssen sie ja zusammenkommen, die gut 30 000, die jährlich den Großen Mythen besteigen.

Von der Höhe her - 1898 Meter - ragt der Große Mythen kaum übers Mittelgebirgsmaß hinaus. Aber schon der erste Anblick lehrt Respekt. Jäh steigen die steilen Kalkwände des Großen und des Kleinen Mythen aus einer sanften Alplandschaft auf. Das „Matterhorn der Wanderer“ wird die formvollendete Pyramide des Großen Mythen auch genannt. Von welcher Seite man ihn auch angeht - erst führen die perfekt gepflegten Wege durch sanft ansteigendes Almenland.

Aber an der Holzegg, einem Berggasthof, ist dann Schluss mit gemütlich. Steil schrauben sich 43 Kehren Hunderte von Höhenmetern empor, auf stufigem Fels. Schwer ist das nicht, aber talwärts geleiten nur abschüssige Grasflanken den Blick hinunter, da gab es schon tödliche Abstürze. Manchmal bieten Ketten Halt und psychische Stütze, und es gibt sogar einen eigenen Verein der Mythenfreunde, der den Weg gangbar hält und zum Beispiel speckigen Fels aufgeraut hat.Wenn sich der Weg um die Bergkante herum schlängelt, an der rötlichen Felsnase des höhlendurchsetzten Rotnollens, wartet erst das Bändli, ein gut 20 Meter langer Grat, aber zu beiden Seiten geht es weit hinab. Eine Mutprobe ist das kaum noch, jetzt sichern solide Kettengeländer den Übergang. Und auch dem fußbreiten Pfad, der dahinter in einen steilen Wiesenhang abbiegt, muss niemand mehr folgen: Die Passage durch die Totenplangg, wo etliche Wanderer zu Tal stürzten, wird jetzt umgangen.

Am Gipfel knattert die Schweizerfahne im Wind, das Kernland der Eidgenossenschaft um den Vierwaldstätter See liegt zu Füßen. Der Name der Mythen leitet sich zwar vom lateinischen Meta (Spitze, Dreieck) ab, aber der Berg ist mit dem Gründungsmythos der Schweiz eng verwoben. Der Gipfel ist nur ein kleines Plateau, es passt gerade eine Hütte darauf. Über einen Tresen am Fenster werden die berühmten Nussgipfel verkauft, und wie im Ruhrgebiet an der Trinkhalle werden die Flaschen rübergeschoben. Unter den Einheimischen ist das beliebt: zum Feierabend auf den Gipfel.

www.mythenregion.ch